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Ein Netzwerk von Menschen

Die Grenzen des Netzwerkens

Spätestens seit dem Siegeszug von Facebook ist die Ansicht weit verbreitet, dass unsere Kontakte miteinander die Form eines Netzwerks haben: "Networking" sei dementsprechend wichtig für privaten wie beruflichen Erfolg. Aber kann man tatsächlich "aktiv netzwerken"? Nein, wenn man sich an einige Klassiker der Netzwerkforschung erinnert.

Kulturwissenschaft 12.11.2012

Bei ihnen ging es um so unterschiedliche Dinge wie Heringfang auf einer norwegischen Insel und die Jobsuche in einem Vorort von Boston, wie die Kulturwissenschaftlerin Nacim Ghanbari in einem science.ORF.at-Gastbeitrag schreibt.

Kann man aktiv netzwerken?

Von Nacim Ghanbari

Über die Autorin:

Porträtfoto der Literaturwissenschaftlerin Nacim Ghanbari

Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften

Nacim Ghanbari ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Germanistischen Seminar der Universität Siegen und derzeit Research Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien.

Veranstaltungshinweis:

Am 12.11. hält Nacim Ghanbari einen Vortrag mit dem Titel "Kontakte knüpfen. Netzwerktheorie und Aufklärungsforschung".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Im Jahr 1952 unternimmt der britische Ethnologe und Mathematiker John A. Barnes eine Reise auf die norwegische Insel Bremnes. Zweck der Reise ist eine Feldforschung, die von der University of Manchester finanziert wird, und die sich der Untersuchung der Sozialbeziehungen auf der Insel widmen soll.

In seinem Bericht, der kurze Zeit nach dem Aufenthalt in der Zeitschrift "Human Relations" veröffentlicht wird ("Class and Committees in a Norwegian Island Parish", 1954), entwirft Barnes eine zweigeteilte Welt, um den von ihm beobachteten Sozialbeziehungen ein Bild zu geben.

Die eine Hälfte dieser Welt ist zutiefst statisch. Sie ist territorial bestimmt und besteht aus den einzelnen Haushalten. Eine übergeordnete, hierarchisch organisierte Verwaltung sorgt für das reibungslose Funktionieren der städtischen Infrastruktur. Der Tausch von Häusern und Land durch Kauf und Verkauf findet in der knapp 5.000 Seelen umfassenden Gemeinde kaum statt. In dieser Welt arbeiten die Männer und sind die Frauen mehrheitlich Hausfrauen.

Die zweite Welt ist die der gefahrvollen See, in die auf der Jagd nach Heringen die Männer stechen. In Fischerbooten, die höchstens zwanzig Mann aufnehmen und deren Besatzung regelmäßig wechselt, kommen sie zusammen, um gegeneinander um die beste Beute anzutreten: "Herring fishing is war", wie Barnes die höchst kompetitive Struktur dieser Welt zusammenfasst.

Kooperation im Wettbewerb

Die Beschreibung der Verhältnisse auf Bremnes - hier das beständige Haushalten der Ehepaare auf dem Festland, dort der Wettbewerb der Männer untereinander auf hoher See - zeigt sich als schroffe Entgegensetzung. Sie wird dort aufgeweicht, wo Barnes auf die Bedeutung der Fischereiindustrie zu sprechen kommt. Die Industrie stellt den Fischern technisch hoch aufgerüstete Boote zur Verfügung, was zur Folge hat, dass jeder, sofern er körperlich gesund ist, als Fischer arbeiten, aber auch wieder in seinen alten Beruf zurückkehren kann, wenn der Erfolg ausbleibt.

Als große Bootsverleiherin erlaubt sie den Männern auf Bremnes weiterhin, auf allen Booten zu arbeiten, seien sie nun in Bremnes registriert oder nicht. Das hat zur Folge, dass temporär, für die Zeit der gemeinsamen Jagd, Männer aus verschiedenen Küstenregionen Norwegens zusammenkommen können: Fremde, aber auch entfernte Verwandte, (ehemalige) Arbeitskollegen und Freunde knüpfen Kontakte.

Sie kooperieren miteinander, sobald es um die Vermittlung geeigneter Bootsstellen geht, und setzen damit das Prinzip des Wettbewerbs außer Kraft. Für die Beschreibung dieser dritten Sphäre verwendet Barnes - als einer der ersten Sozialwissenschaftler - den Begriff des "Netzwerks" im Sinne eines sozialen Netzwerks.

Beschreibung von Arbeitsbeziehungen

Barnes' frühe Überlegungen zu den Arbeitsbeziehungen auf der Insel Bremnes formulieren wichtige Aspekte des sozialen Netzwerks, die noch heute - sowohl in der wissenschaftlichen Netzwerkforschung als auch im Alltagsverständnis - wirksam sind: das Fehlen von Hierarchien und eines koordinierenden Zentrums sowie die Reziprozität - also Gegenseitigkeit - der Beziehungen und Hilfeleistungen.

Auffällig ist jedoch, dass Barnes die Begriffe "freier Arbeitsmarkt" und "Netzwerk" teilweise synonym verwendet, während heute das Netzwerk in der Regel eine Struktur bezeichnet, die am Rande marktförmiger oder hierarchischer Beziehungen sichtbar wird (man denke an das berühmte Diktum des Soziologen Walter W. Powell über das Netzwerk: "neither market nor hierarchy").

Gerade weil heute bisweilen kulturkritisch darüber lamentiert wird, dass keine berufliche Existenz ohne networking auskommt, ist daran zu erinnern, wie eng von Anfang an das Nachdenken über das Netzwerk mit ethnographischen und soziologischen Beobachtungen der Berufswelt zusammenhing. Das Netzwerk war gewissermaßen immer schon da, wenn es darum ging, Arbeitsbeziehungen zu beschreiben. Zwei Texte des amerikanischen Soziologen Mark S. Granovetter verdeutlichen diesen Zusammenhang: der Aufsatz "The Strength of Weak Ties" von 1973 und seine Doktorarbeit "Getting A Job" von 1974.

Der Wert "schwacher Verbindungen"

Granovetter, der Barnes Bericht kannte, geht in einem Vorort Bostons der Frage nach, wem die von ihm befragten Techniker und höheren Angestellten, die kurze Zeit zuvor eine neue Stelle antraten, die Vermittlung zu ihrem neuen Job verdanken. Das Ergebnis ist eindeutig: Es sind nur selten nahe Verwandte oder Freunde, zu denen der Befragte in regem Kontakt steht, sondern stattdessen die entfernten Bekannten, die dem Suchenden die ausschlaggebende Information zukommen lassen.

Dieses empirische Ergebnis dient Granovetter zum Ausgangspunkt weitreichender theoretischer Überlegungen, in deren Verlauf zwei Thesen ausgearbeitet werden: Die Expansion des sozialen Netzwerks verdankt sich nicht den "starken Verbindungen", wie sie beispielsweise zwischen Familienmitgliedern und langjährigen Freunden bestehen, sondern den "schwachen Verbindungen". Dies wiederum ist ein Beweis für den "Vorrang von Struktur vor Motivation". Was ist damit gemeint?

Unsichtbare Strukturen

Um sich die Brisanz von Granovetters Thesen klar zu machen, muss man wissen, dass er zu einer Zeit forscht und arbeitet, da sich die empirische Sozialforschung - wenn auch uneingestanden - von einem humanistisch geprägten Menschenbild leiten lässt. Die stillschweigende Annahme eines Subjekts, das sich seiner Motivationen und Handlungsziele bewusst ist, zeigt sich besonders deutlich in der Rational Choice Theory, gegen die sich die frühen Netzwerktheoretiker wenden.

Wenn sie zur Ermittlung der sozialen Netzwerke ihren Informanten nicht mehr die Frage stellen "wer ist dein bester Freund?", sondern stattdessen fragen: "wer hütet deine Wohnung, wenn du die Stadt verlässt?" oder "bei wem holst du Rat bei schwierigen Entscheidungen?", steckt dahinter das tiefe Misstrauen gegen die bewussten Sympathien und Antipathien der Befragten.

Erst die indirekt formulierten Fragen geben den Blick frei auf soziale Strukturen, die dem Einzelnen unsichtbar sein können. Es war Granovetter wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Anstrengungen der Familie und engsten Freunde, dem Arbeitssuchenden zu helfen, nichtig sind im Vergleich zu den Effekten jenes losen Netzes aus flüchtigen Bekannten und "friends of friends".

Entzieht sich dem Zugriff der Einzelnen

Lässt man Barnes Beobachtungen auf der Insel Bremnes und Granovetters Befragungen in Boston noch einmal Revue passieren, stellt sich die Frage, wie man aus einer Theorie, die den Einzelnen in einem ihm selbst unsichtbaren Netz aus schwachen Verbindungen situiert, das Stichwort für die Maximierung sozialer Kontakte im Sinne von networking gewinnen konnte. Anders gefragt: Lassen sich schwache Verbindungen im Sinne flüchtiger Bekanntschaften akkumulieren?

Granovetter gibt auf diese Frage eine ambivalente Antwort. In den Szenen, die er zum Zweck der Veranschaulichung seiner Theorie entwirft, ist der "flüchtige Bekannte" stets jemand, den man früher kannte und in der Gegenwart fast schon vergessen hat. Es sind also vergangene, vom jetzigen Leben abgetrennte soziale Kontexte, die sich als Pool schwacher Verbindungen erweisen können.

Auch bei Barnes ist es die Summe der Kontakte, die der Einzelne im Laufe seines Lebens und an verschiedenen Orten geknüpft hat, die sein Netzwerk ausmachen. Interessanterweise taucht sogar die Formulierung der "Vererbung" sozialer Kontakte auf. Das räumliche Modell eines unsichtbaren Netzes schwacher Verbindungen wird in beiden Beschreibungen verzeitlicht und in die Vergangenheit gerückt. Vor diesem Hintergrund kann es nicht weiter verwundern, dass weder Barnes noch Granovetter in ihren Ausführungen die Möglichkeiten aktiven Netzwerkens in Erwägung gezogen haben. Das soziale Netzwerk entzieht sich dem Zugriff der Einzelnen.

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