Standort: science.ORF.at / Meldung: "Polkappen schmelzen immer schneller"

Mitternachtssonne auf einem Eisberg in der Disko Bay, Grönland

Polkappen schmelzen immer schneller

Im Inlandeis Grönlands und der Antarktis sind enorme Mengen an Wasser gebunden, doch im Zuge der fortschreitenden globalen Erwärmung nehmen diese Eisschilde immer mehr ab. Das tatsächliche Ausmaß des Abschmelzens wurde nun im Zuge einer groß angelegten Studie mit der bisher höchsten Genauigkeit analysiert.

Polareis 30.11.2012

Seit 1992 gingen demnach 4.000 Mrd. Tonnen an Eis verloren, was den Meeresspiegel um 1,1 Zentimeter steigen ließ. Vor allem die Beschleunigung des Prozesses macht den Wissenschaftlern Sorgen: In Grönland schmilzt jährlich etwa fünfmal so viel Eis ab, wie in den 1990er-Jahren, ein "Alarmsignal", wie der an der Studie beteiligte Innsbrucker Forscher Helmut Rott gegenüber der APA betonte.

Mit den Ergebnissen habe man die Genauigkeit gegenüber den Daten im vor fünf Jahren erschienen Bericht des Weltklimarates (IPCC) "mehr als verdoppelt", so der Klimaforscher vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck. 2007 hatten die einzelnen Methoden noch sehr unterschiedliche Ergebnisse geliefert. Es sei etwa nicht ganz klar gewesen, ob die Antarktis tatsächlich Eismasse verliere.

Sorgenkind Grönland

Die Studie in "Science":

"A Reconciled Estimate of Ice-Sheet Mass Balance" von A. Shepherd et al.

Ö1 Sendungshinweis:

Über das Thema berichteten auch die Ö1 Journale, 29.11.

Wasser eines Schmezwassersees grub in einigen der Jahre diesen Graben

Ian Joughin

Wasser aus einem Schmelzwassersee grub in einigen Jahren diesen tiefen Graben.

Für die Analyse haben 47 Wissenschaftler aus 26 Forschungseinrichtungen auf Initiative der NASA und der ESA Daten über Veränderungen in der Höhe und Dichte des Eises und der Erdkruste aus zehn Satellitenmissionen, sowie Radardaten der Eisbewegungen einfließen lassen. Die Daten zeigten nun, dass Grönland und die Antarktis zusammen alljährlich drei Mal so viel Eis verlieren wie noch vor etwa 15 Jahren.

Als großes Problemkind entpuppte sich einmal mehr Grönland, mit einem Verlust von etwa 51 Gigatonnen pro Jahr im Zeitraum zwischen 1992 und 2000 und jährlich 263 Gigatonnen zwischen 2005 und 2010. Jetzt schmilzt also alljährlich etwa fünf Mal so viel Eis, wie in den 1990er-Jahren. Etwa die Hälfte des Verlustes komme dort durch Abschmelzen an der Oberfläche zustande.

Das Schmelzwasser und der erhöhte Wasserdruck im Gletscher führen zu einem "Gleiteffekt", der die Gletscher schneller wandern lässt und damit auch den Eisausstoß durch Kalben von Eisbergen erhöht. Ein weiterer wichtiger Faktor sei, dass durch das wärmere Meerwasser der Frontbereich des vermeintlich ewigen Eises instabil wird, was das Nachrücken des grönländischen Inlandeises zusätzlich beschleunige.

In der Antarktis ist es vor allem die Westantarktis, die den Wissenschaftlern Sorge bereitet. Hier beträgt der durchschnittliche Verlust zwischen 2005 und 2010 etwa 102 Gigatonnen pro Jahr. Das sehr hoch gelegene Plateau der Ostantarktis habe dagegen aufgrund steigender Schneefälle etwas zugelegt. "In der Antarktis liegt der Masseverlust klar unter dem von Grönland", sagte der Wissenschaftler.

Langfristig dramatisch

Sommerwolken über den Bergen der Antarktis

Hamish Pritchard, British Antarctic Survey

Sommerwolken über den Staccato Peaks auf der antarktischen Alexanderinsel. Schneefall und ungünstige Wetterverhältnisse machen die Eismessungen hier besonders schwierig.

Rott: "Das ist eine Entwicklung, die langfristig kritisch ist." Schmelzen etwa alle Gebirgsgletscher ab, würde der Meeresspiegel um etwa einen halben Meter steigen. "Bei Grönland sind es aber siebeneinhalb Meter und in der Antarktis 58 Meter." Die nun beobachtete starke Beschleunigung sei "sehr bedenklich, denn vor zehn, fünfzehn Jahren war der Beitrag der Eisschilde noch deutlich unter dem Beitrag der Gletscher, jetzt ist er gleich und wenn die Erwärmung so weiter geht , wird er in 20, 30 Jahren deutlich darüber sein".

"Für mich ist das schon ein Alarmsignal und eigentlich sollte die Politik da reagieren. Es wird in unserer Generation noch nicht so kritisch werden, aber mittel- und langfristig wird das wirklich dramatisch sein", warnt der Klimaforscher.

Die Studie habe auch gezeigt, in welchen Regionen es noch an Informationen mangle und wo man noch mehr über die zugrunde liegenden Mechanismen, wie etwa den Einfluss der Ozeane und des Schelfeises auf das große Schmelzen, herausfinden müsse. Zusammen mit dem Erstautor und Studienleiter Andrew Shepherd von der Universität Leeds startet Rott nun ein Projekt, in dem die Situation an der antarktischen Halbinsel genauer analysiert werden soll. Auch in Grönland gebe es noch offene Fragen und der Zuwachs in der Ostantarktis sei ebenfalls ein wichtiges Forschungsthema.

science.ORF.at/APA

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