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Feindesfeinde sind Freunde

Dass die Ökologie eine Wissenschaft der Verwicklungen ist, verdeutlicht eine aktuelle Studie: Werden Pflanzen von Raupen befallen, locken sie Parasiten der Raupen an. Das registrieren allerdings auch die Parasiten der Parasiten.

Ökologie 28.11.2012

Mit Peter Greenaway müsste die Studie eigentlich "Der Kohl, die Raupe, die Wespe und ihr Parasit" heißen. Nur haben wir es hier mit dem Fachblatt "PLoS Biology" zu tun. Und so lautet der Titel eben "Hyperparasitoids Use Herbivore-Induced Plant Volatiles to Locate Their Parasitoid Host". Alles klar? Falls nicht, alles der Reihe nach.

Der Gemüsekohl, Brassica oleracea, hat wie jede Pflanze Interesse daran, nicht gefressen zu werden. Das bringt ihn in Konflikt mit dem Kleinen Kohlweißling, Pieris rapae, der den Kohl sehr wohl fressen will. Da sich der Schmetterling nicht ohne weiteres davon nicht abbringen lässt (siehe Name), hat der Kohl ein gefinkeltes Manöver entwickelt. Er produziert Duftstoffe, die die Schlupfwespe Cotesia glomerata anlocken. Letztere sticht kleine Löcher in den Körper der Schmetterlingsraupen und legt darin ihre Larven ab.

Notsignal recycelt

Die Studie

"Hyperparasitoids Use Herbivore-Induced Plant Volatiles to Locate Their Parasitoid Host",
PLoS Biology (27.11.2012; doi: 10.1371/journal.pbio.1001435).

Wenn sich also der Kohlweißling am Kohl gütlich tut, dann rächt sich der Kohl durch die Wespe, die sich ihrerseits am Kohlweißling gütlich tut. Nur lockt der Duftstoff nicht nur Schlupfwespen an, wie Erik Poelman von der Universität Wageningen herausgefunden hat. Das Notsignal des Kohls nimmt nämlich auch eine andere Wespenart namens Lysibia nana wahr.

Sie ist der Parasit des Parasiten, ein Schmarotzer zweiter Ordnung, wenn man so will. Poelman zufolge kann Lysibia sogar aufgrund des Kohlgeruchs erkennen, ob Schmetterlingsraupen bereits von Wespen befallen wurden oder nicht. Offenbar verändert der Speichel der Raupe die Zusammensetzung der vom Kohl ausgesendeten Duftstoffe, wie Poelman schreibt.

Womit die Sachlage vollends unübersichtlich wird: Wenn die Wespe die Raupe befällt, rächt sich die Raupe durch eine zweite Wespe, die nun die erste Wespe befällt. Und zwar mit Hilfe einer Botschaft in der Botschaft - ein chemisches Notsignal, das an Wespe Nummer eins gerichtet war, nun aber für Wespe Nummer zwei umgeschrieben wurde. In Summe: Der Kohl kann tun was er will, der Kohlweißling hat schon wieder das letzte Wort.

Robert Czepel, science.ORF.at

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