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Der US-amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Walter Kohn erhielt am Dienstag, 04. Dezember 2012, das Ehrendoktorat der Universität Wien.

"Antisemitismus ist ein furchtbares Gift"

Als Jugendlicher musste Walter Kohn vor den Nazis aus Wien flüchten, 1998 wurde er mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Der Physiker erhielt am Dienstag das Ehrendoktorat der Universität Wien - Anlass für ein Interview über seine Beziehung zu Österreich, sein politisches Engagement und das "Gift des Antisemitismus".

Ehrendoktorat 04.12.2012

1996 haben Sie das Ehrendoktorat der Technischen Universität Wien erhalten, einer Universität, mit der sie auch eine lange Forschungszusammenarbeit verbindet. Gab es auch Verbindungen mit der Universität Wien, die Sie heute geehrt hat?

Zur Person:

Walter Kohn wurde 1923 in Wien geboren, im August 1939 konnte er - als Jude von den Nazis verfolgt - mit einem Kindertransport zusammen mit seiner Schwester nach England flüchten. Von dort wurde er als "Enemy Alien" nach Kanada gebracht. Zwei Jahre später kämpfte er für Kanada mit den Alliierten. Er studierte Mathematik und Physik, 1948 wurde er in Harvard promoviert. 1959 veröffentlichte er seine Entdeckung zur Kohn-Anomalie. 1979 wurde er Professor an der University of California, Santa Barbara, wo er auch emeritierte. Gemeinsam mit John A. Pople erhielt er 1998 für die Entwicklung der Dichtefunktionaltheorie den Chemie-Nobelpreis. 2011 wurde Kohn Ehrenmitglied der ÖAW.

Weitere Ehrungen der Uni Wien:

Das Schicksal der Vertreibung teilt Kohn mit dem Chemiker Alfred Bader und dem Historiker Peter Pulzer, die heute ebenfalls zu Ehrendoktoren der Universität Wien ernannt wurden. Die Uni Wien zählt Bader, Kohn und Pulzer gemeinsam mit dem Chemiker und Entwickler der Antibaby-Pille, Carl Djerassi, in Anlehnung an einen im Vorjahr erschienenen Dokumentarfilm gleichen Titels zu den "Vier Weltstars der Wissenschaft", die ihre Wurzeln in Wien haben und aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1938/39 von dort vertrieben wurden. Djerassi wurde bereits vergangenen Juni zum Ehrendoktor der Universität Wien ernannt.

Links:

Walter Kohn: Ich bin allgemein ein Universitätler, ich habe mein professionelles Leben im Rahmen von mehreren Universitäten verbracht. Ich glaube aber, dass es heute das erste Mal ist, dass ich in diesem Gebäude bin. Ich habe jedenfalls keine spezifische Verbindung mit der Universität Wien.

Carl Djerassi hat in einem APA-Interview kürzlich all die Auszeichnungen aus Österreich als eine Art "Reparation", also Wiedergutmachung, bezeichnet. Sehen Sie das vor dem Hintergrund ihrer Auszeichnungen, auch vom offiziellen Österreich, ähnlich?

Reparation ist unmöglich. Ich spreche nicht von Reparation für mich, ich schulde Österreich etwas. Ich habe etwa im Akademischen Gymnasium eine ausgezeichnete Erziehung gehabt. Aber meine Eltern wurden von hier verschleppt und in Auschwitz ermordet - das kann und soll man nicht reparieren.

Sie haben sich ja etwa in der Ära Waldheim ganz klar verwehrt, nach Österreich zu kommen, waren in den letzten Jahren aber wieder öfters in Wien. Die Universität Wien liegt jetzt beispielsweise am "Universitätsring" und nicht mehr am "Lueger-Ring". Wie ist es aus ihrer Sicht um die Aufarbeitung von Wiens antisemitischem Erbe bestellt?

Ja, das ist auch ein Wort, mit dem ich ein Problem habe - Aufarbeitung. Ich habe das von der Umbenennung erst vor zwei, drei Tagen gehört und habe da verschiedene Gedanken darüber. Lueger war ein Antisemit. Ein Ausspruch von ihm, der mich amüsiert hat, war: "Wer Jude ist, bestimme ich". Nun, als Bürgermeister hat er viel für die Stadt gemacht, das ist positiv, aber er war ein Antisemit und hat sich nicht gescheut, das so ordinär auszudrücken. Der Antisemitismus ist meiner Ansicht nach ein furchtbares Gift und einem Gift gegenüber muss man eine Wehrstellung einnehmen.

Eine Abwehrhaltung, die Österreich nicht eingenommen hat.

Man musste sich gegen Österreich wehren. Meine Mutter war allein zuhause, als SA-Burschen die Wohnung zertrümmert haben. Das waren Österreicher, das waren SA-Österreicher.

Sie teilen ja das Schicksal der Vertreibung mit vielen bekannten Wissenschaftern, die in Wien geboren wurden. Hatten dieser Bruch in ihrem Leben und die traumatischen Erlebnisse auch Einfluss auf Ihre wissenschaftliche Arbeit?

Ich würde sagen, es hatte keinen großen Einfluss. Wissen Sie, ich hatte da zwei wirklich geniale Gymnasiallehrer am Jüdischen Gymnasium, also nachdem ich aus dem Akademischen Gymnasium hinausgeworfen wurde. Der Direktor dort war Physiker und so gut, dass Einstein ihn als Lehr-Assistent angestellt hat. Er hat einen unglaublichen Einfluss auf mich gehabt, und ohne ihn wäre ich nicht Wissenschafter geworden. Seit diesem Lehrer war klar, dass ich mich mit Physik auseinandersetzen möchte. Dann gab es dort noch einen zweiten Lehrer, der Mathematik unterrichtet hat. Den beiden bin ich wirklich dankbar.

Politikwissenschaftler Peter Pulzer , Nobelpreisträger Walter Kohn und Heinz Engl, Rektor der Universität Wien

APA - Georg Hochmuth

Politikwissenschaftler Peter Pulzer, Nobelpreisträger Walter Kohn und Heinz Engl, Rektor der Universität Wien bei der Verleihung der Ehrendoktorate.

Sie waren auch immer politisch engagiert und immer sehr kritisch gegenüber militärischer Forschung. In Santa Barbara, wo Sie ab 1979 Direktor des renommierten Institute of Theoretical Physics der University of California waren, haben Sie sich ja auch dafür engagiert, Forschungsinstitute abzugeben, die sich mit Kernwaffenentwicklung auseinandersetzen. Ist es Ihrer Meinung nach eine Aufgabe der Wissenschaft, dagegen zu opponieren?

Kohn: Das ist eine Aufgabe der Zukunft. Meine Entscheidung für Obama im Präsidentschaftswahlkampf (im ersten Wahlkampf ab 2008, Anm.) war klar, aber dann war ich sofort sehr enttäuscht. Es war eine typische politische Lage, denn in den Staaten ist die Bevölkerung sehr gegen Muslime eingestellt. Obama selbst hat darunter gelitten, denn sein Vater war ja Moslem. Direkt nach der Wahl hätte er sich meiner Meinung nach Zeit nehmen sollen, um möglicherweise die Einstellung zum Krieg im allgemeinem und zum Krieg im Nahen Osten sorgfältig zu überprüfen, anstatt sofort zu sagen: "Der Krieg in Afghanistan geht weiter, bis wir dort fertig sind". An Atomwaffen wird noch immer geforscht, und es wäre sehr unpopulär für ihn, das langsam abzustellen. Er hat es jedenfalls nicht gemacht - hätte ich es in seiner Situation gemacht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls, den Entschluss, das weiterzuführen, innerhalb von ein oder zwei Wochen zu treffen, ist auch ein schlechtes Beispiel, das man gibt. Nämlich etwas so Wichtiges dann so ganz schnell zu entscheiden.

Sie erhielten nun vor mittlerweile 14 Jahren den Nobelpreis. Wie geht es ihnen als Physiker mit dem Chemie-Nobelpreis?

Also, das war nie ein Problem (lacht).

Interview: Nikolaus Täuber/APA

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