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Der US-Rapper Kanye West

Das Gehirn beim Freestyle-Rappen

Freie Improvisation ist die Königsdisziplin für Rapper. Was sich dabei im Gehirn tut, unterscheidet sich Forschern zufolge wesentlich von der Darbietung einstudierter Stücke. Dass sich auch Gehirnströmen selbst in Musik verwandeln lassen, zeigt eine andere aktuelle Studie.

Neurowissenschaft 16.11.2012

Wie improvisiert das Gehirn?

Laut den Forschern um Siyuan Liu vom National Institute of Health besteht künstlerische Kreativität in der Regel aus zwei Schritten: Zuerst wird spontan neues Material produziert, erst bei der Fertigstellung wird dieses bewertet und geordnet. Besonders der erste Schritt - die Improvisation - ist für die Gehirnforscher interessant, stellt er doch den eigentlichen kreativen Akt dar. Was passiert dabei im Gehirn? Gibt es ein neurologisches Korrelat dafür?

Freestyle-Rap sei daher die ideale Kunstform, um diese Initialphase zu untersuchen. Bei dieser Improvisation an der Schnittstelle von Sprache und Musik wird Sprechgesang aus dem Stegreif produziert, d.h., es wird völlig frei assoziiert, ohne vorher etwas aufgeschrieben zu haben.

Die Studie in "Scientific Reports":

"Neural Correlates of Lyrical Improvisation: An fMRI Study of Freestyle Rap" von Siyuan Liu et al., erschienen am 15. November 2012.

Im Fluss

Spontanes Improvisieren ist den Forschern zufolge ein komplexer kognitiver Vorgang, der äußerlich in vielem dem ähnelt, was in der Psychologie als "Flow" bezeichnet wird. Dabei geht man völlig in einer Tätigkeit auf und kommt in einen Zustand bzw. eine Art Rausch, in dem es gewissermaßen "fließt"; im Gehirn zeigen sich dabei bestimmte Veränderungen im Frontallappen.

Ähnliche Muster haben die Forscher daher auch beim freien Rappen erwartet. Um das zu überprüfen, haben sie zwölf Freestyle Rapper, die alle mindestens fünf Jahre Erfahrung hatten, für ihre Studie rekrutiert. Sie mussten zwei Aufgaben ausführen, während ihre Gehirnaktivität mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) untersucht wurde. Zuerst sollten sie auf Basis eines achttaktigen Musikstücks mit 85 Schlägen per Minute im Freestyle rappen, nur der Rhythmus lieferte Anhaltspunkte zum Texten und Reimen. In der zweiten Anordnung rappten sie einen bereits wohlvertrauten existierenden Text.

Kreative Verschaltung

Im Gehirn zeigten sich den Forschern zufolge dabei ganz unterschiedliche Aktivitätsmuster, nämlich - wie erwartet - im präfrontalen Cortex - jener Region, die für komplexes kognitives Verhalten und Entscheidungen zuständig ist. Er gilt als das Kontrollsystem für Handlungen und Emotionen.

Beim freien Improvisieren stieg im Vergleich zur Reproduktionsaufgabe die Aktivität im mittleren Teil des Frontallappens an - hier sollen vor allem die Motivation von Denken und Handeln verortet sein, wohingegen sie in manchen seitlichen Bereichen, genauer im dorsolateralen Präfontallappen, abnahm. Letztere sind wichtig für Überwachung und Kontrolle. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam bereits 2008 die Studie eines Teams um Charles J. Limb, ebenfalls von der Language Section des National Institutes of Health. Damals wurde die Aktivität des Gehirns von Jazzmusikern beim Improvisieren aufgezeichnet.

Die aktuelle Studie zeigt, dass lyrischer Freistil in Form von Rap die Verschaltungen im Gehirn großräumig verändert. Einerseits werden Kontrollsysteme im Frontallappen in gewisser Weise umgangen, andererseits steigt die Aktivität in anderen Regionen, etwa im Perisylvian-System, das bei der Sprachproduktion wichtig ist, in der Amygdala, dem Gefühlszentrum des Gehirns, sowie im Gyrus cinguli, der funktionell zum limbischen System gehört.

Den Forschern zufolge deutet diese Umorganisation darauf hin, dass ein größeres neuronales Netzwerk - das Motivation, Sprache, Stimmung und Aktion miteinander verbindet - spontanes, kreatives und improvisiertes Handeln ermöglicht, vermutlich nicht nur beim Rappen, sondern auch in anderen Kunstformen.

Der Soundtrack des Gehirns

Die Studie in "PLoS ONE":==
"Scale-Free Brain-Wave Music from Simultaneously EEG and fMRI Recordings" von J. Lu et al., erschienen am 14. November 2012.

Dass das Gehirn und seine Aktivierungsmuster selbst zu Kunst werden könnten, versuchen Forscher um Jing Lu von der chinesischen University of Electronic Science and Technology in einer ebenfalls soeben erschienenen Studie zu demonstrieren. Sie habe EEG-Aufzeichnungen (Elektroenzephalogramm) und fMRI-Bilder kombiniert und daraus eine Art Musik gemacht, erstere bestimmten die Tonhöhe und Dauer einer Note, zweitere die Intensität.

Hörbeispiel:

Wozu die "Hirnmusik" gut sein soll, ist nicht ganz klar. Den Forschern zufolge könnte die ungewöhnliche Darstellungsart neue Einblicke ermöglichen, denkbar wäre sie auch als Instrument für Biofeedback-Therapien. Zumindest würden Kunst und Wissenschaft so näher zusammenrücken - ob der Output dafür ausreicht, kann jeder selbst beurteilen. Vielleicht sollte man Kreativität doch besser IM Hirn suchen und auch dort belassen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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