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Ein Soldat steht vor der ungarischen Fahne

Antisemitismus gestern und heute

Ein kürzlich erschienenes Buch beschäftigt sich mit der Geschichtspolitik in Ungarn seit dem Zweiten Weltkrieg. Antisemitismus nimmt derzeit wieder zu - und das in einem Land, in dem während der NS-Zeit über eine halbe Million Juden und Jüdinnen deportiert und ermordet wurden.

Ungarn 09.11.2012

Heute leben noch rund 100.000 Jüdinnen und Juden in Ungarn, der Großteil von ihnen in Budapest. Noch während des Kommunismus, ab den späten 1970er Jahren, wurde das Schicksal der ungarischen Juden Teil der offiziellen Erinnerungskultur des Landes.

Nach 1989 kam es im nunmehr eigenständigen und demokratischen Ungarn zu einem Bruch in der Erinnerungskultur. "Das Beispiel Ungarn zeigt, wie stark die Geschichtspolitik stets von den realen politischen Verhältnissen bestimmt gewesen ist - bis heute", sagt die Zeithistorikerin und Autorin Regina Fritz.

Zur Person:

Porträtfoto der Historikerin Regina Fritz

Ludwig Boltzmann-Institut für Historische Sozialwissenschaft

Regina Fritz ist Lektorin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Zu Ihren Forschungsschwerpunkten zählen: Holocaust-Studies, Nationalsozialismus, osteuropäische Zeitgeschichte mit Schwerpunkt Ungarn, Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. Sie war Stipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung im Graduiertenkolleg zur Zeitgeschichte "Diktaturüberwindung und Zivilgesellschaft in Europa” (Wien/Heidelberg). Ihre Arbeit wurde mit dem Irma Rosenberg-Förderpreis und mit dem Theodor Körner Preis ausgezeichnet. Sie ist außerdem Projektassistentin im "Mauthausen Survivors Research Project (MSRP)"

Historischer Hintergrund:

Ungarn tritt am 20. November 1940 dem Dreimächtepakt bei, der zwischen Nazi-Deutschland, dem faschistischen Italien und Japan geschlossen wurde, und beteiligt sich - zwischenzeitlich - mit bis zu 200.000 Mann am Krieg gegen die Sowjetunion. Nachdem Italien aus Enttäuschung über die Niederlagen im Zweiten Weltkrieg das Bündnis mit Nazi-Deutschland verlässt, nehmen Teile der ungarischen Regierung Kontakt zu den Alliierten auf. In der Folge marschieren deutsche Truppen im Herbst 1944 in Ungarn ein. Binnen weniger Wochen werden mehr als 550.000 ungarische Juden deportiert und ermordet. Der Großteil von ihnen kommt im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau im heutigen Polen um, ein Teil auf den so genannten Todesmärschen nach Mauthausen.

Das Buch:

Regina Fritz: "Nach Krieg und Judenmord. Ungarns Geschichtspolitik seit 1944", 364 Seiten, Wallstein Verlag

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmete sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell: 2.11., 13:55 Uhr.

science.ORF.at: Die Geschichte des Antisemitismus in Ungarn ist von zahlreichen Eskalationsstufen gekennzeichnet. Der Herbst 1944, als deutsche Truppen im Land einmarschierten und 550.000 Jüdinnen und Juden deportierten, war der fatalste Wendepunkt - wie wird heute mit der Mitverantwortung am Holocaust umgegangen?

Regina Fritz: Heute wird in Ungarn die Schuld an der Ermordung der jüdischen Bevölkerung gerne externalisiert, also die Verantwortung dafür wird allein den Truppen Nazi-Deutschlands zugeschrieben. Doch Tatsache ist, dass die ungarischen Behörden diese tatkräftig bei der Deportation der eigenen Bevölkerung unterstützten und es nur vereinzelte Akte zivilen Ungehorsams gab.

Der Beginn des 20. Jahrhundert wird für die jüdische Bevölkerung in Ungarn gerne als "goldenes Zeitalter" bezeichnet, obwohl es zu Pogromen kam und es eine antisemitische Partei gab. Im Unterschied zur Zeit vor dem Ersten Weltkrieg wurde der Antisemitismus in der Zwischenkriegszeit von der Politik jedoch stärker mitgetragen. Zum Beispiel wurde 1920 das europaweit erste antisemitische Gesetz erlassen - ein Numerus Clausus für jüdische Studierende.

Ähnlich wie in Österreich waren auch die ungarischen Universitäten Horte des Antisemitismus, der stark von der Studentenschaft ausging. Es gab zahlreiche antisemitische Bünde und Kameradschaftsverbände, wiederholte Ausschreitungen und so genannte "Ghettobänke", also Plätze, die nur für jüdische Studenten bestimmt waren. Und immer wieder wurde jüdischen Studenten verwehrt, die Universität überhaupt nur zu betreten.

Kurz vor dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2004 wurde in Budapest das Holocaust-Gedenkzentrum eröffnet. Welche internationalen Einflüsse sind heute auf die ungarische Erinnerungslandschaft zu beobachten?

In Ungarn wurde vor dem Beitritt zur EU angenommen, dass sich die Auseinandersetzung mit dem Holocaust positiv auf einen baldigen Beitritt auswirken werde. Daher hat man in jener Zeit viele geschichtspolitische Schritte in Richtung kritischer Auseinandersetzung mit der eigenen Mitverantwortung am Holocaust gesetzt. Nach dem Beitritt zur EU ist die Beschäftigung mit diesem Thema zurückgegangen.

Neben dem Holocaust-Museum beschäftigt sich ein weiteres Museum, das so genannte "Haus des Terrors" mit der ungarischen Zeitgeschichte. Von 25 Räumen sind nur zwei dem Nationalsozialismus gewidmet, der Rest dem Kommunismus. Ist das ein treffendes Symbol für die heute in Ungarn gängige Erinnerungskultur?

Es ist auf jeden Fall ein Symbol für einen Teil der Geschichtspolitik. Der Diskurs in Ungarn ist gegenwärtig sehr polarisiert: Es gibt auf der einen Seite jene, die sehr wohl die Mitverantwortung am Holocaust und seine Einzigartigkeit anerkennen. Das ist wohl ein kleinerer Teil der Bevölkerung, der sich an der liberalen bzw. sozialistischen Partei festmachen lässt. Diese klammern allerdings die Erinnerung an den kommunistischen Terror aus bzw. thematisieren ihn kaum.

Dem gegenüber steht ein Erinnerungs-Diskurs, wie er sich an der Ausstellung im "Haus des Terrors" ablesen lässt. Dabei werden die beiden diktatorischen Regime gleichgesetzt. Hier versucht man in der Ausstellung sogar eine Art "Täter-Kontinuität" zu schaffen. In jenem Raum, der mit "Kleidungswechsel" betitelt worden ist, wird behauptet, dass viele ungarische Nationalsozialisten, die so genannten "Pfeilkreuzler", nach 1945 einfach zu Kommunisten geworden sind. Man sagt, die Täter des einen Regimes sind die gleichen Personen, wie die Täter des anderen Regimes.

Wie wurde während der 40-jährigen kommunistischen Herrschaft mit der ungarischen NS-Vergangenheit umgegangen?

Hier gilt es zwischen zwei Phasen zu unterscheiden. Zunächst wird in der Ära des ungarischen stalinistischen Diktators Mátyás Rákosi, also von 1948 bis 1956, die Holocaust-Erinnerung tabuisiert. Interessant ist, dass - anders als nach dem unmittelbaren Ende des Zweiten Weltkrieges - auch der Antifaschismus kein Thema ist, obwohl ja ungarische Partisanen gegen die Besatzer gekämpft hatten. Es wird lediglich einzelner ermordeter Kämpfer gegen die deutschen Besatzer gedacht. Außerdem wird der Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg für die Ausbildung junger Militärs genutzt.

Auf Rákosi folgt 1956 János Kádár. Damals gewinnt der Partisanenkampf in der Erinnerungskultur gravierend an Bedeutung, wie auch die Erinnerung an den Holocaust. Ungarn zeigt ganz gut, dass eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Osteuropa nicht erst 1989 beginnt, wie in der Historiographie oft behauptet wird. Kunst und Literatur tragen das Thema in die Öffentlichkeit. Der große Höhepunkt ist eine Gedenkveranstaltung im Parlament, die kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs stattfindet.

In Ungarn nimmt der Antisemitismus zu. Davon zeugen geschändete jüdische Friedhöfe, sowie annähernd 20 Prozent Zustimmung für die rechtsextreme und antisemitische Jobbik-Partei. Woran liegt das?

Der Antisemitismus in Ungarn äußert sich derzeit sehr stark in einer Israel-Feindlichkeit. Es wird immer wieder behauptet, Israel strebt eine Art Machtübernahme in Ungarn an bzw. dass die Geschicke des ungarischen Staates in Wahrheit von Israel gelenkt würden. Immer wieder werden israelische Fahnen verbrannt - kürzlich wurde vor der Synagoge in Budapest.

Der Hass gegenüber der jüdischen Bevölkerung ist oft eng mit dem Hass gegen die Roma verknüpft. Das Hauptproblem ist, dass derlei nicht von politischer Seite geahndet wird. Seit dem Regierungswechsel konkurriert die nationalkonservative Fidesz-Partei mit der rechtsextremen Jobbik-Partei um Wählerstimmen und man greift zum Teil auf ähnliche Rhetorik zurück, um diese Wähler für sich zu gewinnen. Man tritt nicht entscheidend gegen Antisemitismus und Antiziganismus auf, sondern macht derlei salonfähig.

Interview: Tanja Malle, Ö1 Wissenschaft

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