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Street-Art aus Berlin: Ein Mann hält eine Bild mit einem Frauengesicht vor sein eigenes Gesicht

Das Spiel mit den Identitäten

Für die Netzgeneration ist das Internet zu einem selbstverständlichen Lebensort geworden. Wie Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene soziale Netzwerke nutzen, hat ein Forschungsprojekt untersucht, an dem die Uni Klagenfurt beteiligt war. Ein Ergebnis: Die jungen Menschen gehen im Netz spielerisch mit Identitäten um.

Medienwissenschaften 16.11.2012

Die Überschreitung von Grenzen birgt Risiken, aber auch Chancen, schreiben drei Medienwissenschaftlerinnen in einem science.ORF.at-Gastbeitrag.

Auf den Spuren des digitalen Subjekts

Die Autorinnen:

Porträtfoto der Medienwissenschaftlerin Christina Schachtner

Universität Klagenfurt

Christina Schachtner ist Professorin für Medienwissenschaft, Schwerpunkt "Neue Medien und digitale Kultur", am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und leitet im Rahmen des FWF-/VW-Projekts "Subjektkonstruktionen und digitale Kultur" das Klagenfurter Teilprojekt "Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace".
E-Mail: christine.schachtner@aau.at

Porträtfoto der Medienwissenschaftlerin Elisabeth Augustin

Universität Klagenfurt

Elisabeth Augustin Augustin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
E-Mail: elisabeth.augustin@aau.at

Porträtfoto der Medienwissenschaftlerin Nicole Duller

Universität Klagenfurt

Nicole Duller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
E-Mail: nicole.duller@aau.at

Das Forschungsprojekt:

Im Rahmen des Forschungsprojekts "Subjektkonstruktionen und digitale Kultur", gefördert vom FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) und der VolkswagenStiftung, wird die Mediatisierung unserer Gesellschaft und deren Bedeutung für die nachwachsende Generation untersucht. Seit 2009 untersuchen vier Forschungsteams der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, der Universität Bremen, der Universität Münster und der Technischen Universität Hamburg- Harburg Subjektkonstruktionen im Kontext digitaler Medien. Die Teilprojekte beschäftigen sich mit unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten wie Kommunikation in virtuellen Öffentlichkeiten, Lernen in der Interaktion mit smart things, webbasierte Erwerbsarbeit sowie Formen und Inhalte des Subjekts in Vergangenheit und Gegenwart. Gemeinsam sind den vier Forschungsteams ein interpretativ-verstehender Zugang zum Forschungsfeld und die Annahme eines aktiven Subjekts, das sich in Wechselbeziehung mit Medien konstituiert und immer wieder neu hervorbringt.

Veranstaltungshinweis:

"Networked Life": Eine Veranstaltung im Rahmen des FWF-Projekts "Subjektkonstruktionen und digitale Kultur": 19.11.2012 an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt - 18 Uhr Ausstellung von Herwig Turk, Vorstufengebäude; 19 Uhr Podiumsdiskussion, Stiftungssaal.

Ö1 Sendungshinweise:

matrix - computer & neue medien berichtet über die Veranstaltung am 19.1., 22:30 Uhr. Die Welt der Information, klassisch und im Web-2.0-Format - intensiv beleuchtet ein Ö1 Schwerpunkt von 16. bis 25. November 2012.

Weiterführende Links:

Quellen:

Schachtner, Christina/Nicole Duller (i. E.): Digitale Räume als neue Erlebnis- und Handlungsräume junger NetzakteurInnen
Schachtner, Christina (i. E.): Digital Media evoking, Interactive Games in Virtual Space, in: Subjectivity

Von Elisabeth Augustin, Nicole Duller und Christina Schachtner

Laut ARD/ZDF-Onlinestudie aus dem Jahr 2012 ist die Generation der 14- bis 19-Jährigen in Deutschland zu 100 Prozent online. Auch in Österreich nutzen nahezu alle Jugendlichen das Internet. Rund 99 Prozent der 16- bis 24-jährigen Österreicher und Österreicherinnen bewegen sich laut der jüngsten Erhebung der Statistik Austria.

Diese Tendenz konnte in der binational angelegten Studie "Subjektkonstruktionen und digitale Kultur" von den beteiligten deutschen und österreichischen Forscherinnen bestätigt und in ihren Konsequenzen für die Entwicklung der NetzakteurInnen erforscht werden.

Das Erkenntnisinteresse des Forschungsteams in Klagenfurt , das seinen Schwerpunkt in der digitalen Kommunikation hat, richtet sich auf die Frage, welche Kommunikationspraktiken Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Online-Netzwerken entwickeln und welche Selbstentwürfe sich darin zeigen. Wie kommunizieren die sogenannten "digital natives" in den grenzüberschreitenden digitalen Räumen? Wie erleben jugendliche NetzakteurInnen die Vielfalt an Ideen und Meinungen im Cyberspace und was bedeutet das für ihr Selbstverständnis?

Netzwerke in elf Ländern untersucht

Für die Durchführung der Studie wurden unterschiedliche methodische Werkzeuge kombiniert. Zunächst wurden deutsch- und englischsprachige und zum Teil international aktive Online-Netzwerke einer fokussierten Netzanalyse unterzogen. In die Untersuchung wurden Facebook, Taking it Global, Knuddels, Netlog, das SWR-Kindernetz und aus dem arabischen Kulturraum das Netzwerk Mideast Youth einbezogen.

Folgende Themen werden - so ergab eine Häufigkeitsauszählung - am häufigsten diskutiert: Beziehungen, Gender, Partizipation und Gestaltung, Politik und Werte. Die Netzanalysen wurden miteinander verglichen und anschließend wurden 33 Interviews mit NetzakteurInnen und BloggerInnen im Alter von neun bis 30 Jahren aus Deutschland, Österreich, Italien, Schweiz, Ukraine, Slowenien, Bahrain, Saudi Arabien, den Vereinigten Emiraten, dem Jemen und aus den USA geführt.

Zur Vertiefung und Kontrastierung wurde die Methode der Visualisierung genutzt; die InterviewpartnerInnen zeichneten Bilder, die eine Antwort geben auf Fragen wie "Wer bin ich online?" oder "Wie ist es für mich, zwischen verschiedenen Plattformen zu wechseln?".

Subjekt wird zum Formwandler

Virtuelle Räume, so zeigt die aktuelle Studie, sind Gemeinschaftsräume, Handlungs- und Verwandlungsräume sowie Experimentierräume zum Ausprobieren von Ich-Facetten und Kompetenzen. (Schachtner/Duller i.E., 121ff.) Was digitale Medien von anderen Medien wie beispielsweise Film und Fernsehen unterscheidet, ist ihre Interaktivität. Die virtuellen Räume werden nicht nur genutzt und besetzt, sie werden durch Kommunikation aktiv hervorgebracht.

Digitale Räume dienen Kindern und Jugendlichen als nicht einsehbare Orte, die sie zur Selbstwerdung brauchen. Solch unbeobachtete Spielräume fördern das eigenverantwortliche Experimentieren und Handeln. Das Subjekt wird online zum Formwandler: Es lebt und managt Vielfalt. Eine 19-jährige Netzakteurin gibt dies in Form eines gezeichneten Puzzles wieder (siehe unten) und kommentiert, dass sie auf unterschiedlichen Plattformen unterschiedliche Seiten von sich selbst zeigt, dennoch aber immer ein und dieselbe Person sei. Selbstdarstellung wird hier zwischen Selbstreflexion und Selbstinszenierung verhandelt.

Visualisierung von empfundenen verschiedenen Identitäten im Internet

Universität Klagenfurt

Der virtuelle Raum unterstützt die Autonomieversuche der Heranwachsenden, weil sie Anerkennung finden in der Online-Community. Diese fördert Individualität und befriedigt zugleich soziale Bedürfnisse. On- und Offline-Kontakte werden von den NetzakteurInnen nicht strikt voneinander getrennt; sie bestehen nebeneinander oder überlagern sich. Die jugendlichen NetzakteurInnen wollen weder das eine noch das andere missen.

Die Immaterialität virtueller Räume eröffnet Verwandlungs- und Experimentiermöglichkeiten. Verwandlung als erlebte Steigerung der Existenz kommt gerade Jugendlichen entgegen, die sich in einer Phase befinden, in der das Experimentieren mit Ideen, Verhaltensmodellen und Beziehungen als Chance erlebt wird, Optionen zu entdecken.

Im Folgenden skizzieren wir einige der Online-Praktiken von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wir im Rahmen der Untersuchung "Kommunikative Öffentlichkeiten im Cyberspace" ermittelt haben.

Grenzen managen - Grenzen überschreiten

Unsere InterviewpartnerInnen beziehen sich auf Grenzen in verschiedenster Weise. Vor allem thematisieren sie die Verflüssigung von Öffentlichkeit und Privatheit im virtuellen Raum. Praktiken der Differenzierung und Praktiken der Selektion konnten als häufige Online-Praktiken beobachtet werden. Grenzmanagement stützt sich auf rationale Kompetenzen wie Reflexions-, Differenzierungs-, Entscheidungs- und Sprachkompetenz.

Unsicherheit und die Angst vor nicht rückgängig zu machenden Handlungen, beispielsweise bei der Preisgabe privater Daten, zeigen sich ebenfalls. Praktiken der politischen Grenzüberschreitung ließen sich bei den befragten arabischen NetzakteurInnen feststellen. Mangelnde Rede- und Meinungsfreiheit und die Unterdrückung von Minderheiten zählen zu den am häufigsten zitierten Themen auf der arabischen Plattform Mideast Youth.Soziale Grenzüberschreitungen zeigen sich in Versuchen, benachteiligten Gruppen wie Frauen, Homosexuellen, Atheisten eine öffentliche Stimme zu geben. (Schachtner i.E.)

Auch auf territorialer Ebene kommt es zu Grenzüberschreitungen. Zentrales Motiv hierbei ist die Korrektur des Fremdblicks auf das eigene Land. Vielfalt und Unterschiedlichkeit sollen sichtbar gemacht werden, wie dieser 26jährige Netzakteur aus Saudi Arabien im Interview erklärte: "In my blog I’m talking to the world. I’m trying to allow people to look at things especially in Saudi Arabia and especially when they look back to Saudi Arabia through Mideast Youth or through my blog to see the social and intellectual fabric of what makes Saudi Arabia Saudi Arabia."

Das Risiko der Geschwindigkeit …

Interaktivität und Tempo/Aktualität werden von den NetzakteurInnen als innovative Chancen erlebt. Rasch aufeinander folgende Kommunikationsimpulse können aber auch zu Überforderung und Stress führen. Das Diktat zur aktiven Präsenz bindet gleichsam an die Online-Welt und ein Sich-Verlieren im virtuellen Netz kann die Folge sein.

Auch externe Faktoren spielen bei der intensiven Zuwendung zu digitalen Medien ein Rolle: Der Mangel an Möglichkeiten, eigene Vorstellungen im Alltag jenseits des Bildschirms zu verwirklichen, kann den virtuellen Raum als Fluchtpunkt befördern. Stehen verschiedene Anwendungsmöglichkeiten zeitgleich bereit, so animiert dies dazu, viele Angebote auf einmal zu nutzen.

… und die Chancen des Lernens

In sich überlagernden Kommunikationsräumen besteht die Gefahr, dass sich die Aufmerksamkeit verteilt, eine Tendenz zur Oberflächlichkeit kann daraus resultieren. Innerhalb der komplexen und disparaten Welt der digitalen Netzwerke sind moderne Subjekte gefordert, mit Pluralität umzugehen, Widersprüche auszuhalten und sich an unterschiedlichen Schauplätzen immer optimal zu präsentieren. Das kann nicht nur zu Überforderung und Erschöpfung führen, sondern auch als Bereicherung erlebt werden.

Der virtuelle Raum ist zu einem informellen Lernraum geworden, in dem Schlüsselkompetenzen für die Berufswelt erworben werden können. Sprach- und Schreibkompetenzen, Teamfähigkeit oder auch Gestaltungskompetenzen werden online spielerisch trainiert. Die Nutzung digitaler Medien beinhaltet sowohl Chancen wie auch Risiken. "Ein Netzwerk kann auffangen, aber man kann sich in ihm auch verfangen." (Schachtner/Duller i. E., 135)

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