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Highway in Kalifornien

Roboterautos: Wer haftet bei Unfällen?

In Nevada, Florida und Kalifornien sind bereits Roboterautos auf den Straßen erlaubt. Die Technik für selbstfahrende Autos sei weit gediehen, sagt der US-Verkehrsexperte Steven Underwood in einem Interview. Ungeklärt seien indes rechtliche Aspekte - sowie psychologische: Auch er wisse noch nicht, wann er einem autonomen Vehikel blind vertrauen werde.

Technik-Folgen 30.10.2012

Eine grundlegende Frage vorweg: Welche Vorteile hätten selbstfahrende Autos?

Da wäre einmal der Sicherheitsgewinn. Täglich sterben weltweit etwa 3.000 Menschen durch Verkehrsunfälle. In mehr als 90 Prozent der Fälle ist der Fahrer schuld. Selbstfahrende mit Kameras und Sensoren ausgestattete Autos, sehen mehr und viel weiter als ein Mensch. Sie wissen in Echtzeit, wie viele Fußgänger oder Fahrzeuge sich in der Nähe befinden und können darauf reagieren.

Wenn Autos unfallfrei fahren, können Sie auch viel leichter gebaut werden. Momentan sind Autos so konstruiert, dass die Insassen geschützt sind, sollte es zu einem Unfall kommen. Mit leichteren Autos könnte man eine Menge Sprit und Strom sparen.

Und natürlich könnte man eine Menge Zeit sparen. Wenn mich mein Auto in die Arbeit fährt, kann ich in der Zwischenzeit mein Smartphone konsultieren oder ein Buch lesen.

Steven Underwood

Anna Masoner

Steven Underwood ist Leiter des Connected Vehicle Proving Center (CVPC) der University of Michigan-Dearborn. Dort entwickelt er unter anderem Lokalisierungstechnologien für autonome Fahrzeuge, die nicht auf GPS basieren.

Im Rahmen des jüngsten Treffens der Intelligent Transportation Society (ITS) organisierte er ein Panel über autonome Fahrsysteme. Der ITS-Weltkongress fand vergangene Woche in Wien statt.

Wie sind autonome Fahrzeuge technisch ausgestattet?

Die erste Voraussetzung ist ein Steuerungsbus (der sogenannte CAN Bus), der den Zustand wichtiger Komponenten überprüft und Steuerungsbefehle für Bremsen, Beschleunigen und Lenken verschickt. Jedes Auto das über ABS verfügt, hat heute schon so einen Steuerungsbus eingebaut.

Was dazu kommt, sind eine Menge Sensoren um andere Verkehrsteilnehmer oder Ampeln zu erkennen. Normalerweise werden dafür Radar, Laser-Radar (LIDAR) und Videokameras verwendet. Außerdem können sie sich durch Funk miteinander verständigen um zum Beispiel die Vorfahrtssituation an der nächsten Kreuzung bereits im Vorfeld zu regeln. Diese Sensoren funktionieren heute schon sehr gut.

Wo liegen die Herausforderungen in der Entwicklung solcher Systeme?

Die liegen in der Interpretation der Informationen, die das Auto durch die Sensoren bekommt. Ein Fußgänger steht am Straßenrand. Will er überqueren oder deutet er durch seine Körperhaltung an, dass er da einfach nur herumsteht? Selbstfahrende Autos können das heute noch nicht unterscheiden.

Woran wir derzeit arbeiten, sind Lokalisierungstechnologien, die nicht per GPS funktionieren. Denn was macht ein selbstfahrendes Auto, wenn es kein Signal empfängt? Als Fahrer komm man ja immer wieder in solche Situationen, wenn man mit einem Navigationsgerät fährt.

Woran forschen Sie zurzeit?

Wir arbeiten mit LIDAR Systemen. Wenn ein Auto sich das erste Mal in einer bestimmten Gegend befindet, erstellt es eine 360 Grad Karte der Umgebung. Fährt es ein zweites oder drittes Mal durch, kann es die bestehenden Karten mit der jeweils aktuellen vergleichen und Informationen ergänzen. Das Auto lernt dann seine Umgebung von Mal zu Mal besser kennen - wie der Mensch.

Wie lange muss man solche autonomen Systeme testen, bevor man sie auf den Markt bringen kann?

Eine genaue Antwort kenne ich nicht. Durchschnittlich hat ein Mensch drei bis vier Autounfälle in sein Leben. Zwischen den einzelnen fährt er mehrere tausend Kilometer. Wenn man das imitiert, um zu testen, ob autonome Autos Verkehrsunfälle verhindern können, bräuchte man dafür viele Jahre.

Es muss anders ablaufen. Wir müssen bestimmte Fähigkeiten und bestimmte Situationen systematisch testen. Ich glaube, wenn man zeigen kann, dass ein technisches System einem menschliche Fahrer in vielen Situationen sehr überlegen ist, dann würde das ausreichen. Aber wie gesagt, diese Frage diskutieren wir gerade.

Wann rechnen Sie damit, dass autonome Fahrzeuge auf den Markt kommen?

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Roboterautos berichtet auch "Wissen Aktuell" am 30. Oktober 2012 um 13.55 Uhr sowie "Matrix" am 4. November um 22 Uhr 30.

Solche Fragen sind naturgemäß immer schwer zu beantworten aber ich rechne in 15 bis 20 Jahren. Die Technik in den Laboren ist einsatzbereit. Die größeren Fragen lauten eher: werden die Nutzer solche Systeme akzeptieren und wann werden sie erlaubt sein?

Was sind die rechtlichen Probleme, die autonome Fahrzeuge Gesetzgebern bereiten?

Da gibt es eine Menge. Wer ist schuld wenn zwei autonome Fahrzeuge miteinander kollidieren? Der Autokonzern, der Programmierer, der Zulieferer oder der Passagier? Für ein solches Szenario gibt es heute noch gar keine rechtliche Handhabe.

In den drei amerikanischen Bundesstaaten in denen selbstfahrende Autos erlaubt sind, ist aus rechtlicher Perspektive immer noch der Fahrer schuld, auch wenn er nicht aktiv am Steuer war.

Die Frage wird auch sein, wie muss der Nutzer im Umgang mit so einem Fahrzeug geschult werden. Was muss er alles wissen? Wenn wir noch sehr lange auf autonome Fahrzeuge warten müssen, liegt das eher an den rechtlichen und nicht an den technischen Problemen.

Wie sieht es mit der Akzeptanz der Nutzer aus?

Da gibt es auch viele Fragen. Menschen sind Computersystemen gegenüber ziemlich skeptisch. Sie kennen das von ihrem PC, der immer wieder Probleme macht und vielleicht regelmäßig abstürzt. Dem Auto sollte das natürlich nicht passieren. Dieser Angst und dieser Skepsis müssen Autobauer etwas entgegensetzen.

Und dann gibt es das Phänomen des Kontrollverlusts: Ich bin selbst ein paar Mal mit selbstfahrenden Autos gefahren und am Anfang ist das schon ein komisches Gefühl. Man braucht länger, um sich daran zu gewöhnen.

Ich stelle mir natürlich auch selbst die Frage: Wann wäre ich bereit, so ein System zu akzeptieren? Wenn ich mir etwa vorstelle, ein autonomes Fahrzeug gewänne die 500 Meilen von Indianapolis, eines der härtesten Autorennen der Welt. Das schaffen auch viele menschliche Fahrer nicht. Würde ein autonomes Auto so ein Rennen bewältigen, dann würde ich mich darin ziemlich sicher fühlen.

Interview: Anna Masoner, Ö1-Wissenschaft

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