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Historisches BMW-Modell Isetta, aus den 1950er Jahren

Nachhaltigkeit historisch betrachtet

114 Jugendliche konnte im Sommer bei einem Praktikum erleben, wie vielfältig die Forschungslandschaft zum Thema Nachhaltigkeit in Österreich ist. Diese Vielfalt spiegeln auch die Abschlussberichte. Der von einer Jury ausgewählte Siegertext nähert sich dem Thema von einer ungewöhnlichen Seite: der historischen.

Initiative Rio+20 17.12.2012

Die jungen Preisträger haben sich am Fachbereich Geschichte (Abt. für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte) der Universität Salzburg mit Umweltgeschichte beschäftigt. Man soll aus der Geschichte lernen, heißt es. Dies gilt auch für den Umweltbereich, wie die Autoren in ihrem preisgekrönten Bericht anschaulich schildern.

Buchcover Forschung für nachhaltige Entwicklung

Studienverlag

Die 25 ausgewählten Praktikumsberichte inklusive der zwei prämierten Texte sind in Buchform erschienen:
Hubert Dürrstein (Hrsg.): Forschung für nachhaltige Entwicklung. Wissenschaft ler/innen und Jugendliche ziehen Bilanz. Eine Initiative des BMWF anlässlich des Jubiläumsjahres Rio+2. Studienverlag. Innsbruck, Bozen, Wien. ISBN 978-3-7065-5257-8.

Alle Beiträge finden sich auf der Homepage des Wissenschaftsministeriums

Im Folgenden ist der erste Teil des Berichts zu lesen. Gemeinsam mit den anderen ausgewählten Berichten ist er in vollem Umfang in einer abschließenden Publikation der Young Science-Initiative "Rio+20 - Wissenschaftler/innen und Jugendliche ziehen Bilanz" erschienen.

Das 1950er Syndrom

Die Autoren des Siegertextes der Rio+20 Praktika

1950er Projekt

Von Thomas Bernsteiner, Benjamin Germann, Philipp Pramer, Tobias Wirthmiller

Co-Autoren: Univ.-Prof. Dr. Reinhold Reith, Dr. Georg Stöger

Am Anfang stand das Interesse. Das Interesse, sich mit den Geschichtswissenschaften und besonders der Umweltgeschichte zu befassen, sich über Nachhaltigkeit ernsthafte Gedanken zu machen und in die Vergangenheit zu reisen, um sich eine Vorstellung von der Zukunft auszumalen. Jedoch war es auch ein Anreiz, Einrichtungen wie die Salzburger Universitätsbibliothek oder das Stadtarchiv kennenzulernen, als "Nichtstudent" ein Stück universitäres Leben zu erfahren, sein eigenes Wissen wachsen zu lassen und mit interessierten und interessanten Menschen zusammenzuarbeiten.

Eine bezahlte Tätigkeit, die bildet, Spaß macht und zudem ein für die Gesellschaft brauchbares Ergebnis auswirft, ist leider selten anzutreffen. Seit dem ersten Arbeitstag hat sich eine gemeinschaftliche Dynamik entwickelt, eine Atmosphäre, in der man auf Erkenntnisgewinn, aufs Diskutieren und Fragen bzw. Hinterfragen abzielt und in der das gemeinsame Arbeiten im Vordergrund steht. Genau aus diesem Grund haben wir unseren Praktikumsbericht gemeinsam verfasst. Wir wollten nach einem Monat erfolgreicher und interessanter Zusammenarbeit nicht in einzelne Individuen aufgespaltet werden, denn es war unser Praktikum, wir haben es gemeinsam begonnen und schließen es gemeinsam ab.

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Preisverleihung berichtet auch Wissen Aktuell am 13.12. um 13:55.
Die Dimensionen am 17.12. um 19:05 stellen einige der Projekt exemplarisch vor.

(Umwelt-)Geschichte und Nachhaltigkeit

In der ersten Woche beschäftigten wir uns noch nicht vertiefend mit den Hauptthemen des Praktikums. Stattdessen diskutierten wir anhand eines Textes des französischen Historikers Marc Bloch, der "Apologie der Geschichte", die Legitimation der Geschichte als Wissenschaft. Bereits zu Beginn nimmt Bloch Bezug auf diese Diskussion: "Papa, wozu dient denn eigentlich die Geschichte?"

Diese Frage haben auch wir uns gestellt und auf Basis des Textes von Bloch miteinander diskutiert. Immerhin hat sie doch keinen Nutzen für die Menschheit? Kann man "aus ihr lernen" (auch wenn die Menschen es viel zu oft nicht taten)? Es gäbe keine Gegenwart ohne Vergangenheit, zudem kann es unterhaltsam sein, sich mit Geschichte zu beschäftigen und die Geschichte vermag Entwicklungen, also warum die Dinge so sind, wie sie sind, zu erklären, eben auch problematische, etwa den Verlust an "Nachhaltigkeit".

Im Laufe der ersten Woche befassten wir uns zudem mit verschiedenen Teilfächern der Geschichtswissenschaften, allen voran mit der Umweltgeschichte. Reinhold Reith versuchte uns mit einem von ihm verfassten Artikel die Entwicklung der Umweltgeschichte näherzubringen: Diese erlebte in den 1970er Jahren parallel zum Aufkommen des modernen Umweltbewusstseins einen Aufschwung und etablierte sich zunehmend als eigenständige Disziplin im Spektrum der wissenschaftlichen Fächer.

Was ist Umweltgeschichte?

Dabei ist es nicht leicht, Umweltgeschichte zu definieren: Ist diese ein Teil der Ökologie? Sollte sich die Geschichte auf Politik und Wirtschaft beschränken oder nicht? Ist sie ein Mittel zum Zweck, um die gegenwärtigen Umweltprobleme zu lösen? Und was bedeutet überhaupt der Begriff "Umwelt"? Es ist nicht leicht, diese Fragen zu beantworten. Prinzipiell beschäftigt sich die Umweltgeschichte mit Interaktionen zwischen Mensch und Natur. Somit geht es nicht allein um Umweltprobleme, sondern um Fragen der Wahrnehmung von Natur oder auch um deren Veränderung durch den Menschen.

Zu Beginn der zweiten Woche versuchten wir anhand eines Textes von Armin Grunwald und Jürgen Kopfmüller den Begriff "Nachhaltigkeit" zu konkretisieren. Erstmals verwendet wurde er in der Forstwirtschaft, später auch in der Fischerei: Prinzipiell verstand man darunter, dass nur so viel (Holz oder Fische) entnommen werden darf, dass sich der Gesamtbestand regenerieren kann und nicht schrumpft.

Diese eher ökonomisch geprägte Definition deutet an, dass die Natur nur dann als schützenswert einzustufen ist, wenn sie für das Leben der Menschen essenziell ist. Das wirft natürlich die Frage auf, ob man die Umwelt "an sich" als schützenswert sehen sollte. Außerdem könnte man sagen, dass eine nachhaltige Entwicklung für zukünftige Generationen eine gewisse Gerechtigkeit unter den gegenwärtig lebenden Menschen voraussetzt. Um zu erreichen, dass zukünftige Generationen ihre "basic needs" erfüllen können, müssten wir das erst einmal gegenwärtig sicherstellen.

Wirtschaftswunder als Zäsur

Des Weiteren versuchten wir uns über das sogenannte "1950er Syndrom" zu informieren, wozu wir in erster Linie einen vom Schweizer Historiker Christian Pfister verfassten Text heranzogen. Darunter versteht man im Allgemeinen die sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit, der - von massenhaft vorhandenem und billigem Öl begünstigt -in den 1950er Jahren einsetzte. Zahlreiche Historiker/innen sind der Meinung, dass diese Zeit eine der gravierendsten Zäsuren der Menschheitsgeschichte darstellt. Fossile Brennstoffe waren auf einmal im Überfluss vorhanden - wieso sollte man sie also sparsam und "umweltfreundlich" einsetzen?

Dieses Denken hatte (und hat immer noch) fatale Folgen für die Umwelt und - auf lange Sicht gesehen - auch für die Menschheit, es war der Beginn der Massenkonsum- und Wegwerfgesellschaft. Natürlich muss man auch die positiven Folgen dieser Entwicklung erwähnen: Die Lebensverhältnisse haben sich (zumindest in westlichen Ländern) enorm verbessert und es wurden gewaltige technologische Fortschritte eingeleitet.

Zusammen mit unseren Betreuern entwickelten wir in der dritten Woche ein kleines Forschungsprojekt, das eine eigene Annäherung an das "1950er Syndrom" ermöglichen sollte: Jeder von uns führte ein qualitatives Interview zum Thema "Leben und Konsum ab den 1950er Jahren in Salzburg" durch. Das Ziel war, anhand konkreter Lebensgeschichten Veränderungen des Konsumverhaltens und deren Wahrnehmung durch Zeitzeugen zu rekonstruieren.

An dieser Stelle möchten wir Johannes Hofinger (Universität Salzburg, Projekt "MenschenLeben") dafür danken, dass er uns die Basics der geschichtswissenschaftlichen Arbeitstechnik der "Oral History" vermittelt und uns das nötige Aufnahmeequipment zur Verfügung gestellt hat. "Oral History" stellt den Versuch dar, die Geschichte "einfacher" Menschen festzuhalten und den Fokus etwas von der Geschichte der "großen Männer" wegzubringen - sozusagen eine Demokratisierung der Geschichte.

Dabei geht es nicht (nur) um die tatsächlichen Entwicklungen in der Vergangenheit, sondern auch um den Erinnerungsprozess und die persönliche Wahrnehmung. Nachdem wir die Interviews durchgeführt hatten (die übrigens über die "Österreichische Mediathek" in Wien der Allgemeinheit zugänglich sein werden), beschäftigten wir uns in der vierten Woche mit dem gewonnenen Material; dazu gehörte vor allem eine inhaltliche Zusammenfassung als Teiltranskript. Anschließend reflektierten wir anhand des Interviews bestimmte Aspekte des "1950er Syndroms". Den vorletzten Tag des Praktikums verbrachten wir damit, gemeinsam mit den Praktikumsbetreuern einen Leitfaden für den Abschlussbericht zu erarbeiten.

Nachhaltige Universität

Als Abschluss besuchten wir mit anderen "Rio+20"-Praktikanten eine Vorstellungsrunde der Nachhaltigkeitsinitativen an der Universität Salzburg. Den Anfang machte Thomas Weiger, der Koordinator der Initiative "PLUS Green Campus". "Es sind", so Weiger, "vor allem viele kleine Projekte, die die Uni nachhaltiger machen sollen." Zum Beispiel stammen manche der Kräuter, die in der Salzburger Mensa verwendet werden, aus dem botanischen Garten der Universität. Des Weiteren wird versucht, Studierende und Lehrende zu einem schonenderen Umgang mit Ressourcen zu bewegen, etwa mittels einer Plakatkampagne, die darauf aufmerksam machen soll, nicht benötigte elektronische Geräte oder das Licht beim Verlassen des Raumes auszuschalten.

Danach stellte Barbara Rodinger die Österreichische Hochschüler/-Innenschaft (ÖH) und deren Nachhaltigkeitsprojekt "ÖH Green Campus" vor. Mit Informationsveranstaltungen, Readern und Lehrveranstaltungen - wie der interdisziplinären Ringvorlesung im Sommersemester 2012, die sich ökologischer, ökonomischer, aber auch soziokultureller Aspekte von Nachhaltigkeit annahm - will die ÖH möglichst viele Studierende erreichen und zu einem kritischeren Denken in Bezug auf Ressourcenverbrauch und Ungleichheit/en anregen.

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