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Figuren auf einer Weltkarte

Wandern für die Wissenschaft

Wer als Forscher Erfolg haben will, muss ins Ausland gehen. Aber nicht immer bietet die Stadt mit den besten Jobs auch die beste Lebensqualität. Welche Motive machen Wissenschaftler zu Nomaden? Eine Spurensuche.

Migration 29.10.2012

Wer hat, dem wird gegeben werden. Die Nobelpreis-Saison 2012 zeigt wieder einmal: Auf Außenseiter sollte man in der Wissenschaft nicht wetten, hier machen die Favoriten das Rennen unter sich aus. Stellvertretend dafür steht etwa das Laboratory of Molecular Biology in Cambridge. Bereits zehn Mal wurden Wissenschaftler dieser Einrichtung mit dem Nobelpreis bedacht. Zählt man jene hinzu, die - wie der aktuelle Medizin-Preisträger John Gurdon - dort vorübergehend tätig waren, sind es gar 19 an der Zahl.

Dahinter steht ein Erfolgsprinzip, das der deutsche Chemiker Justus von Liebig in die Wissenschaft eingeführt hat. Er war einer der ersten, der ein offenes Klima des intellektuellen Austausches schuf, in dem er sein Labor für begabte Studenten und Jungforscher öffnete. Und weil die besten Köpfe eines Faches nicht notwendigerweise die gleiche Herkunft besitzen, war Liebigs Labor schon damals international besetzt.

Im 19. Jahrhundert begann das Zeitalter der Migration im Dienste der Wissenschaft, der Forscher wandelte sich vom sesshaften Wesen zum Homo mobilis. Heute ist das Nomadentum längst Normalität: Forscher sind dort zu Hause, wo die besten Arbeitsbedingungen herrschen. Das "Wo?" ist zweitrangig, Exzellenz ist die offizielle Determinante am wissenschaftlichen Arbeitsmarkt.

Importweltmeister Schweiz

Nachlese

"The new map of science", Nature (18. Oktober 2012).
"Nobel success: What makes a great lab?, Nature (doi:10.1038/490031a).

Der "GlobSci Survey" versucht nun, die globalen Wanderströme erstmals in Zahlen zu fassen. Die Endresultate der Studie werden zwar erst im Dezember publiziert, in der vorletzten Ausgabe von "Nature" konnte man bereits erste Ergebnisse nachlesen: Demnach ist die Schweiz jenes Land, das - proportional - die meisten Forscher aus fremden Ländern beherbergt. 52 Prozent aller in der Schweiz tätigen Professoren sind Ausländer, bei Post-Docs sind es gar 74 Prozent.

Wenngleich die Zahlen mit Einschränkung gelten: Der "GlobSci Survey" erfasst nämlich nur die Bereiche Biologie, Chemie, Umwelt- und Materialwissenschaften. Geistes- und Sozialwissenschaften waren (noch) nicht Teil der Untersuchung. Nach absoluten Zahlen hat der Studie zufolge freilich die USA die Nase vorn. Die Vereinigten Staaten sind nach wie vor die Top-Destination für karrierebewusste Forscher.

"Hier muss ich nur den Telefonhörer abnehmen"

Für den deutschen Mediziner Hendrik Scholl erwies sich das Klischee vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten als durchaus präzise Beschreibung der Verhältnisse. Er ging 2010 von Bonn nach Baltomire ans weltgrößte akademische Institut für Augenheilkunde.

Dort ist er als "Clinical Scientist" tätig und kann nunmehr als "Full Professor" schalten und walten wie er will - was zählt, sind die Ergebnisse: "In Deutschland musste ich für die Realisierung meiner Forschungsprojekte kämpfen, hier muss ich nur den Telefonhörer abnehmen", sagt Scholl im Gespräch mit science.ORF.at. Die Distanz zwischen Wissenschaft und Politik sei in den USA bedeutend geringer als in Europa.

Hendrik Scholl

Wilmer Eye Institute

Hendrik Scholl im "SightLine", dem Magazin des Wilmer Eye Institute

Dass er kürzlich einen Vortrag im Kongress gehalten habe, sei hierzulande nichts Ungewöhnliches. "In Deutschland können Sie Nobelpreisträger sein - in den Bundestag werden Sie trotzdem nicht eingeladen." Eine Differenz, die sich nicht zuletzt auch im Finanziellen zeigt: Scholl hat 13 Jahre in Deutschland geforscht und während dieser Zeit 2,1 Millionen Euro an Drittmitteln eingeworben. In den USA ist er seit zweieinhalb Jahren. An Drittmitteln hat er bereits jetzt 8,1 Millionen Dollar zu Buche stehen.

Österreich wurde im "GlobSci Survey" nicht erfasst, die Unistatistiken des Wissenschaftsministeriums deuten jedenfalls eine Verschiebung an - allerdings eine einseitige. 2005 kamen noch 84,3 Prozent aller Professorinnen und Professoren aus Österreich, Ende 2010 waren es nur mehr 70,9 Prozent. Aufgefüllt wurde die Lücke vor allem mit Wissenschaftlern aus Deutschland, die auf Professorenebene mittlerweile 21,9 Prozent stellen. Auf den Rängen folgen Italien, die USA und die Schweiz. Gemessen an ihrem Anteil sind diese Nationen aber Randerscheinungen: Sie liegen nur knapp über einem Prozent.

Österreich: International nur außeruniversitär

Anders sieht die Sache an mancher außeruniversitären Forschungseinrichtung aus. Am finanziell üppig ausgestatteten IST Austria bei Klosterneuburg ist die Herkunft der Forscher auffällig breit gestreut. Zurzeit arbeiten dort 143 Forscher aus 34 Nationen (exklusive "Scientific Service Units"). Die Österreicher sind mit 18,5 Prozent Anteil knapp in der Mehrzahl, danach folgen Deutsche (15,7 Prozent), US-Amerikaner (6,3 Prozent) und Inder (4,8 Prozent).

Auch vergleichsweise exotische Nationen wie Iran, Kuba und Kasachstan sind an dem auf Biologie, Computerwissenschaft und Mathematik spezialisierten Institut vertreten. Auf direktem Weg nach Österreich gekommen ist kaum jemand. Die Pfade der globalen Diaspora führt eben zumeist über die Forschungsnation Nummer eins, die USA. Letzteres gilt auch für den Österreicher Herbert Edelsbrunner.

IST Austria

IST Austria

Budgetsorgen kennt man hier nicht: IST Austria in Maria Gugging

Er hat an der TU Graz im Fach Mathematik promoviert, war danach als Computerwissenschaftler in Illinois und Hongkong tätig. Seine letzte akademische Position hatte er an der Duke University in North-Carolina inne, dann zog es ihn wieder zurück. Heimweh sei nicht der Grund gewesen, sagt er. "Das verliert man mit der Zeit, weil man überall zu Hause ist. Für mich war die Lebensqualität der ausschlaggebende Grund. In Europa gefällt es mir einfach besser. Ich dachte mir: Wenn ich schon nach Europa zurückgehe, dann am besten gleich nach Österreich." Dass es tatsächlich geklappt habe, sei auch der Gunst des Zufalls zu verdanken. "Das ist in meinem Fach die beste Stelle Österreichs."

Warum niemand nach Japan will

Wo es im Bieten um die besten Köpfe Gewinner gibt, muss es auch Verlierer geben. Indien hat etwa eine extrem unausgewogene personelle Handelsbilanz. Fremde Forscher gibt es im zweitgrößten Land der Erde so gut wie nicht, dafür forschen fast 40 Prozent der indischen Wissenschaftler im Ausland. Dreiviertel aller, die das Land verlassen, gehen in die USA - und kehren in der Regel nie mehr zurück. Hauptgrund: Niedrige Gehälter und mangelhafte Infrastrukturen im Heimatland. Geld ist aber nicht alles. Mitunter überlagert die Kultur die Anziehungskraft des Wohlstandes.

Japan gehört zu den reichsten Nationen der Welt, als Forschungsstandort ist es dennoch für viele unattraktiv. Nur zwei Prozent aller Professorenstellen werden im Land der aufgehenden Sonne von Ausländern besetzt. Das hat zwei Gründe. Erstens: die schwierige Sprache und die ungewohnten Umgangsformen. "Wissenschaftler aus dem Ausland haben es offenbar schwer, sich an das Leben außerhalb des Labors anzupassen", sagt der japanische Policy-Forscher Atsushi Sunami gegenüber dem Fachblatt "Nature".

Bürokratie macht unattraktiv

Der zweite Grund ist die japanische Bürokratie. Das System sei träge und mache Anstellungen wie auch Kündigungen schwierig. Eine gewisse Schwerfälligkeit im Verwaltungswesen attestiert "Nature" auch unserem Nachbarland Italien - so gesehen mag es kein Nachteil sein, dass unsere Forschungslandschaft noch nicht unter die Lupe des "GlobSci Survey" geraten ist: Um in Österreich arbeiten zu können, müssten besonders Forscher aus Nicht-EU-Ländern einen bürokratischen Hürdenlauf absolvieren, kritisierte etwa kürzlich Christa Neuper, die Rektorin der Grazer Karl-Franzens-Universität.

Ein Beispiel: Wer als Professor(in) aus einem Drittstaat an einer österreichischen Universität arbeite, erhalte zwar eine Aufenthaltsgenehmigung - für den Rest der Familie müssten allerdings jährlich neue Ansuchen gestellt werden. Nicht gerade ein Anreiz für Spitzenkräfte.

Knackpunkt Forschungsförderung

Wenn man über Geld spricht, muss man im Grunde zweierlei unterscheiden: Gehalt und Infrastruktur. Ersteres sei nicht wichtiger als in anderen Metiers, sagen Forscher in einer stichprobenartigen Umfrage gegenüber science.ORF.at. Gehaltseinbußen wolle man bei einem Jobwechsel zwar nicht hinnehmen. "Zumindest ist es psychologisch schwierig, wenn woanders deutlich mehr gezahlt wird", bekannt etwa Herbert Edelsbrunner. Ansonsten sei das Salär keineswegs vorrangig.

Universitätszentrum Althanstraße, Universität Wien

Universität Wien

Wien, 9. Bezirk: Universitätszentrum Althanstraße

Sehr wohl prioritär ist hingegen jenes Geld, das an einer Institution respektive in einem Land für die Wissenschaft zur Verfügung steht, Stichwort "Förderungslandschaft". "Länder ohne gute Forschungsförderung sind völlig uninteressant", sagt Gerhard Herndl, Professor für Meeresbiologie an der Universität Wien. Ende der 80er-Jahre hätten in den USA gleichsam "paradiesische Zustände geherrscht", sagt Herndl. Das habe sich geändert. "Unter Bush gab es massive Budgetkürzungen. Die Förderungen der National Science Foundation liegen nun im Argen."

Auch seine Kollegen in den Niederlanden, wo er jahrelang unter besten Bedingungen geforscht hat, würden nun jammern. "Dort hat sich der Einfluss der Industrie auf die Forschung massiv verstärkt." Dass er in Österreich finanziell aus dem Vollen schöpfen kann, ist nicht zuletzt sein Verdienst. 2011 erhielt er den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgensteinpreis, ein Jahr davor sprach ihm der Europäische Forschungsrat 2,5 Millionen für sein Projekt "Mikrobielle Ökologie der Tiefsee" zu. Fazit: "Die nächsten fünf Jahre habe ich keine Sorgen."

"50 Prozent Lebensqualität"

Ein paar Türen weiter im Biozentrum Althanstraße im 9. Wiener Gemeindebezirk forscht Christa Schleper im vergleichsweise jungen Fach Ökogenetik. Seit 2007 ist sie an der Universität Wien, ihre Berufung ist ein Beispiel dafür, wie man Wissenschaft und Familie unter einen Hut bringen kann. Als Rolemodel scheint sie dennoch nur bedingt geeignet, zu ungewöhnlich ist die Konstellation ihrer Familie: Schlepers Mann, Ulrich Technau, ist ebenfalls Forscher - und wurde gleichzeitig mit ihr im Rahmen einer Doppelberufung von Norwegen an die Universität Wien geholt.

Diesem auf den ersten Blick eleganten und zeitgemäßen Manöver gingen im Vorfeld komplizierte Verhandlungen und Planungen voraus. Für Technaus Berufung musste etwa eigens der Entwicklungsplan der Uni Wien geändert werden, erst dann konnte seine Stelle ausgeschrieben werden. Wohlgemerkt erst nachdem seine Frau die Wiener Professur angenommen hatte: "Wir hatten die Zusage des Rektors für die Ausschreibung, mehr nicht." Was bewog Schleper nach Wien zu kommen? "50 Prozent Wissenschaft, 50 Prozent Lebensqualität. Wir hatten auch ein Angebot aus München. Hier in Wien hatten wir das Gefühl: Das Kollegium will uns wirklich und wir passen besser in das Umfeld."

Die Mutter zweier Kinder wohnt in Klosterneuburg und fährt mit dem Rad entlang der Donau zur Arbeit. "Ein Luxus", wie sie bekennt. Was die Bewertung kindlicher Bedürfnisse angehe, könne Österreich indes noch aufholen. "Im Vergleich zu Norwegen ist die Kinder- und Familienfreundlichkeit ein Desaster."

"Marmor und Holzbaracken"

Dass Erfolg im Beruf nicht notwendigerweise alle anderen Aspekte des Lebens einfacher macht, zeigt die Situation von Hendrik Scholl. "Ich sitze hier im siebten Stock und habe einen wunderschönen Blick über den Medical Campus. Aber außerhalb des Geländes herrscht Armut. Innerhalb von ein paar hundert Metern haben wir hier einen Übergang von der Holzbaracke zum Marmor", sagt der deutsche Mediziner.

Wilmer Eye Institute

Wilmer Eye Institute

Der Arbeitsplatz von Hendrik Scholl: das Wilmer Eye Institute in Baltimore

"Letzte Woche wurde unweit vom Campus ein Mann auf der Straße erschossen. Der Täter wollte sein Handy." Deshalb fahre er mit dem Auto zum Lunch - auch wenn das Lokal meist nicht weiter als einen Kilometer entfernt sei. Seine Frau dränge ihn, Baltimore wieder zu verlassen und nach Europa zurückzukehren. Angebote gebe es. Ein hochdotiertes aus Lausanne etwa, auch eines aus London. "London wäre, wie man hier sagt, 'something to die for'. Aber für Kinder ist die Stadt nicht geeignet. Um ehrlich zu sein: Ich habe dort noch nie Kinder gesehen - außer vielleicht samstags im Museum."

Und Lausanne? "Wissenschaftlich wäre die Position in den USA interessanter, was Mittel und Ausstattung betrifft, wäre das Schweizer Institut allerdings das Beste, was es überhaupt gibt." Der Nachteil: Der Wohlstand erzeuge auch eine gewisse Sterilität. "Es ist dort wie in den James-Bond-Filmen. Die Leute parken mit dem Ferrari vor dem Château. Aber man hat das Gefühl: Die Party ist vorbei."

Für welche der drei Möglichkeiten er sich entscheiden werde, wisse er nicht. "Ich weiß, ich habe ein Luxus-Problem. Aber es bleibt dennoch ein Problem!"

Robert Czepel, science.ORF.at

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