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Skelett von Homo neanderthalensis (rechts) und Homo sapiens (links)

Moderner Mensch gab Neandertaler "Nachhilfe"

Der moderne Mensch hat dem Neandertaler nach Erkenntnissen internationaler Forscher in Sachen Handwerkskunst auf die Sprünge geholfen. Demnach dürfte es wohl vor rund 40.000 Jahren einen kulturellen Austausch zwischen Homo sapiens und Neandertaler gegeben haben.

Anthropologie 30.10.2012

Das Forscherteam unter Leitung von Jean-Jaques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie glaubt, dass es die Neandertaler waren, die anspruchsvolle Werkzeuge und Körperschmuck aus der archäologischen Kultur des Châtelperronien (CP) gefertigt haben.

Vor 50.000 bis 40.000 Jahre verdrängte dann der moderne Mensch den Neandertaler.

Die Studie:

"Radiocarbon dates from the Grotte du Renne and Saint-Césaire support a Neandertal origin for the Châtelperronian" ist in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" erschienen (DOI 10.1073/pnas.1212924109).

Übergangsindustrie

Über die Frage, ob Neandertaler oder moderne Menschen die bei Châtelperron in Frankreich gefundenen Gegenstände geschaffen haben, wird unter Experten schon lange gestritten. Die Kulturstufe Châtelperronien ist eine sogenannte Übergangsindustrie. Sie lag am Übergang vom Mittel- zum Jungpaläolithikum.

Unstrittig ist, dass die Vorgängerstufe, das Moustérien mit seinen Steinwerkzeugen, zu den Neandertalern gehört. Die nachfolgende Stufe Aurignacien wird modernen Menschen zugeordnet.

Genaue Datierung

Von Neandertalern während der archäologischen Kultur „Châtelperronien“ hergestellter Körperschmuck aus der Grotte du Renne.

Marian Vanhaeren und Michèle Julien

Von Neandertalern während des Châtelperronien hergestellter Körperschmuck aus der Grotte du Renne.

Was aber ist mit dem Châtelperronien? Bisher konnten die Schöpfer nicht eindeutig identifiziert werden. Daher untersuchte Hublin mit seinem Team 40 gut erhaltene Knochenproben aus der französischen Grotte du Renne, wo CP-Materialien enthalten waren, sowie ein Neandertaler-Skelett.

Die Experten extrahierten Kollagen aus den Knochenproben, dessen Alter sie mittels Isotopenmessung bestimmten. Ein Beschleuniger-Massenspektrometer lieferte präzise Daten. Das Ergebnis: Das Neandertaler-Skelett passt mit seinem Alter von etwa 41.500 Jahren in die zu Ende gehende Zeitperiode des Châtelperronien. Das Team sieht darin die Bestätigung, dass die Neandertaler die anspruchsvollen Gegenstände in der CP-Kultur geschaffen haben.

"Aufgrund der Datierungsergebnisse gehen wir davon aus, dass Neandertaler komplexe Knochenwerkzeuge und Schmuck erst produzierten, nachdem moderne Menschen diese neuen Verhaltensweisen in Westeuropa eingeführt hatten", erklärte Hublin. Daher halten es die Forscher für wahrscheinlich, dass die Gruppen in kulturellem Austausch standen.

science.ORF.at/dpa

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