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Ein Mann steht hinter Gittern, man sieht nur seine Füße

Jeder Gesellschaft ihre Gefängnisse

Die Art, wie eine Gesellschaft mit ihren Verbrechern umgeht, sagt viel über ihren allgemeinen Zustand aus. Das war schon immer so. Als sich Italien etwa im 19. Jahrhundert vereinigte, mussten die alten Gefängnisse der Monarchien neuen, moderneren weichen. Der "frische Wind" der Justiz betraf anfangs allerdings nur die Männer.

Geschichte 10.12.2012

Frauen kamen schon früher in den "Genuss" der modernen Sozialpädagogik, wonach Verbrecher nicht nur zu bestrafen, sondern auch zu verändern sind. Dann wurden sie aber lange Zeit vergessen, erzählt die Historikerin Mary Gibson in einem Interview.

science.ORF.at: Welche Bedeutung haben Gefängnisse generell für eine Gesellschaft?

Porträtfoto der Historikerin Mary Gibson

IFK

Mary Gibson ist Professor of History am John Jay College and the Graduate Center der City University of New York und derzeit Senior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien.

Veranstaltungshinweis:

Am 10.12. hält Mary Gibson einen Vortrag mit dem Titel "From the Papal states to 'Roma Capitale': Prisons in Nineteenth-Century Italy".

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Reichsratsstraße 17,
1010 Wien; Zeit: 18 Uhr c.t.

Links:

Mary Gibson: Wenn heute jemand verurteilt wird, ist klar, dass er danach hinter Gitter kommt. Das ist aber ein relativ junges Phänomen. Bis zum 19. Jahrhundert haben Gefängnisse zwar auch schon in ganz Europa existiert, ihre Rolle war aber eine andere: In erster Linie sollten sie Schuldner oder Verdächtige aufbewahren, damit sie vor einer Verhandlung nicht fliehen können. Die eigentliche Bestrafung war körperlich und oft sehr blutig: Tod durch Hängen oder Verbrennen, Abschneiden von Händen, Füßen, Ohren etc. Dazu kam schwere körperliche Arbeit wie das Rudern auf den Galeeren, was oft mit dem Tod geendet hat. Die Inhaftierung als Hauptform der Bestrafung gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert.

Was waren die Hauptgründe für diesen Wechsel?

Darüber sind sich die Historiker nicht ganz einig, aber es gibt einige Theorien. Eine ist politisch: Ihr zufolge passen die alten Strafformen nicht zu den aufklärerischen Ideen von Demokratie und Gleichheit vor dem Gesetz. Die körperliche Bestrafung galt als typisch für die alten Monarchien. Die neuen parlamentarischen Regierungen haben nach Wegen gesucht zu strafen, ohne den Körper zu verstümmeln.

Eine andere, marxistisch inspirierte Theorie verknüpft die Einführung von Gefängnissen im neuen Sinn mit der Entstehung des modernen Kapitalismus. Sie zeigt die Parallelen auf zwischen der Bußzeit im Gefängnis und der Zeitkontrolle in den Fabriken. Gefängnisse geben in dieser Interpretation der Mittelschicht die Möglichkeit, die unteren Schichten einer Zwangsarbeit zu unterwerfen, was dann zur Bildung eines Proletariats führt.

Am einflussreichsten ist wohl die Theorie von Michel Foucault, der 1975 sein berühmtes Buch "Überwachen und Strafen" geschrieben hat. Foucault akzeptiert den Einfluss, den die Revolutionen und die Entstehung des Kapitalismus für die neue Funktion von Gefängnissen gehabt haben. Aber er glaubt den humanitären Begründungen nicht, wonach nicht mehr der Körper, sondern die Seele bestraft werden soll. Er hält das für eine Ausrede, um die unteren Schichten noch besser kontrollieren zu können. Gefängnisse waren wie das Militär, wie die Schulen und die Fabriken Institutionen, in denen die vermeintlich neuen "freien Bürger" kontrolliert und normiert werden sollen, damit sie nicht gegen die neue Sozialordnung revoltieren.

Welche dieser Erklärungen bevorzugen Sie?

Foucault, auch wenn er sich in vielen Dingen irrt, was etwa Italien betrifft. Er war Philosoph, und auch wenn er seine Theorien mit historischen Dokumenten begründet, verallgemeinert er in einer Weise, die ich problematisch finde. Seine Grundannahme - Macht nicht einfach im politischen System oder im Kapitalismus zu verorten, sondern in zerstreuten Institutionen wie Schulen, dem Militär oder Spitälern - halte ich aber für korrekt. Und das gilt auch für die neuen Gefängnisse, die versucht haben, den Geist der Insassen zu kontrollieren, aber immer auch ihre Körper.

Zeitlich haben sich die Dinge in Italien aber anders entwickelt als von Foucault beschrieben. Das merkt man am besten, wenn man sich die Unterschiede zwischen Männern und Frauen ansieht. "Geschlecht" ist ein Faktor, den Foucault gar nicht erwähnt hat, soweit ich mich erinnere. So wie die meisten Gefängnishistoriker hat er sich nur mit Männergefängnissen beschäftigt - rund 85 Prozent der Häftlinge waren auch Männer - und Frauen ignoriert. Foucault sah den Wendepunkt der Gefängnislandschaft in der Zeit der Revolutionen zwischen 1760 und 1840. Die Veränderungen dauerten aber viel länger und unterschieden sich stark zwischen Männern und Frauen.

Wo lagen die Unterschiede zwischen Frauen- und Männergefängnissen?

In Rom muss man da bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückgehen, was für die Gefängnisgeschichte sehr früh ist. Es gab damals in San Michele schon sehr innovative Gefängnisse für Buben und für Frauen. Ihre Ziele würde ich bereits als modern bezeichnen: Sie wollten die Häftlinge nicht nur umerziehen und verbessern, sondern verfügten auch über Einzelzellen, waren sauber, es gab Fenster für Fischluft, das Essen wurde vom Staat zur Verfügung gestellt - nicht wie üblich von den Familien der Insassen - das sind alles Kennzeichen "moderner" Gefängnisse.

Frauen haben sie also viel früher "genießen" dürfen als Männer, bereits 200 Jahre bevor die harten Körperstrafen abgeschafft werden. Die Männer haben erst mit dem 1881 eröffneten Regina Coeli zum ersten Mal Erfahrung mit einem modernen Gefängnis gemacht, das übrigens bis heute genutzt wird. Regina Coeli war moderner, die Männer mussten arbeiten, sie wurden etwa unterrichtet zu drucken, es gab Schulen und Räume für körperliche Übungen, eine Bibliothek - all das hat es in den Frauengefängnissen nicht gegeben.

Bei ihnen hat sich von Beginn des 18. bis zum 20. Jahrhundert wenig geändert. In den 1850er Jahren übernahmen Nonnen die Führung ihrer Gefängnisse, die Frauen sollten nach sehr konservativen Methoden umerzogen werden, stricken lernen etc. Es ist schwierig zu sagen, ob es nun Frauen oder Männern besser ergangen ist, das Geschlecht hat jedenfalls eine wichtige Rolle gespielt.

Welche Rolle haben die Gefängnisse für diese Zeit der Vereinigung Italiens gespielt?

Sie waren in erster Linie peinlich. Viele der Helden des Risorgimento waren in den veralteten Gefängnissen inhaftiert. Das hat sich in ganz Europa herumgesprochen, und es hat für Empörung gesorgt, wie vermeintlich rückständig Italien war. Das Gefängnis war eines der Symbole für die Willkür des alten Regimes, etwas, das die neuen Regierungen nach 1860 reformieren wollten. Regina Coeli z.B. wurde zu einem der Symbole für die neue Hauptstadt Rom, das sich mit den Vorbildern in Frankreich oder England vergleichen konnte.

Man kann die Frage aber auch allgemeiner beantworten: Die Zustände eines Gefängnisses sagen auch etwas aus über den Zustand der Staatsbürgerschaft. Es ist kein Zufall, dass Männer gleichzeitig mit ihren Rechten als Staatsbürger des vereinigten Italien auch die entsprechenden modernen Gefängnisse erhalten haben. Frauen wurden dabei ignoriert: Sie hatten nicht die gleichen Rechte wie Männer im Zivilrecht und auch nicht bei der Art, wie sie bestraft wurden. Wenn sie verurteilt wurden, genossen sie nicht die Möglichkeit in den Gefängnissen, die die Männer - zumindest theoretisch - hatten.

Gefängnisse kann man sowohl als Symbole der Moderne sehen, als auch als Maßstab für das, was ich als "negative Rechte" bezeichne. Die Unterschiede betreffen nicht nur Frauen und Männer, sondern auch andere Gruppen wie Erwachsene und Kinder, Angehörige verschiedener Ethnien etc. Ihr Zustand als Häftlinge sagt sehr viel aus über ihren generellen Status in der Gesellschaft.

In Rom ist es wegen der zahlreichen Denkmäler schwierig, neue Gebäude zu bauen. Wie hat man das Problem gelöst?

Die meisten wissen heute nicht, dass eine ganze Reihe berühmter Gebäude einmal Gefängnisse waren. Etwa die Thermen des Diokletian. Zwischen 1830 und 1890 diente ein Teil davon als Gefängnis, heute steht dort ein Vier-Stern-Hotel. Das wird gerne vergessen, auf der Website steht lediglich, dass es "auf romantischen Ruinen der Alten Römerzeit gebaut ist". Bis zur Foucault'schen Wende im Gefängnisbau zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es typisch, alte Gebäude zu verwenden: alte Schlösser, Arbeitshäuser, Villen etc. Erst danach wurden neue Häuser gebaut, die nach den neuen Prinzipien zumindest theoretisch dazu dienen sollten, die Menschen zu verbessern.

Gibt es andere Beispiele für Orte in Rom, an denen einst Gefängnisse gestanden sind, von denen der durchschnittliche Tourist keine Ahnung hat?

Was sie vermutlich schon kennen, ist die Engelsburg - wegen "Tosca", auch wenn vermutlich niemand vom Dach heruntergestürzt ist wie in der Oper. Mit der Einheit Italiens 1870 hat sie aufgehört, ein offizielles Gefängnis zu sein, enthielt aber weiter politische und militärische Gefangene. Auch das vorher erwähnte San Michele, ein großer Gebäudekomplex am Tiber, das ursprünglich eine Reihe von Wohlfahrtseinrichtungen enthielt, ist wohl wenig bekannt.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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