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Das Stubacher Sonnblickkees war heuer wieder stark ausgeapert. 11. September 2012

Schon wieder: Massenverlust der Alpengletscher

Auch 2012 war kein gutes Jahr für Österreichs Gletscher. Zwar lag nach dem vergangenen Winter auf den Gletschern nördlich des Hauptkammes mehr Schnee als im Durchschnitt. Aber weil der Sommer zu warm war, verloren die Gletscher allerorts neuerlich an Masse - so lautet die Bilanz des Glaziologen Heinz Slupetzky in einem Gastbeitrag.

Gletschertagebuch 2012 28.12.2012

Gletschertagebuch 2012 - die Bilanz

Von Heinz Slupetzky

Der Winter 2011/12 brachte - besonders an der Alpennordseite - nach vielen Jahren mit Defiziten relativ größere Schneemengen für die Gletscher; relativ deswegen, weil die Schneehöhen wenigstens über dem langjährigen Mittel lagen. Die "vielversprechenden" Winterbilanzen waren jedoch keine genügende Reserve für die anschließende Abschmelzzeit.

Porträt Slupetzky 2012

H. Slupetzy

Heinz Slupetzky ist Professor i. R. am Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. Er war Leiter der Abteilung für Gletscher- und vergleichende Hochgebirgsforschung sowie der Hochgebirgs- und Nationalparkforschungsstelle Rudolfshütte. Für science.ORF.at führt er seit 2003 ein Gletschertagebuch - in diesen Jahren ging es mit dem Gletschereis stetig bergab, ein Ende des Trends ist nicht abzusehen.

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Dank des Autors:

Der Autor dankt allen Personen/Institutionen (siehe Glaziologie Österreich) für die Bereitstellung der Daten, Fotos und Informationen und dem Hydrographischen Dienst Land Salzburg für die Kooperation (Gletscherschmelze, Land Salzburg).

Der Hallstätter Gletscher hätte mit einer überdurchschnittlichen Winterbilanz (die Brutto-"Menge" an Schnee auf dem gesamten Gletscher am Ende des Winters) gute Voraussetzungen für den Sommer gehabt, die Gletscher an der Nordabdachung des Alpenhauptkammes verzeichneten leicht übernormale Winterbilanzen (z. B. das Goldbergkees beim Hohen Sonnblick).

Die Gletscher auf der Alpensüdseite hatten geringere Winterbilanzen, wie das Wurtenkees südlich des Hohen Sonnblicks, bei dem diese rund 1/3 weniger war als das zehnjährige Mittel. Eine sehr frühe, kurze Hitzephase Ende April mit "sommerlichen" Rekordwerten verursachte eine erste Abschmelzphase.

Und wieder ein heißer Sommer

Der eigentliche sommerliche Ablationsbeginn war um die Monatsmitte des Junis mit einer Hitzewelle. Die Schneedecke auf den Gletschern war bis in große Seehöhen starker Abschmelzung ausgesetzt und das trotz mehrerer Schneefälle, weil die Neuschneegrenze kaum unter 3.000 Meter lag.

Der August war ungewöhnlich warm, erst Ende des Monats schneite es wieder herab. Der meteorologische Sommer Juni, Juli, August war knapp 1,9 Grad Celsius über der Normalreihe 1971 bis 2000 und damit der drittwärmste in 246 Jahren Messgeschichte (alle Klimadaten: ZAMG). An der Station Rudolfshütte in 2.305 Meter war der Juni um 3,2 Grad, der Juli um 1,3 Grad und der August um 2,3 Grad Celsius zu warm.

Auch noch im Früherbst warm

Der Hallstätter Gletscher. Im Nährgebiet verblieb noch Schnee vom Winter zurück. 4. 9. 2012

K. Helfricht

Der Hallstätter Gletscher am 4. 9. 2012. Im Nährgebiet verblieb noch Schnee vom Winter zurück.

Auch der September und der Oktober waren zu warm. Ein markanter Wettersturz mit einer Kaltfront vom 12. auf den 13. 9. kleideten die Berge und Gletscher in ein vorwinterliches Weiß. An der Nordseite der Hohen Tauern schneite es bis 1.400 Meter herab. Am Morgen des 13.9. lagen bei der Rudolfshütte 43 Zentimeter Neuschnee.

Die Glaziologen freuten sich zu früh: Es war noch nicht das sogenannte ("natürliche") Haushaltsende bei den Gletschern. (Zumeist wird das "hydrologische" Haushaltsende, das ist der 30. September, verwendet). Im letzten Septemberdrittel war es noch ungewöhnlich warm. Bei höher gelegenen Gletschern schmolz aber die Neuschneedecke nur langsam ab.

Daher hielt sich der Massenverlust nach dem 11. September bis zum endgültigen Haushaltsende am 8. Oktober in Grenzen.
Die mit ihren Zungen tiefer herabreichenden oder südexponierten Gletscher profitierten weniger von den herbstlichen Neuschneefällen, die Schönwetterphasen im September und Oktober führten zu einer Fortsetzung der Ablation.

Alle Gletscher bilanzierten negativ

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Bilanz berichteten auch die Journale am 28.12.2012.

Ein "Loch" (keine Gletscherspalte) im Stubacher Sonnblickkees. Darunter ist ein großer Hohlraum. (9.9.2012)

Heinz Slupetzky

Ein "Loch" (keine Gletscherspalte) im Stubacher Sonnblickkees. Darunter ist ein großer Hohlraum. (9.9.2012)

Und wieder wurde bestätigt: Bei den Alpengletschern entscheidet der Sommer über die endgültige Nettobilanz. Alle Gletscher, an denen jährlich die Bilanz gemessen wird, verloren wieder an Eismasse. Es gab aber Unterschiede in der Höhe des Verlustes. Diese wurden nur zum Teil durch die regional unterschiedlichen Winterniederschläge verursacht, sondern aufgrund "individueller" Eigenschaften der Gletscher.

Abgesehen von den topographischen Parametern (Gletschertyp, Größe, Exposition, Höhenlage) wirkt sich in jüngerer Zeit das Abbrechen von Teilen der Gletscherzunge, Ablösen von Seitengletschern oder Unterhöhlung des Gletschers und Auftauchen von Felsinseln immer stärker aus. So liegen die (gemessenen) Gletscherbilanzen 2011/12 zwischen ca. einem halben und über zwei Meter Dickenverlust.

Vom Stubacher Sonnblickkees liegt vorerst eine Zwischenbilanz für den 11.9.2012 vor, der Dickenverlust, gemittelt über die nur mehr einen Quadratkilometer große Fläche, betrug eineinhalb Meter; die endgültige Bilanz wird um wenige Dezimeter negativer sein. Damit traf die Einschätzung (Gletschertagebuch vom Juni 2012) zu, dass nämlich wieder eine negative Bilanz zu erwarten war, jedoch kein Rekordjahr wie 2003 und 2007.

Mehr als ein Meter minus

"Hinteres Eis"(3.270 m), ein vom Hintereisferner heuer vollständig abgetrennter schmaler Zufluss. (Sept. 2012)

A. Fischer

"Hinteres Eis"(3.270 m), ein vom Hintereisferner heuer vollständig abgetrennter schmaler Zufluss. (Sept. 2012)

Die Pasterze mit ihrer langen Gletscherzunge - sie stammt aus "besseren Zeiten" - weist hohe Abschmelzbeträge auf, bis neun Meter. Wie in den Jahren 2003 und 2011 haben hier heuer nur wenige Altschneefelder den Sommer überdauert.

Am Hallstätter Gletscher hat sich die gute Winterbilanz bemerkbar gemacht, sodass trotz der negativen Sommerbilanz von fast vier Metern am Ende die Gesamtbilanz nur minus 1,2 Meter ausmachte. Das gleiche traf für den Jamtalferner zu, der schließlich in einer ähnlichen Größenordnung an Dicke verlor. Auch das Venedigerkees an der Nordseite des Alpenhauptkammes schloss mit nur minus 1,2 Meter ab (Hydrogr. Dienst Salzburg). Das an der "ungünstigeren" Südseite der Goldberggruppe am Hauptkamm gelegene Kleine Fleißkees wurde um 1,5 Meter dünner und das Mullwitzkees - weiter südlich in der Venedigergruppe gelegen - um 1,3 Meter.

Die drei Gletscher im hinteren Ötztal - Hintereis-, Kesselwand- und Vernagtferner - hatten alle negative Haushalte, wobei der mit seinem Nährgebiet hoch liegende und durch den Rückgang jetzt "zungenlose" Kesselwandferner nun schon eine relativ günstige Konfiguration und Dimension hat, sodass der mittlere Verlust wohl unter einem Meter ist. Beim Vernagtferner beträgt der mittlere Dickenverlust nach einer ersten Einschätzung einen halben Meter.

Die vom Österreichischen Alpenverein traditionell koordinierten und gesammelten Ergebnisse der Längenänderung von rund 100 Gletschern werden im Frühjahr vorliegen.

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