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Kalenderblatt wird umgeblättert

Das Ende der Geschichte?

Geht die Welt Ende des Jahres unter, wie manche Apokalyptiker meinen? Man wird sehen. Sicher ist: Sie hat schon einige entsprechende Prophezeiungen überlebt. Apokalyptik ist die Kehrseite der Utopie, meint Ulrich Körtner. Von Beginn an sei der Fortschrittsoptimismus der Moderne von apokalyptischem Denken begleitet worden.

Theologie 27.10.2012

Dieses Denken beschränkt sich nicht auf Sekten und Religionen, die immer schon intensive Endzeiterwartungen hegten, meint der evangelische Theologe in einem Gastbeitrag.

Heutige Apokalyptik aus theologischer Sicht

Von Ulrich Körtner

Über den Autor:

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Er leitet außerdem das Institut für Ethik und Recht in der Medizin.

Buchhinweis: :

Ulrich H.J. Körtner, Weltangst und Weltende. Eine theologische Interpretation der Apokalyptik, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 1988.

Ö1 Themenschwerpunkt Weltuntergang:

Zum Auftakt wurde in "Kontext" (12. 10., 9.05 Uhr) John Castis Sachbuch "Der plötzliche Kollaps von allem" vorgestellt. "Steine, die vom Himmel fallen" waren Thema der Reihe "Vom Leben der Natur" von 15. bis 19. Oktober, jeweils um 8.55 Uhr in Ö1.

Unter dem Titel "Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang ...'" befasste sich das "Radiokolleg" von 15. bis 18. Oktober, jeweils um 9.30 Uhr, mit der lustvollen Angst vor dem Untergang. In den "Dimensionen - die Welt der Wissenschaft" am 22. Oktober (19.05 Uhr) stand ein Bericht vom 20. "ernst mach forum" auf dem Programm.

"Endlich Weltuntergang!": Mit der Lust an der Apokalypse beschäftigt sich auch "Diagonal - Radio für Zeitgenoss/innen" am 10. November ab 17.05 Uhr. Und rund um das Datum 21. Dezember wird der Schwerpunkt abgerundet mit einer Ausgabe von "Hörbilder" und "Logos".

Themenschwerpunkt Weltuntergang

Links:

Wieder einmal naht das Ende, diese Mal freilich nicht nach christlicher Zeitrechnung, wie noch im Jahr 2000, sondern nach dem Kalender der alten Maya. Der endet nämlich am 21. Dezember 2012. Der Regisseur Roland Emmerich hat das Publikum schon vor drei Jahren mit seinem Film 2012 auf die bevorstehende Katastrophe eingestimmt. Sage niemand, man habe uns nicht gewarnt!

Emmerichs Untergangsmythos speist sich aus der Kombination einer außerchristlichen Kultur mit biblischen und christlich-apokalyptischen Motiven. Einmal mehr erzählt der Film die Geschichte von der Sintflut. Gigantische Archen, die Raumschiffen gleichen, werden am Himalaya gebaut. Der interreligiöse Mix zeigt, dass die biblische Tradition durchaus weiter fortwirkt.

Ein westliches Produkt

Die neue Maya-Apokalyptik ist im Grunde ein westliches, vom Christentum beeinflusstes Produkt. Auch die vielzitierte Weissagung der Hopi-Indianer: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann", ist in Wahrheit nicht indianischen Ursprungs, sondern wurde 1962 von zwei amerikanischen Geografen in Umlauf gebracht. Und auch die in der Umweltbewegung verbreitete Rede des Häuptlings Seattle, über die gern in christlichen Kirchen gepredigt wird, ist ein moderner Mythos.

In den vergangenen Jahrzehnten sind die westlichen Gesellschaften immer wieder von apokalyptische Ängsten und Phantasien geplagt worden, im öffentlichen Bewusstsein ebenso wie in der Kunst, im Film und in der Literatur.

Die atomare Hochrüstung oder die fortschreitende Zerstörung der Umwelt haben kollektive Visionen des möglichen Untergangs heraufbeschworen. Neben realen Zukunftsängsten steht das Unterhaltungsbedürfnis, z.B. in der Filmindustrie. Ob "Wall-E", "The Day after Tomorrow", "Deep Impact" oder "2012": Die Ängste der krisenanfälligen Moderne paaren sich mit Lust am medial inszenierten Untergang.

Kehrseite der Utopie

Apokalyptik ist die Kehrseite der Utopie. Von Beginn an ist der Fortschrittsoptimismus der Moderne von einer Unterströmung apokalyptischen Denkens begleitet worden. Es beschränkt sich nicht auf Sekten und religiöse Sondergemeinschaften, die immer schon intensive Endzeiterwartungen hegten.

Apokalyptische Ängste und die historischen Schrecken, auf die sie reagieren - man denke an die Pest und zahlreiche, durch drohende Hungersnöte und Steuerlasten ausgelöste Aufstände im Mittelalter -, "begleiten die Geburt der modernen Welt" (Jean Delumeau).

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts schien zunächst der Geist der Utopie wie auch der Gegengeist der Apokalyptik zu erlöschen, war doch laut Francis Fukuyama im Sinne Hegels das Ende der Geschichte eingetreten, wenngleich auf eine ganz unapokalyptische Weise. Inzwischen hat Fukyama seine These freilich revidiert. Aber was folgt daraus? Heißt es, dass Menschheit und Kosmos eine unendliche Geschichte vor sich haben?

Geschichte(n) ohne Ende?

1979 veröffentliche Michael Ende seinen Roman "Die unendliche Geschichte", mittlerweile ein Klassiker der deutschen Kinderbuchliteratur. Aber kann es eine Geschichte ohne Ende überhaupt geben? Setzt eine erzählbare Geschichte nicht immer schon voraus, dass man ihr Ende kennt? (Nebenbei bemerkt, hatte Michael Ende zeitweilig erhebliche Mühen, seinen Roman abzuschließen, weil ihm zunächst kein überzeugendes - Ende einfiel.) Vor diesem Problem steht nicht nur jeder Geschichtenerzähler und Romancier, sondern auch die wissenschaftliche Geschichtsschreibung.

Wenn man aber eigentlich schon das Ende der Geschichte kennen muss, bevor man sie erzählen kann, ist dann nicht der Gegenstand jeglicher Geschichtsschreibung die Vergangenheit? Beginnt dann nicht jede Historiographie wie jede Erzählung mit den einleitenden Worten: "Es war einmal …"?

Endlichkeit oder Unendlichkeit der Zeit

Zur Geschichte der modernen Geschichtstheorie gehört freilich auch die "Entdeckung der Zukunft" (Lucian Hölscher) als gemeinsamem gesellschaftlichem Erwartungszeitraum. Nicht nur die Geschichtswissenschaft, sondern auch die Theologie fragt nach dem Unabgegoltenen der Vergangenheit. Die eigene Gegenwart kann nicht länger als das "Ende der Geschichte" gesehen werden, auf welches die Vergangenheit hinausläuft, sondern diese hat eine eigene Zukunft, die sich mit unseren Erwartungen nicht decken muss. Folglich kann es auch keine abschließenden Urteile über die Vergangenheit geben.

So wichtig die Kategorie der Zukunft für unsere Verständnis von Geschichte und Gegenwart ist, so nachdrücklich muss doch auch die Frage gestellt werden, welche Rolle der Gedanke des Endes bzw. die Kategorie der Endlichkeit für unser Verständnis von Zukunft spielt. Ist die Zukunft prinzipiell als unendliche zu denken, oder ist die Zukunft endlich wie wir selbst?

Es stellt sich mit anderen Worten die Frage nach der Endlichkeit oder Unendlichkeit der Zeit. Die heute gängige physikalische Kosmologie nimmt an, dass der Kosmos und damit die Zeit einen Anfang hatten, der sogenannte Urknall oder Big Bang. Muss aber, was einen Anfang hat, darum auch notwendigerweise ein Ende haben? Und wäre dann Unendlichkeit mit Ewigkeit gleichzusetzen, oder unterscheiden sich beide Begriffe voneinander?

Thematisierung von Hoffnung und Angst

Solche Fragen führen uns in den Bereich der Theologie. Und tatsächlich lässt sich beobachten, dass auch eine vermeintlich rein profane Geschichtsschreibung nicht ohne gewisse Hintergrundannahmen auskommt, die metaphysischer oder sogar theologischer Natur sind, wobei es sich nicht unbedingt um christliche Theologie handeln muss.
In den 1960er-Jahren kam es gerade auch in der Theologie zur Wiederentdeckung der Zukunft. Jürgen Moltmanns Theologie der Hoffnung, aber auch die Werke von Wolfhart Pannenberg und Gerhard Sauter loteten unterschiedliche Möglichkeiten einer Theologie der Zukunft aus. Dabei spielte auch die Auseinandersetzung mit der biblischen Apokalyptik eine tragende Rolle.

Neben einer Theologie der Hoffnung bedarf es freilich, recht verstanden, einer Theologie der Angst, genauer gesagt einer Theologie des Mutes zum fraglichen Sein. Es wäre zu einfach, wollte man der Utopie die Hoffnung, der Apokalyptik aber das Gefühl der Angst zuordnen. Apokalyptik als eine Form der Gegenutopie thematisiert Hoffnung und Angst zugleich. Untergangsvisionen bilden nur den dunklen Hintergrund für die apokalyptischen Hoffnungsbilder einer neuen Welt.

Interessanterweise speist sich auch die religiöse Vorstellungswelt islamistischer Gewalttäter in hohem Maße aus einem apokalyptischen Weltbild. Flutkatastrophen und Klimawandel halten die ökologische Frage im öffentlichen Bewusstsein wach. Gleichzeitig ist der nach 1989 verloren geglaubte Geist der Utopie in Gestalt einer neuen Technikgläubigkeit zurückgekehrt. Auch der biomedizinische und gentechnologische Fortschritt löst sowohl Hoffnungen als auch kollektive Befürchtungen aus.

Christentum ist gegenüber Welt dialektisch

Neben traditionellen Formen von Apokalyptik, wie sie uns z.B. in Endzeitsekten begegnen, gibt es heute freilich eine säkulare, gewissermaßen halbierte Apokalyptik, die wohl das Ende nahen sieht, aber keine Hoffnung auf Erlösung mehr kennt. Anders als die ältere religiöse Apokalyptik kann die säkulare unserer Tage zwischen Ende und Heil, zwischen Endlichkeit und Vollendung keinen Zusammenhang mehr erkennen.

Angesichts periodisch aufbrechender Endzeitängste sollten sich Theologie und Kirchen sowohl mit modernen Spielarten von Apokalyptik als auch mit dem eigenen apokalyptischen Erbe auseinandersetzen. Schließlich hat Jesus den Anbruch der kommenden Gottesherrschaft und das Ende der bestehenden Welt verkündigt. Und mit seinen Worten beten die Christen im Vaterunser bis heute: "Dein Reich komme."

Das griechische Wort apokalypsis bedeutet Offenbarung oder Enthüllung. Apokalyptik enthüllt die Katastrophalität der Wirklichkeit, aber auch die Katastrophalität der Erlösung, für die das Kreuz Christi steht. Apokalyptik ist Enthüllung der Wirklichkeit im Untergang. Ihre Ambivalenz besteht in ihren (Selbst)bestrafungs- und Rachefantasien, die in eine dem biblischen Evangelium widersprechende Lust am Untergang umschlagen können.

Die Haltung des Christentums zur Welt ist dialektisch. Einerseits heißt es bei Paulus, die Gestalt dieser Welt werde vergehen. Andererseits aber lesen wir im Johannesevangelium, dass Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er zu ihrer Errettung seinen eigenen Sohn gesandt hat. Das Kreuz Christi ist gleichermaßen Ausdruck des göttlichen Gerichtes wie der göttlichen Liebe zu seiner Schöpfung. Christlicher Glaube ist Weltbejahung, die durch Weltverneinung hindurchgeht.

Theologische Antworten

Was aber bedeutet die christliche Botschaft im Zeichen der heutigen globalen Gefahren für Mensch und Natur? Theologisch gilt es ernstzumachen mit der Einsicht, dass die Menschheit keine Überlebensgarantie hat. Auch der christliche Glaube hat eine solche nicht zu bieten und lässt sich nicht auf den ethischen Appell zur Bewahrung der Schöpfung reduzieren.

Christlicher Glaube ist nicht gleichbedeutend mit Hoffnung auf den Fortbestand der Welt. Er wertet sie aber auch nicht wie viele Apokalyptiker oder Gnostiker in Geschichte und Gegenwart ab. Vielmehr bejaht der christliche Glaube die Welt angesichts ihrer real möglichen Vernichtung, weil er von einer kontrafaktischen Hoffnung getragen ist, die über ihr Ende hinaus reicht.

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