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Holzdruck aus der renaissance: De Rijke Man (Der reiche Mann) von Cornelis Anthonisz (1541)

Was die Kunst über Käfer weiß

Kunstgeschichte trifft Naturgeschichte: Ein US-Biologe hat einen ungewöhnlichen Zugang zu alten Bildern und Büchern entwickelt. Er betrachtet Kunstwerke als Archive der Insektenforschung.

Evolution 21.11.2012

Wenn Blair Hedges von Berufs wegen in alten Büchern blättert, dann betrachtet er vor allem jene Stellen, die sonst niemanden interessieren. Er sucht in Illustrationen nach Druckfehlern. Mit gutem Grund: Vom 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert war der Holzdruck die Standardmethode, um Bücher mit Bildern zu versehen. Buchsbäume, Birne und Apfel waren in dieser Zeit die bevorzugten Materialquellen wegen ihres feinporigen und ebenmäßigen Holzes.

Aus Kostengründen wurden die Druckstöcke in späteren Auflagen wiederverwendet. Und so kam es nicht selten vor, dass Holzkäfer ihre Larven darin verbargen, die sich nach Abschluss ihrer Entwicklung wieder einen Gang ins Freie bahnten. In den Drucken machte sich das freilich bemerkbar. Wo das Insekt das Holz verließ, war fortan ein weißer Fleck zu sehen.

Renaissance-Holzdruck

Rijksmuseum, Amsterdam

Ausschnitt aus Cornelis Anthonisz' "Der reiche Mann" (1541).

Das sogenannte Wurmloch ist natürlich genau genommen ein Käferloch - für Hedges jedenfalls ist es eine "fossile Spur", ein Datum der Insektengeschichte. "Ich sammle Renaissance-Kunst und bin auch sehr an Kunstgeschichte interessiert", sagt Hedges im Gespräch mit science.ORF.at. "Als ich erkannte, dass nicht alle Löcher gleich aussehen, begann mich die Sache auch aus biologischer Sicht zu interessieren."

Rasante Ausbreitung zweier Arten

Die Studie

"Wormholes record species history in space and time", Biology Letters (21.11.2012; doi: 10.1098/rsbl.2012.0926).

Hedges hat nun mehr als 3.000 Löcher in historischen Abbildungen aus den Jahren 1462 bis 1899 analysiert. Wie er in den "Biology Letters" der Royal Society schreibt, stammen sie von zwei Holzkäferarten: vom Gewöhnlichen Nagekäfer (Anobium punctatum), im englischen "Common Furniture Beetle" genannt - sowie von seinem Verwandten, dem "Mediterranean Furniture Beetle" (Oligomerus ptilinoides). Beide sind heute in ganz Europa verbreitet. Doch das war offenbar nicht immer so.

Hedges hat aufgrund von Auflagedatum und Herstellungsort der Bücher die historische Verteilung der Insekten rekonstruiert und ein ganz anderes Muster gefunden: Der Gewöhnliche Nagekäfer kam bis 1900 in Großbritannien, Skandinavien, Nordfrankreich, Deutschland und Teilen Österreichs vor. Die andere Art in der Region südlich davon.

Grafiken

S. Blair Hedges, Penn State University

Lebensstadien des Holzkäfers (links) und die historische Verbreitung der untersuchten Arten.

"Das ist überraschend", sagt Hedges. "Die beiden Arten waren zwar in engem Kontakt, aber ihre Verbreitungsgebiete wiesen keine Überlappungen auf. Sie waren durch eine präzise Linie voneinander getrennt. In den letzten 100 Jahren haben sich die Insekten durch Möbeltransporte, Tourismus und Schiffsverkehr weit verbreitet. Wir finden sie nun im Norden, im Süden und auch auf anderen Kontinenten."

Konkurrenz außer Kraft

Dass die Frontlinie der beiden Verbreitungsgebiete so lange aufrecht blieb, hat wohl mit dem ökologischen Konkurrenzprinzip zu tun. Nachdem beide Arten die gleiche Nahrungsquelle nutzen, machte die Anpassung an die klimatischen Verhältnisse den entscheidenden Unterschied. Erst der moderne Verkehr setzte die Regeln der Ökologie außer Kraft.

Für die Evolutionsbiologie erschließt die Methode eine neue Quelle. Fossile Spuren im Holz hätten gegenüber steinernen Fossilien den Vorteil, dass mit ihnen Feindatierungen möglich seien, schreibt der Biologe von der Pennsylvania State University. Nicht zuletzt könnte auch die Kunstgeschichte von dem Ansatz profitieren.

"Nachdem wir nun wissen, dass in verschiedenen Regionen Europas verschiedene Arten existierten, können wir nun auch sagen, wo Bücher hergestellt wurden." Bilder als historischer Spiegel der Fauna - fast könnte man einen alten Satz Senecas neu lesen: "Alle Kunst ist Nachahmung der Natur."

Robert Czepel, science.ORF.at

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