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Eine Zürcher Amtsvormundin

Zwischen Unterstützung und Erziehung

Das Verhältnis zwischen Fürsorgeeinrichtungen und den Menschen, die sie in Anspruch nehmen, ist ambivalent. Einerseits sollen sie unterstützt werden, andererseits will man sie zu einem bestimmten Verhalten erziehen. Dieses Verhältnis gibt es seit Beginn der sozialen Wohlfahrt, wie ein Beispiel aus Zürich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt.

Sozialpädagogik 07.12.2012

Nicht die wirtschaftlichen Ursachen der Armut, sondern das moralisch gedeutete Verhalten der Adressaten versuchte man mit staatlichen Sozialtechniken zu bearbeiten, schreibt der Erziehungswissenschaftler Urs Hardegger in einem science.ORF.at-Gastbeitrag. Die Lebenssituation der Unterschicht wurde dabei in erster Linie als Abweichung vom "Normalen" wahrgenommen.

Über den Autor:

Porträtfoto des Erziehungswissenschaftlers Urs Hardegger

Urs Hardegger

Urs Hardegger war bis 2011 wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent im Bereich Bildung und Erziehung an der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich und ist seit 2008 Schulleiter an einer privaten Tagesschule in Zürich Oerlikon.

Das Buch:

Urs Hardegger: Die Akte der Luisa De Agostini. 2012, 336 Seiten, NZZ Libro, Zürich

Transformationsprozesse und menschliche Kosten

Von Urs Hardegger

Ausgangspunkt der Untersuchung bilden die Vormundschaftsakten, die im Zeitraum von 1913 bis 1935 über eine Familie aus der Unterschicht gesammelt und angefertigt wurden. Über tausend Aktenstücke dokumentieren die Tätigkeit der Fürsorge- und Vormundschaftsbehörden und das Bemühen der staatlichen Behörden in scheinbar verwahrlosende Verhältnisse belehrend, unterstützend und disziplinierend einzugreifen.

Diese chronologische Rekonstruktion führt nicht nur die missliche Situation der Familie rund um Luisa de Agostini vor Augen, sie geben auch unzählige Hinweise zu den Lebens- und Wohnbedingungen der Unterschicht in der Stadt Zürich. Solch prekäre Familienverhältnisse stellen zur damaligen Zeit keinesfalls eine Ausnahmeerscheinung dar, sondern sind vielmehr Teil eines neuen Phänomens, welches Ende des 19. Jahrhunderts in vielen europäischen Städten auftritt: die Massenarmut.

Systematische Antworten auf die soziale Frage

Wie andere Städte ist Zürich mit einer enormen Zuwanderung konfrontiert, welche die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung radikal verändert haben. Die Angst vor dem Erstarken der Gewerkschaften und Sozialisten und der Furcht dass die Armutsfolgen Bettelei, Kriminalität und Verwahrlosung den gesellschaftlichen Zusammenhang gefährden, zwingen auch bürgerlich-konservative Kreise, sich mit der Armutsproblematik auseinanderzusetzen.

Allmählich wächst die Einsicht, dass mit den Praktiken christlicher Nächstenliebe und Wohltätigkeit die "Soziale Frage" weder gemildert noch gelöst werden kann. Nur einer systematischen staatlichen Bearbeitung wird eine angemessene Lösung zugetraut. Aus dieser Konstellation heraus finden sich Mehrheiten, die eine staatliche Wohlfahrtspolitik befürworten und erlauben, dass sich in Zürich ein professionelles Fürsorge-und Vormundschaftswesen etabliert, eines mit dem Zürich zur damaligen Zeit auch international eine Pionierstellung einnimmt.

Amtsvormundin in Zürich

Urs Hardegger

Eine Zürcher Amtsvormundin

"Grässliche Szenen"

In diesem Kontext gerät im Jahre 1913 die italienisch-schweizerische Familie De Agostini in den Blick der Zürcher Sozialbehörden. Das Verhalten der oft alkoholisierten Mutter der Familie empfindet ihre Umgebung so unerträglich, dass diese die Polizei und Vormundschaftsbehörden zu Hilfe rufen. Minutiös schildern die Nachbarn, mit welchen Schimpftiraden sie von der oft betrunkenen Mutter beschimpft werden und wie die vier minderjährigen Kinder, die diese "grässlichen Szenen" mitansehen müssen, auch bereits "verroht" und "verdorben" seien.

Der Versuch, der Familie die Kinder wegzunehmen, scheitert zwar, aber die Amtsvormundschaft unterzieht die Familie einer strengen Kontrolle, um die Kinder vor den Gefahren der Verwahrlosung zu schützen.

"Moralische Fehltritte"

Diese Misere des Aufwachsens unter schwierigen Verhältnissen stellt den Prolog zu einer weiteren Problematik dar. Luisa, die Zweitjüngste, wächst gut beobachtet von Lehrpersonen, Hortnern, Vormündern, Inspektionsgehilfinnen und Nachbarn in dieser Familie auf. Sie bringt mit 20 und 23 Jahren zwei uneheliche Kinder zur Welt.

Diese "moralischen Fehltritte" der jungen Frau unterlaufen die zu Beginn recht erfolgreichen Integrationsbemühungen, im Gegenteil verstärken sie deren Marginalisierung. Hilflos ist Luisa zahlungsunwilligen Vätern, gesellschaftlicher Ächtung und staatlicher Disziplinierung ausgesetzt.

Ambivalenz: Zwischen Hilfe …

An diesem Beispiel lässt sich die Ambivalenz staatlicher Hilfe prototypisch darlegen: Die junge Mutter und ihre beiden Kinder kommen in den Genuss behördlicher Unterstützungsmaßnahmen: Der juristisch geschulte Amtsvormund hilft bei der Vaterschaftsfeststellung, vermittelt fachgerechte Unterstützung, steht bei der Eintreibung von Alimenten bei. Die weiblichen Fürsorgerinnen helfen bei der Kleinkindererziehung und bei der Fremdplatzierung der Kinder.

Auf der andern Seite verbinden sich damit staatliche Anpassungsprozesse und es werden moralische Vorstellungen transportiert. Wenn die Fürsorgerinnen die armseligen, stickigen Wohnungen betreten, prallen unterschiedliche Wertmaßstäbe aufeinander. Frauen, deren Familienideale aus der Mittel- und Oberschicht stammen, treffen auf "unsolide, arbeitsscheue, zur Lotterwirtschaft neigende Ehemänner" und Ehefrauen, die scheinbar "von der primitivsten Haushaltsführung keinen Begriff haben" sollen.

… und Misstrauen

Mit dieser Betrachtungsweise steht der Zürcher Fall emblematisch für die Geschichte der Sozialpädagogik. Das gesamte Fürsorgesystem war zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark von einem Misstrauen den Bedürftigen gegenüber geprägt: Befragungen der Nachbarschaft, unangekündigte Hausbesuche, ausgesprochene Drohungen. Die Unterschichtsverhältnisse werden als Abweichung vom Normalen betrachtet, die mit Hilfe von Sozialtechniken und -methoden dem "Normalen" angepasst werden sollen.

Die Untersuchung lebt von der teilweise sehr berührenden Korrespondenz zwischen der Mutter und der Amtsvormundschaft und den vielen authentischen Berichten. In über 80 handgeschriebenen Briefen drückt Luisa De Agostini ihre Nöte und Sehnsüchte aus. Diese ergreifenden Schilderungen bilden die Grundlage einer Alltags- und Mentalitätsgeschichte der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, in der die "menschlichen Kosten" gesellschaftlicher Verhältnisse und Transformationsprozesse thematisiert werden.

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