Standort: science.ORF.at / Meldung: "Hausfrau in zwei Ländern"

Eine Frau mit Besen und Kübel im Gegenlicht.

Hausfrau in zwei Ländern

Sie verlassen ihre Heimat in der Hoffnung, durch Hausarbeit in einem wohlhabenderen Land ihren Kindern die Ausbildung finanzieren zu können: Wie viele Frauen aus Nicht-EU-Staaten in Österreich putzen, waschen und die Kinder hüten, lässt sich nur schwer schätzen. Bettina Haidinger hat einige davon zu ihrem Arbeitsalltag befragt - hier und zuhause.

Soziologie 25.12.2012

Die Soziologin arbeitete in ihrer Dissertation nicht nur heraus, welche ökonomische Rolle die illegalen "Exilarbeiterinnen" für ihre Gast- und Heimatländer spielen, sondern auch, wie das Leben zuhause ohne Mutter weitergeht.

Die Sozialwissenschaftlerin Bettina Haidinger

Elke Ziegler/science.ORF.at

Bettina Haidinger studierte Volkswirtschaftslehre, Politikwissenschaft und Ethnologie in Wien. Ihre Schwerpunkte bei Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt FORBA sind Migration, Arbeit und Geschlechterverhältnisse, feministische Ökonomie sowie Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Studie und Buch:

"Geschlecht und Arbeit in Privathaushalten im Kontext transnationaler sozialer Ungleichheit" erscheint im Heft 4/2012 der "SWS-Rundschau".

Die Dissertation von Bettina Haidinger erscheint im Mai 2013 als Buch: "Hausfrau für zwei Länder sein. Zur Reproduktion des transnationalen Haushalts", Verlag Westfälisches Dampfboot

Film:

Der ORF-Journalist Ed Moschitz porträtierte für seinen Film "Mama Illegal" drei Frauen, die aus Moldawien nach Österreich und Italien kamen, um als Haushaltshilfen Geld für das Überleben und die Ausbildung ihrer Kinder zu verdienen. Die Dokumentation schildert das Leben der Frauen in Österreich und die Veränderungen in ihrem Heimatland.

Grauzone

Sich dem Phänomen ukrainischer Haushaltshilfen in Österreich zu nähern, ist nicht einfach - vor allem, weil sich ein Großteil davon in der Illegalität abspielt. 5.283 ukrainische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind laut der Studie von Bettina Haidinger in Österreich registriert, 71 Prozent davon sind Frauen. Im Haushalt legal zu arbeiten, ist aber nahezu unmöglich. Nur in der 24-Stunden-Pflege gibt es auch für sogenannte Drittstaatsangehörige die Möglichkeit, einer Tätigkeit im Rahmen der Gesetze - und damit auch mit entsprechenden Rechten und Versicherungsschutz - nachzugehen. Manche, die im Haushalt arbeiten wollen, wählen deshalb den Weg über ein Au-Pair-Verhältnis, der große Rest sucht sich illegal eine Beschäftigung.

Grund, ihr Heimatland zu verlassen, haben viele Ukrainerinnen: In den 1990er Jahren, nach dem Ende des Realsozialismus, verarmte die Bevölkerung rasant. "2002 lag der Anteil derjenigen, die weniger als das Subsistenzminimum (vergleichbar dem Mindesteinkommen, Anm.) verdienen, bei 83,3 Prozent", schreibt die Soziologin in ihrer Studie. In den Jahren danach stieg das Realeinkommen ukrainischer Haushalte zwar an, gleichzeitig entwickelten die Menschen aber "Möglichkeiten der Risikostreuung" - oder einfach gesagt: Sie versuchten, über mehrere Wege gleichzeitig Geld zu verdienen. Und Arbeitsmigration wurde in diesem Zusammenhang zu einer der wichtigsten Strategien. Rund ein Fünftel der arbeitsfähigen ukrainischen Bevölkerung arbeitet laut Schätzungen der Regierung zumindest saisonal im Ausland.

Dass es sich um ein Massenphänomen handelt, sieht man auch an den nackten Zahlen: "In der Westukraine (Bezirk Ternopil Oblast) gehen die lokalen Behörden davon aus, dass die Summe der Rücküberweisungen für diese Region etwa 100 Millionen US-Dollar (ca. 76 Millionen Euro) pro Jahr ausmacht", schreibt Bettina Haidinger. Zum Vergleich: In den Jahren 2002 bis 2005 wurden von ausländischen Unternehmen in dieselbe Region 13,4 Millionen US-Dollar investiert.

Dienstbotinnengesellschaft

Bettina Haidinger hat Tiefeninterviews mit 23 Frauen aus der Ukraine geführt, um mehr über ihr Leben in Österreich und das Leben ihrer Familien in Abwesenheit der Mutter zu erfahren. Die Zeit in Österreich widmen die Frauen ausschließlich der Arbeit. "Hausarbeit wird als unqualifizierte, dienende Tätigkeit wahrgenommen, bei der (…) die Position der Putzfrau gegenüber dem/der Arbeitgeber/in professionell wie auch hierarchisch untergeordnet ist", schreibt die Soziologin. Ihre Funktion sei in erster Linie, einer einigermaßen gut situierten österreichischen Familie die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie bzw. Hausarbeit zu ermöglichen. Von dem Geld, das die Frauen so erwirtschaften, geht fast alles ins Heimatland - große Beträge über Banken, kleinere über persönliche Kontakte oder Minibusse, die regelmäßig zwischen Italien und der Ukraine pendeln und dabei auch Österreich passieren.

Rechte haben die Frauen aufgrund ihres illegalen Status keine. Bleibt jemand etwa das Geld schuldig, können sich die Haushaltshilfen nicht wehren, im Krankheitsfall haben sie keine Versicherung und auch kein Einkommen. "Wir haben einen 100 Jahre alten Kollektivvertrag für Dienstmädchen, der keine Relevanz mehr hat. Er bezog sich auf Dienstverhältnisse, die es so kaum mehr gibt: ein Arbeitgeber, der für das Dienstmädchen auch Unterkunft und Verpflegung bereitstellt", schildert Bettina Haidinger im science.ORF.at-Gespräch.

Dienstleistungsscheck:

Menschen, die in Österreich über eine Sozialversicherungsnummer verfügen und Dienstleistungen im Haushalt erbringen, können seit 2006 mit Dienstleistungsschecks bezahlt werden. Die Arbeitnehmerinnen können sich damit freiwillig kranken- und pensionsversichern, das Arbeitsverhältnis fällt damit nicht mehr unter "Schwarzarbeit".

Veränderungen zuhause

Während die Frauen in Österreich arbeiten, müssen auch die Familie und der Haushalt im Heimatland versorgt werden. In den meisten Fällen übernehmen das andere Frauen: Großmütter, Tanten oder Nachbarinnen werden um Hilfe gebeten. In manchen Fällen müssen sich die Kinder selbst versorgen. Haidinger: "Manchmal werden schon 13- bis 14-jährige Kinder sich selbst überlassen. Man bittet eine Nachbarin, ab und zu nach dem Rechten zu schauen, den Rest müssen sie selbst bewältigen", schildert die Soziologin. Die Männer sehen sich vor allem für die materielle Versorgung in Form von Nahrungsmitteln zuständig. Mit der emotionalen und sozialen Verantwortung seien sie oft überfordert. Wenn die Mütter nach einigen Jahren aus dem Ausland zurückkehren, habe sich die Familie oft völlig verändert.

In der Ukraine selbst wird die "Auslandsarbeit" vor allem in den Medien sehr negativ bewertet. Frauen werden als Opfer des westlichen Imperialismus dargestellt, oft wird über Verbindungen zu Sexarbeit gemutmaßt. Die Frauen selbst gelten als "Verräterinnen der Nation". Im privaten Umfeld wird die Entscheidung, im Ausland zu arbeiten, sowohl kritisiert als auch geschätzt, hat die Soziologin in ihren Interviews herausgefunden.

Keine "Win-win-Strategie"

Aber könnte man nicht auch argumentieren, dass erst diese transnationalen Arrangements es Menschen in ärmeren Gegenden erlauben, aus ihrer Armut auszubrechen und ihrer Familie ein besseres Leben zu ermöglichen? "Könnte man", meint die Soziologin. Gleichzeitig müsse man aber sehen, dass diese Verhältnisse vor allem zu Lasten der Arbeitnehmerinnen gehen. Denn während die österreichischen Haushalte damit ihre "Familienarbeit" bewältigen, müssen sich die Aushilfen zwischen Regen und Traufe entscheiden: Entweder leben sie im Herkunftsland in Armut oder sie gehen ins Ausland und liefern sich dort den informellen Regeln eines ungesicherten Arbeitsverhältnisses aus. "Win-win-Ergebnis", so Haidinger, "kann ich keines ausmachen."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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