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Dom in Florenz

Vom Renaissancedom zum Hochhaus

Was hat Städte zu dem gemacht, was sie sind? Der Historiker Rafael Prehsler schreibt in einem Gastkommentar: Das Selbstbewusstsein der Stadtbewohner ließ große Architektur entstehen - und große Architektur förderte das Selbstbewusstsein der Stadtbewohner.

ÖAW Young Science 19.11.2012

Daraus könne man auch für die Gegenwart lernen, schreibt Prehsler - er wirft in seinem Beitrag einen Blick in die städtebauliche Geschichte der Renaissance, in zeitgenössische Kommentare und nicht zuletzt in die erhalten gebliebenen monumentalen Bauten.

Die Stadt und ihr Selbstbewusstsein

Von Rafael Prehsler

Porträt Rafael Prehlser

Rafael Prehsler

Zur Person:
Rafael Prehsler, geboren 1987, studierte Geschichte an der Universität Wien und ist zurzeit als DOC-Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am Institut für Geschichte der Universität Wien tätig. Forschungsschwerpunkt ist die Stadtgeschichte der Renaissance und der frühen Neuzeit. Sein Dissertationsprojekt wird ihn unter anderem an die Deutschen Historischen Institute in Rom und Paris, sowie an das Kunsthistorische Institut in Florenz führen.

Florenz, Rom und Paris - Sehnsuchtsziele des modernen Tourismus. Das sind sie nicht grundlos, denn im hier relevanten Zeitraum von 1400 bis 1700 hatte jede dieser drei Städte ihre große Zeit, in der man ganz gezielt und vor allem selbstbewusst daran ging, die öffentlichen Räume der Stadt im Dienste der größtmöglichen Außenwirkung zu gestalten. Dabei war die Stadtgestaltung immer Ausdruck eines städtischen Gemeinschaftsgefühls sowie eines Primatsanspruchs.

Warum blüht eine Stadt auf?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Aufblühen einer Stadt zu definieren. Ökonomisch zum Beispiel, wie es Amsterdam zu Beginn des 17. Jahrhunderts eindrucksvoll demonstrierte. Aber auch die auffällige Transformation urbaner Räume ist hier anzuführen. Einfach gesagt: Es werden neue Zeichen im Raum gesetzt. Neben pragmatischen, sozialen oder etwa wirtschaftlichen Gründen soll im Zuge des Projektes "Die Stadt und ihr Selbstbewusstsein" eben dieses als wesentlicher Motor für die Stadtgestaltung und damit für das Aufblühen eines städtischen Gebildes verstanden werden.

Dies ist folgendermaßen zu begreifen: Eine Gruppe von in der Stadt lebenden Individuen, die durch ein gemeinsames Gefühl städtischer Identität geeint werden, glaubt daran, dass die eigene Stadt etwas ganz Besonderes ist und über anderen Zentren zu stehen hat. Um diese Vorstellung zum Ausdruck bringen zu können, fängt man mit der Umgestaltung und Erweiterung des Stadtraumes an, der damit zum Spiegelbild dieser Gesinnung wird.

Blick von der Piazza Santissima Annunziata auf die Domkuppel in Florenz

Rafael Prehsler

Florenz, Blick von der Piazza Santissima Annunziata auf die Domkuppel

Wer und wann? - Die Selektion

Literaturhinweise:

  • Leonardo Benevolo: Die Stadt in der europäischen Geschichte
  • Wolfgang Braunfels: Abendländische Stadtbaukunst. Herrschaftsform und Baugestalt
  • Pierre Lavedan: Histoire de l’urbanisme. Renaissance et temps modernes
  • Karlheinz Stierle: Der Mythos von Paris. Zeichen und Bewusstsein der Stadt

ÖAW Young Science:

Der Text ist Teil des Projektes Young Science, im Zuge dessen Gastbeiträge von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Ö1/science.ORF.at und der Akademie der Wissenschaften.

Drei Städte dieser Größenordnung über den gesamten Zeitraum von 1400-1700 zu untersuchen, wäre ein üppiges Unterfangen. Daher sollen innerhalb dieser Periode nur die Zeitfenster betrachtet werden, in denen in den entsprechenden Städten vehement gebaut wurde: Wir alle kennen das Florenz der Renaissance, das Rom des Barock und das Paris des Klassizismus. Es waren dann auch genau diese Städte, die den europäischen Städtebau in der Folge prägen sollten. In gewissem Sinne müssen sie also in den definierten Zeiträumen selbstbewusster gewesen sein als andere Zentren.

Die gestalterische Gruppe, die für die Kreierung städtischen Selbstbewusstseins und für die Veränderung des Stadtbildes verantwortlich ist, unterscheidet sich von Stadt zu Stadt und hängt nicht zuletzt vom jeweils vorherrschenden politischen System ab: In Florenz gab es beispielsweise größere Entscheidungsgremien als im Rom des Papsttums oder in der Königsstadt Paris. Ganz allgemein müssen die betreffenden Personen stolz auf die Stadt blicken können, den Willen haben, dieses Gefühl zur Schau zu stellen und schließlich die Möglichkeiten haben, dies zu tun. Zum für das Projekt relevanten Personenkreis zählen somit vorwiegend Auftraggeber, Financiers, Literaten und Künstler.

Die autokatalytische Spirale

Die These lautet wie folgt: Das städtische Selbstbewusstsein findet seine Materialisation im öffentlichen Raum und diese urbanen Transformationen bedingen wiederum ein erhöhtes Selbstbewusstsein der Bewohner.

Hier sei ein kurzes Beispiel angeführt, das uns in das Florenz des 15. Jahrhunderts führt: Um 1403 publiziert der hochangesehene Bürger Leonardo Bruni seine Laudatio Florentinae Urbis, wo es unter anderem heißt: „Wovon soll ich berichten [...], vom Glanz der Gebäude, vom Schmuck der Kirchen [...]? Wirklich, alle Dinge sind mit einer einzigartigen und vortrefflichen Schönheit verziert, die man noch mehr schätzen lernt, wenn man Florenz mit anderen, durchschnittlicheren Städten vergleicht“. Man sieht, „um wie viel diese blühende Stadt anderen voraus ist“.

Foto des Doms von Florenz mir Kuppel

Rafel Prehsler

Florenz, Dom, Blick vom Domplatz auf die Südwand

Von mangelndem Selbstbewusstsein kann man hier freilich nicht reden. Schon zuvor hatten die zuständigen städtischen Gremien beschlossen, dass der neue Dom S. Maria del Fiore „schöner und großartiger als jede andere vergleichbare Kathedrale“ werden müsse. Genau dieses neue Gotteshaus wird 1434 mit dem zentralen Stadtzeichen - der Kuppel des Filippo Brunelleschi gekrönt.

Der Architekturtheoretiker Leon Battista Alberti kommentiert diesen Akt in der Einleitung seines Werkes De Pictura von 1436 wie folgt: „Wer kann [...] Pippo den Architekten nicht loben, wenn er dieses so große Bauwerk sieht, welches sich über die Himmelshöhen erhebt, weit genug, um mit seinem Schatten alle toskanischen Völker zu bedecken [...]“. Es ist dies ein bekanntes Exemplum für die Wechselwirkung von Bautätigkeit und der selbstbewussten Wahrnehmung und Deutung selbiger über einen längeren Zeitraum hinweg.

Forschungsziel und Gegenwartsbezug

Intention des Forschungsprojektes ist die Erstellung eines theoretischen Instrumentariums, dessen sich die (historisch-)urbanistische Forschung in Zukunft bedienen können soll. In diesem Sinne hat das Thema auch großen Gegenwartsbezug: Warum baut man heute etwa in Wien? Welchen Symbolwert hat das One World Trade Center in New York? Und warum antwortet Paris auf das höchste Gebäude der EU - The Shard in London - mit der Errichtung von zwei Zwillingstürmen, die ausgerechnet am Ende der historischen Stadtachse positioniert werden sollen?

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