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Porträtfoto des Philosophen Felix Guattari

Der Philosoph der Verknüpfungen

Seine Lehre mutet geradezu buddhistisch an: Sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen, das Dasein als Prozess zu begreifen, in dem unterschiedliche Systeme in Austausch miteinander treten, unterschiedliche Regeln und normative Ordnungen kreativ miteinander zu verknüpfen. Transversale Beziehungen schaffen, nannte es Félix Guattari.

Felix Guattari 19.10.2012

Der vor 20 Jahren verstorbene Philosoph warnte vor der Erstarrung, vor der Anhaftung und der Inbesitznahme durch das Ich. Was nach einer spirituellen Lehre klingt, stammt tatsächlich aus dem Umfeld der postmodernen französischen Philosophie.

Wunschmaschine des Unbewussten

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Veranstaltung:

Anlässlich des 20. Todestags von Félix Guattari fand am 12. und 13. Oktober die Konferenz "transversale - à propos félix guattari" an der Akademie der bildenden Künste in Wien statt.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 19.10., 19:05 Uhr.

Félix Guattari verfasste mit seinem geistigen Weggefährten Gilles Deleuze mehrere gemeinsame Werke, darunter wohl am einflussreichsten das epochemachende Werk in zwei Bänden über Kapitalismus und Schizophrenie: 1972 erschien der "Anti-Ödipus", 1980 folgte der Band "Tausend Plateaus".

Der "Anti-Ödipus" ist eine Art Manifest der Kulturrevolution von 1968, das nicht nur in seiner sprachlichen Radikalität bis heute unübertroffen ist. Es ist gleichermaßen eine schonungslose Abrechnung mit der Psychoanalyse von Freud bis Lacan und zwar in erster Linie mit deren Dogmatik, in der diese Lehre im Verlauf vieler Jahrzehnte zum Instrument der Repression erstarrt sei, so der Befund der Autoren.

Der Entfremdung des Individuums im Kapitalismus, das durch die Vergesellschaftung materialistischer Wünsche unterdrückt sei, setzten sie in der Schizo-Analyse ihr Konzept der Wunschmaschine entgegen: ein nicht sprachlich strukturiertes Unbewusstes, das nicht wie bei Lacan vom Mangel gekennzeichnet sei, sondern vom positiven Wunsch. In der Schizo-Analyse ist der Grundtypus auch nicht der Neurotiker wie bei Freud, sondern der Schizophrene, was ein in sich widersprüchliches Unbewusstes voraussetzt.

Wurzelhaftes statt hierarchisches Wissen

In "Tausend Plateaus" unterziehen Guattari und Deleuze den abendländischen Rationalismus einer kritischen Prüfung und plädieren stattdessen für Pluralismus und Heterogenität im Sinne einer "nomadische Wissenschaft", und entwickeln für die Wissensorganisation im Zeitalter der Postmodern das philosophische Konzept der Rhizomatik, das der Welt der Pflanzen entnommen ist.

Das Rhizom bezeichnet das Wurzelgeflecht der Pflanzen: Mit der Metapher ist das Modell einer anti-hierarchische Organisation von Wissen gemeint, das durch Querverbindungen besser zugänglich ist und das an die Stelle des seit der Antike gebräuchlichen Baummodells gesetzt wird, in dem Wissen hierarchisch klassifiziert ist.

Wissenschaftstheorie und Medienphilosophie haben dieses Konzept aufgegriffen, Anwendung finden die Ideen in der Resilienzforschung ebenso wie in der Netzwerkanalyse.

Bedeutung in der Netzwerkanalyse

Der Netzwerkanalytiker und Philosoph Harald Katzmair hat in seiner Arbeit mit Netzwerken immer wieder zu den Ansätzen Guattaris zurückgefunden. Verblüffend sei die Nähe zur Naturwissenschaft von Guattaris Theorien, etwa zur Komplexitäts- und Chaosforschung, sagt er.

"Im Unterschied zu den herrschenden Ansichten von Netzwerken sind nicht die Knoten das Interessante, sondern die Beziehungen. Die Idee des Rhizom, das ist eine ständig wuchernde Urproduktion des Seins, eine ontologische Prozesshaftigkeit unserer Welt, als Grundlage von Kreativität, die es bereits gibt, lange bevor wir 'Ich' sagen und 'Das gehört mir'. Es beschreibt die Primärproduktion des Lebens, bevor wir uns in unserem Eigennamen territorialisieren, indem wir etwas in Besitz nehmen, in der naiven Annahme, die Prozesshaftigkeit des Lebens aufhalten und verhindern zu können: Das war, denke ich, der Einsatz von Guattari."

Akademischer Außenseiter

Mit seiner radikalen Kritik an der Psychoanalyse stieß der Lacan-Schüler Félix Guattari, der aus der praktischen Arbeit der Psychiatrie kam, in der französischen Intellektuellenszene auf wenig Sympathie.

Hinzu kam, dass sich die Kritik an erstarrten Systemen auf den westlichen Kapitalismus ebenso wie auf die dogmatisch organisierte kommunistische Partei bezog, und sie sparte auch das autoritär-hierarchische akademische System nicht aus, ein weiterer Umstand, der seine Position als anerkannter Intellektueller nicht gerade stärkte: Guattari bewegte sich am Rand der akademischen Welt, er war nicht wie Gilles Deleuze als Philosoph universitär verankert.

Die Zusammenarbeit mit dem anerkannten Kollegen ermöglichte dem akademischen Outsider einerseits eine entsprechende Wahrnehmung der in ihrer Zeit überaus provokanten Thesen. Zugleich ließ sie ihn aber gerade deshalb auch zu Unrecht in dessen Schatten wahrgenommen werden.

Revolution der Psychiatrie

Das Werk von Félix Guattari ist eine Reaktion auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, die seine Generation zu verarbeiten hatte. 1930 in Villeneuve-les-Sablons im Norden Frankreichs geboren und in einem Pariser Arbeitervorort in guten sozialen Verhältnissen aufgewachsen, studierte Félix Guattari Philosophie und Pharmazie und war Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, ehe er anlässlich des Ungarnaufstandes 1956 aus ihr austrat.

In den fünfziger Jahren schrieb er für die kommunistische Zeitschrift "La voie". Gleichzeitig arbeitete er in der psychiatrischen Klinik "La Borde", die Jean Oury, ein Schüler des berühmten französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan begründet hatte. Auch Félix Guattari war bei Lacan in Analyse und studierte in den sechziger Jahren an dessen "École Freudienne" in Paris.

Gemeinsam mit Oury machte sich Guattari daran, die herkömmliche Psychiatrie zu revolutionieren. Im Geist der 68er entstanden die ersten Modelle von Patientenkollektiven: Patienten erhielten die Möglichkeit zur Mitsprache, beziehungsstiftende Orte wie die Küche wurden geschaffen, wo beim gemeinsamen Zubereiten von Mahlzeiten zwischen Patienten, Ärzten und Anstaltspersonal neue Rollen ausprobiert und Perspektiven gewechselt wurden.

Künstler, Medienarbeiter, Ökologe

Félix Guattari war nicht nur Philosoph und Denker, er war auch Aktivist und Agitator im künstlerischen und revolutionären Umfeld der 68er-Bewegung. Unmittelbar vor seiner Bekanntschaft und Zusammenarbeit mit Gilles Deleuze beteiligte er sich im Mai 1968 an der Besetzung des Odéon-Theaters und gestaltete gemeinsam mit Jean-Luc Godard und der "Groupe Dziga Vertov" Foto- und Filmmontagen.

Er war in der Medienarbeit aktiv und setzte sich in den 70er-Jahren dafür ein, im Umfeld der autonomen Linken in Frankreich und Italien freie Radiostationen ins Leben zu rufen. Ungeachtet seiner Bemühungen, nicht mit den terroristischen Aktivitäten dieser Gruppen in Verbindung gebracht zu werden, brachte ihn seine Parteinahme für den italienischen Politikwissenschaftler Antonio Negri, der als geistiger Vater der Roten Brigaden verurteilt wurde, in den französischen Medien in Verruf.

Guattari wurde dessen ungeachtet in den 1980er Jahren zu einem Vordenker der Ökologiebewegung. Er beschäftigte sich mit dem Konzept der Ökosophie und prägte für den Begriff die Bedeutung als Anwendung in der Praxis: im ökologisch aufgeklärten Handeln. 1992, im Jahr seines frühen Todes an einem Herzinfarkt, erschien sein spätes Hauptwerk mit dem für sein Lebenswerk programmatischen Titel "Chaosmose", der den Denker als einen Antisystematiker auswies.

Qualität des Lebens liegt im Wandel

Guattari zu lesen und seinen Ansatz ernst zu nehmen, also Regeln miteinander zu verknüpfen und anderen Systemen Raum zu geben, sei deshalb heute politisch, ökonomisch und gesellschaftlich gefragter denn je, bekräftigt Harald Katzmair. Psychosoziale Erschöpfungszustände wie die Krankheit des 21. Jahrhunderts namens "Burn-out" habe Guattari geradezu prognostiziert: Sobald Prozesse sich im Kreis drehten und den Austausch unmöglich machen, drohe die Implosion, lautet der Befund von Félix Guattari, der in diesem Zusammenhang von Fluchtlinien und schwarzen Löchern spricht.

"Guattari hat im Leben einen Prozess gesehen, dessen Qualität im Wandel liegt, im Mut zum Experiment, in der Nutzung des eigenen Potenzials an Kreativität. Ihm ging es darum, das Bewusstsein neu dafür zu schärfen, dass der Prozess, nicht das Produkt im Vordergrund steht", sagt Katzmair.

Im bestehenden System des Kapitalismus, das dieses Potenzial auf einen Tauschwert reduziert und auf seine Nützlichkeit abfragt, ergibt sich allerdings die Erfahrung der Unverbundenheit. Der gesellschaftlichen Vereinzelung gestützt vom Mythos der Ich-AG würde Guattari heute vermutlich den Krieg des intellektuellen Guerilleros erklären.

Gudrun Braunsperger, Ö1 Wissenschaft

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