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Happisburgh Faustkeil, zwischen 600.000 und 800.000 Jahre alt

Warum sind Faustkeile so schön?

Manche Faustkeile sind schöner, als sie es für ihre praktische Anwendung sein müssten. Was hinter der symmetrischen und detaillierten Ausarbeitung steckt, ist unklar - handelt es sich um frühe Kunstwerke, dienten sie der Brautwerbung oder waren sie ein Zeichen für Vertrauenswürdigkeit, wie eine Forscherin nun vermutet?

Frühgeschichte 26.11.2012

Geschmackvolles Werkzeug

Faustkeile gelten als das "Schweizer Messer" der Steinzeit. Man konnte mit ihnen hacken, schaben, schneiden und vermutlich noch vieles mehr. Die ersten Funde stammen aus dem Altpaläolithikum. Bis ins Mittelpaläolithikum - also über einen Zeitraum von über einer Million Jahren - behielten sie im Großen und Ganzen ihre Form: oval- bis tropfenförmigen Steingeräte, die von beiden Seiten bearbeitet wurden. Erst vergangenes Jahr wurde vom Fund der bisher ältesten Exemplare im Turkana-Becken von Kenia berichtet, sie sind etwa 1,76 Millionen Jahre alt. In Europa tauchten die Artefakte erst deutlich später auf, die ältesten wurden auf ungefähr 900.000 Jahre datiert.

Ein Teil der steinzeitlichen Werkzeuge weist neben der offensichtlichen Multifunktionalität aber noch eine andere Besonderheit auf: Sie sind höchst symmetrisch, unglaublich detailliert ausgearbeitet und poliert. Erst vor wenigen Jahren haben britische Forscher experimentell untersucht, ob diese Symmetrie vielleicht den Wirkungsgrad der Faustkeile steigert. Gemeinsam mit einem Metzger versuchten sie Vorteile beim Zerlegen von Tieren zu finden, eine deutliche Effizienzsteigerung ließ sich nicht nachweisen.

Frühe Kunstwerke?

Die Symmetrie muss also andere als praktische Gründe haben. Viele der kunstvollen Artefakte zeigen zudem kaum Spuren von Gebrauch - ein weiteres Indiz dafür, dass es nicht um die Funktion, sondern um die Optik gegangen sein muss. Handelt es sich gar um die ersten menschlichen Kunstwerke?

Zumindest liegt die Vermutung nahe, dass unsere Vorfahren schon damals ein gewisses ästhetisches Empfinden besaßen. Dafür spricht auch, dass selbst die nicht so aufwendig gearbeiteten Exemplare künstlerische Kriterien erfüllen. Das Verhältnis von Breite und Länge der allermeisten Faustkeile entspricht dem goldenen Schnitt, wie eine Studie im vergangenen Jahr festgestellt hat.

Faustkeil als Statussymbol

Die schöne Form könnte aber auch einen bestimmten Zweck erfüllt haben, beispielsweise als Hilfsmittel bei der Brautschau. In Ermangelung eines Porsches oder anderer Statussymbole könnte der Steinzeitmann seine Attraktivität mit Hilfe von ausgesuchten Faustkeilen gesteigert haben. Das besagt zumindest die "Sexy hand axe theory", die Marek Kohn & Steven Mithen 1999 formuliert haben.

Demnach sind die schönen Faustkeile ein Nebenprodukt der sexuellen Selektion. Sie seien ein Teil der Brautwerbung gewesen. Auch Tiere verwenden dafür Hilfsmittel, bekannt sind z.B. Laubenvögel, die mit ihren Laubengängen ziemlich viel Aufwand treiben, um die Weibchen zu beeindrucken.

Symbole für Vertrauen

Studie in "World Archaeology":

"Goodwill hunting? Debates over the ‘meaning’ of Lower Palaeolithic handaxe form revisited" von Penny Spikins, erschienen 15. November 2012.

Vor wenigen Tagen hat die US-amerikanische Archäologin Penny Spikins von der University of York nun eine neue Faustkeil-These vorgestellt. Sie meint, die frühen Menschen hätten aus einem ganz anderem Grund so viel Wert auf die Form der Faustkeile gelegt: Damit zeigten sie anderen, dass sie vertrauenswürdig sind. Quasi eine steinerne Geste des guten Willens, die für Zusammenhalt sorgen sollte. Ähnliche Verhaltensweisen kann man laut Spikins auch bei Schimpansen oder bei einfachen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften beobachten.

Ihr zufolge signalisierten die Menschen mit den kunstvoll bearbeiteten Steinen, dass sie sich um die endgültige Form kümmern - folglich auch um ihre Mitmenschen. Zusätzlich gebe man den anderen damit zu verstehen, dass man über sehr viel Ausdauer, Geduld und Selbstkontrolle verfügt - alles Eigenschaften, die man für stabile Beziehungen braucht. Und auf diese war man damals angewiesen. Gemeinsam schützten sich unsere Vorfahren vor Feinden und bei der Jagd war man ebenfalls aufeinander angewiesen. Dafür brauchte man verlässliche und ausdauernde Partner. Vertrauenswürdig und geachtet zu sein, konnte in diesen Gemeinschaften unter Umständen entscheidend für das eigene Überleben sein. Um diese Mitglieder kümmerte man sich selbst dann noch, wenn sie alt und krank waren.

Wozu die formschönen Werkzeuge letztlich wirklich gut waren, wird wohl noch länger diskutiert werden. Die Faustkeile bleiben aber in jedem Fall ein Indiz dafür, dass unser Sinn für das Schöne weit in die Vergangenheit reicht.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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