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Archivbild vom 11. April 1961 zeigt den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann waehrend seiner Vernehmung am ersten Prozesstag vor dem Jerusalemer Bezirksgericht

Eichmann hat alle getäuscht

Adolf Eichmann war der "Cheflogistiker" der Judenvernichtung während der NS-Zeit. Bei seiner Gerichtsverhandlung in Israel stilisierte er sich zum Mitläufer eines totalitären Systems, der nur Befehle befolgt habe. Hannah Arendt prägte dafür den Begriff der "Banalität des Bösen" - die Philosophin Bettina Stangneth widerspricht nun dieser Deutung.

Zeitgeschichte 16.11.2012

Eichmann, der ehemalige SS-Obersturmbannführer, hat auch nach 1945 weiter nationalsozialistisch agitiert, wie neue Dokumente zeigen, die Arendt und anderen Prozessbeobachtern nicht zur Verfügung standen. Bettina Stangneth hat die "Argentinien-Papiere" in langjähriger Archivarbeit gesammelt. Sie kommt zu dem Schluss, dass Eichmann die Öffentlichkeit in seinem Prozess gezielt manipulierte.

science.ORF.at: Der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem brachte großes, öffentliches Interesse mit sich. Zahlreiche Berichterstatter, unter ihnen die Politologin und Publizistin Hannah Arendt, verfolgten das Verfahren. Welche Schlüsse zogen die Beobachter des Prozesses aus Eichmanns Verhalten und seinen Äußerungen?

Bettina Stangneth:
Die deutsche Philosophin und Historikerin Bettina Stangneth war am 15. November im Rahmen der Simon Wiesenthal Lectures mit einem Vortrag über "Gefährliches Verstehen-Wollen. Adolf Eichmanns Wissen über Urteilskraft und Manipulation" zu Gast in Wien.

Bettina Stangneth: Die erste Beobachtung, der sich niemand entziehen kann - auch heute nicht, wenn man sich das Filmmaterial anschaut - das ist die eines stotternden, stammelnden, kleinen Männleins in einem Glaskasten, der riesige Berge an Papieren sortiert, und dem man gar nichts zutrauen kann. Heute noch, mit dem Wissen, das ich habe, muss ich mich anstrengen, mir immer gegenwärtig zu halten, was ich weiß. Denn die Erscheinung ist einfach die eines zivil gekleideten Bürokraten, nach dem Klischee, wie wir es uns vorstellen.

Hinter diese unmittelbare Empfindung zurückzugreifen, ist fast unmöglich. Sie müssen einfach wissen, wie dieser Mensch in anderen Zeiten ausgeschaut hat, wie er gesprochen hat. Sie müssen einmal gehört haben, wie sich seine Stimme anhört, wenn er nicht vor Gericht sieht. Nur dann können sie den Unterschied und sein Schauspiel erkennen.

Ansonsten ging es allen anderen wie Hannah Arendt. Man hat hinterher behauptet, nur sie hätte das so gesehen. Das stimmt aber nicht. Sogar sein Verhöroffizier hat gesagt: "Ich habe mir unter ihm etwas Größeres vorgestellt, etwas Imposanteres und dann sitzt vor mir ein Hanswurst." Das war einfach der Eindruck, den er erweckt hat, weil er ihn erwecken wollte.

In dem Prozess präsentierte sich Eichmann als Mitläufer, der einem autoritären Regime ausgeliefert war. Hat er denn nach 1945 aufgehört, nationalsozialistische Ideen zu propagieren?

Eichmann vor Jerusalem Cover
Bettina Stangneth

Arche Verlag

Bettina Stangneths Buch "Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders" ist im Arche Verlag erschienen.

Wir wissen, dass Eichmann auf einem längeren Weg von Österreich nach Norddeutschland gelangt ist und sich dort versteckt hat. Schon dort war er nicht allein, das war auch eine SS-Kolonie, also eine kleine Gruppe ehemaliger SS-Leute. Einige wussten, wer er war, andere nicht. Der Nationalsozialismus war auch dort Gesprächsthema. Er fing nicht erst später wieder damit an, sondern es ging nahtlos ineinander über. Er soll auch damals schon geschrieben haben. Er sagte aber, dass er diese Unterlagen vernichtet hat, weil er damit auf der Flucht nicht erwischt werden wollte. Denn er musste damit dann wieder durch Deutschland und Österreich über Italien auf sein Schiff nach Argentinien.

Fing er in Argentinien wieder an zu schreiben?

In Argentinien sieht das alles anders aus. Da fühlt er sich sehr sicher. Er fängt an zu hören, was andere über den Nationalsozialismus denken und natürlich auch über ihn sagen. Und das gefällt ihm nicht.

Sie reden seine Rolle in der Geschichte klein, und das hat er nicht so gern. Und so fängt er an, über sich, die Geschichte und den Nationalsozialismus zu schreiben, um sich seine Karriere zurückzuerobern, um weiter Karriere zu machen. Jetzt natürlich nicht mehr auf der Seite der totalitären Macht, sondern auf der Seite der Verlierer, die aber immer noch Krieg führen.

Er lernt einen Verleger kennen, der sich seit vielen Jahren in Argentinien einen Verlag mit nationalsozialistischem Gedankengut aufgebaut hat und nach Europa exportiert. Er hat auch eine Zeitschrift gemacht, die in Österreich stark gelesen worden ist. Und seine Familie, sein Vater, seine Brüder lebten noch hier, und er wollte natürlich auch vor denen anders dastehen, als er das tat. Das war eine große Versuchung, nicht mehr so vorsichtig zu sein und die Klappe wieder aufzureißen.

Eben diese Aufzeichnungen haben sie in langjähriger Archivarbeit gesammelt. Warum sind die sogenannten "Argentinien-Papiere" so lange nicht aufgetaucht?

Die Familie hatte einen Teil, auf den man aufgepasst hat. Freunde und Bekannte hatten den anderen Teil. Historiker, Journalisten und Geheimdienstleute haben nach diesen Aufzeichnungen gesucht.
Und auf diese Weise sind mal hier ein Papier, mal da ein Papier in die unterschiedlichsten Archive gelangt. Simon Wiesenthal ist es ja auch gelungen, aus diesem Korpus von über tausend Seiten 24 Seiten zu bekommen. Wir wissen immer noch nicht, woher er sie hat. Vielleicht hat sie ihm ein Journalist zugesteckt, vielleicht haben ihm seine Geheimdienstkontakte geholfen. Wir wissen es nicht. Aber auf diese Weise sind überall Fragmente dieser Papiere verblieben. Ich habe nichts anderes gemacht, als durch alle Archive zu schauen, überall nachzusehen, ob noch irgendwo ein einzelnes Blatt ist. Teilweise ist es wirklich so gewesen, dass in einem Archiv nur ein fehlendes Blatt war.

Ö1-Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin (16.11., 19:05 Uhr).

Nach Analyse dieser Aufzeichnungen war klar, dass Eichmann bei seinem Prozess gelogen hat, sich als Unwissender und Mitläufer inszeniert hat. Hatte sich Eichmann bereits früher mit Lügen- und Manipulationstechniken auseinandergesetzt?

Ja, und zwar sehr bewusst aus einem sehr pervertierten Denken heraus. Er glaubte ja, dass "normale Rassen", "normale und anständige Völker" mit Armeen kämpfen. Die haben ein Land, die haben Grenzen, die haben Militär, die haben Waffen. Das kann man bemessen und sich dem stellen. Juden aber haben kein Land. Und sie haben keine Grenze und keine Armee. Womit kämpfen sie dann? Mit ihrem überlegenen Denken, mit Lügen, mit Manipulation. Wer gegen sie kämpfen will, muss wissen, wie das geht, war Eichmanns Meinung.

Mit welcher Tricks hat Adolf Eichmann die Öffentlichkeit während seines Prozesses manipuliert?

Eichmann war 1941 das erste Mal in Auschwitz. Das ist lange vor der berüchtigten Wannseekonferenz. Das ist aber etwas, das er unbedingt verschweigen muss. Denn dann könnte man ihn ja fragen, warum er zu einem Zeitpunkt in Auschwitz war, als dort die Massenvernichtung noch nicht begonnen hat, als man erst anfing Mordmethoden auszutesten. Denn das sieht dann ja so aus, als habe er bei der Entwicklung dieser Mordmaschinerie direkt mitgewirkt.

Und er hat natürlich gewusst, wenn er sich hinstellt und sagt: "Nein, nein. Ich war nicht im Sommer 1941 in Auschwitz. Ich war das erst im Winter", wenn er das so direkt macht, wird ihm keiner glauben. Er war ja nicht dumm.

Als hat er sich etwas anderes ausgedacht. Er hat beispielsweise gesagt: "Ich weiß überhaupt nicht mehr, wann ich das erste Mal da war, keine Ahnung". Und dann hat er ein bisschen über etwas anderes gesprochen und gesagt: "Ja, ich erinnere mich, das Herbstlaub war schon gefallen, und es war so kalt, ich hatte meinen Pelzmantel an. Aber wann ich da war, weiß ich nicht." Natürlich haben alle dann den Schluss gezogen, es kann nur Winter gewesen sein. So denken wir: wo Rauch ist, ist Feuer. Wo ein Pelzmantel und ein Mann - wir reden über die 40er Jahre -, da kann es nur Winter sein.

Warum hat seine Inszenierung funktioniert? Eichmann war immerhin von Menschen umgeben, die ihn mehr als kritisch gesehen haben.

Wir denken im Sinne der Hoffnung, wir denken im Sinne von "Sinn". Wir wollen uns eine Bild davon machen, was geschieht und was ist. Und dann setzen wir eben solche Indizien zusammen und rechnen nicht immer damit, dass jemand so perfide agiert, dass er uns die Indizien streut.

Der Mensch orientiert sich in der Welt nur dadurch, dass er bestimmte feste Punkte hat. Wenn jemand anderer diese Punkte verrückt, und wir es nicht merken, nützt uns unser ganzes Denken nichts.

Hannah Arendt, die den Prozess für die Zeitschrift "New Yorker" beobachtete, beschrieb Eichmann als gedankenlos, realitätsfern, als erbärmlichen Hanswurst. Sie entwickelte daraufhin ihre Theorie der "Banalität des Bösen". Für Sie eine Theorie der Hoffnung, warum?

Wenn das Böse banal ist, wenn es in der Welt ist, weil ein Mensch nicht lange genug nachdenkt oder sich nicht genug mit sich selbst beschäftigt, dann ist die Lösung für das Problem ganz einfach: Wir müssen diesen Menschen nur zum Denken bringen. Das ist das alte Projekt der Aufklärung. Lerne dich deines Verstandes selber zu bedienen.

Aber was wäre, wenn es ein Böses gibt, dass aus dem Denken kommt? Also wenn das Böse auch entstehen kann, auch in die Welt kommen kann, weil jemand genau diesen Weg gegangen ist, den wir richtig finden. Wenn er angefangen hat zu denken und sich seine eigene Weltanschauung zusammenzimmert, die dann im Massenmord endet, was ist dann?

Die Theorie der "Banalität des Bösen" ist eine Theorie der Hoffnung, weil sie darauf setzt, dass die Aufklärung den Menschen besser macht. Das ist sicher richtig. Aber die Frage ist, ob sie ihn immer und automatisch richtig macht.

Interview: Marlene Nowotny, Ö1 Wissenschaft

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