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Ein Orang-Utan

Affen in der Midlife-Crisis

Auch Schimpansen und Orang-Utans leiden einer Studie zufolge an einer Existenzkrise in der Lebensmitte: Forscher vermuten, dass die Midlife-Crisis bereits vor Jahrmillionen entstanden ist. Der Grund ist unbekannt.

Verhalten 20.11.2012

Wie findet man heraus, ob ein Affe zufrieden ist oder nicht? Die direkte Befragung ist naturgemäß nicht möglich. Bei Zootieren gibt es allerdings eine indirekte Option: Man nehme Fragebögen aus der psychologischen Zufriedenheitsforschung, passe sie an die Bedürfnisse von Affen an und lege sie Pflegern und Wissenschaftlern vor, die täglich mit den betreffenden Tieren zu tun haben.

"Angenommen, Sie wären dieser Affe"

Die Studie

"Evidence for a midlife crisis in great apes consistent with the U-shape in human well-being", PNAS (doi: 10.1073/pnas.1212592109).

"Wie würden sie die Stimmung dieses Affen einschätzen? Wie erfolgreich ist dieses Tier bei der Verwirklichung seiner Ziele? Angenommen, Sie wären für eine Woche dieser Affe: Wie glücklich wären Sie?" Solche Fragen haben Forscher um Andrew Oswald von der University of Warwick nun den Vertrauten von 336 Schimpansen und 172 Orang-Utans gestellt - und ein erstaunliches Resultat erhalten.

Demnach weist die Glückskurve im Lebensverlauf der Menschenaffen eine U-Form auf. In Jugendjahren ist die Zufriedenheit hoch, im Alter ebenso. Nur in den mittleren Jahren sackt die Stimmungskurve ab. Eine Midlife-Crisis wie beim Menschen? Ja, sagt Oswald. Die Befunde sprächen dafür, dass die Krise in der Lebensmitte bereits bei den Vorfahren von Orang-Utan, Schimpanse und Mensch entstanden sei.

Psychologische Studien an Menschen zeigen jedenfalls ähnliche Resultate. Das Selbstmordrisiko und der Konsum von Antidepressiva sind in der Lebensmitte am höchsten. Und existenzielle Krisen zwischen 30 und 50 Jahren treten offenbar relativ unabhängig vom Wohlstand und sozialen Hintergrund auf - bei beiden Geschlechtern.

Die bisherigen Erklärungsversuche waren vielfältig: Manche Forscher meinen, die U-Form der Glückskurve habe etwas mit unerfüllbaren Wünschen und Lebenszielen zu tun. Viele Menschen würden sie im mittleren Alter noch schmerzhaft vermissen, im Alter indes würden sie sie nach und nach aufgegeben. Und die Psyche somit von einer Last befreien. Eine andere Theorie macht finanzielle Belastungen und das Nachlassen derselben in späteren Jahren für den Verlauf der Kurve verantwortlich. Und schließlich könnte auch die Lebenserfahrung eine Rolle spielen: Die Gelassenheit des Alters wäre demnach die Ursache für den Aufwärtstrend im Herbst des Lebens.

Neue Erklärung gesucht

Das müsse alles nicht falsch sein, sagt Oswald. Aber eine hinreichende Erklärung sei es nicht: "Sind Hypotheken und Scheidungen für die Midlife-Crisis verantwortlich oder vielleicht die Mobiltelefone und der andere Krimskrams des Lebens? Affen haben das alles nicht - aber ein ausgeprägtes Tief in der Lebensmitte haben sie dennoch."

Über die evolutionären Ursachen können die Forscher allerdings nichts sagen. Falls das Tief in der Lebensmitte einen überlebensdienlichen Sinn hat, ist dieser jedenfalls noch gut im Stammbaum verborgen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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