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Liebespaar am Meer

Das Fleischliche und Göttliche in der Liebe

In einem Gastbeitrag beschäftigt sich die Theologin Mirja Kutzer mit der Theologie des Liebesbegriffs im 12. Jahrhundert. Die Leidenschaft wurde damals nicht als Gegensatz zur Vernunft angesehen, sondern als Katalysator zur Wahrnehmung der Welt. Ein Text über das Fleischliche und das Göttliche in der Liebe.

ÖAW Young Science 04.01.2013

Leidenschaften der Gottesliebe

Von Mirja Kutzer

Porträt Mirja Kutzer

Claudia Köppl

Über die Autorin:

Mirja Kutzer, geb. 1974, Kath. Theologin mit Schwerpunkt Dogmatik und Germanistin forscht seit Oktober 2009 als APART-Stipendiatin der ÖAW zum Thema "Die Rede von Gott in der Sprache der Liebe. Eine Untersuchung an den Schnittfeldern von Systematischer Theologie und Kulturwissenschaft" am Lehrstuhl für Systematische Theologie des Instituts für Katholische Theologie der Universität zu Köln.

Liebe ist ein Gefühl, ein unberechenbarer Affekt. Insbesondere in ihren leidenschaftlichen Spielarten sprengt sie die Logiken des Alltags und hat, so die landläufige Meinung, mit Vernunft gerade nichts zu tun. Auch die zeitgenössische Theologie, die gerne und viel von der Liebe zwischen Gott und Mensch redet, nimmt von den Leidenschaften Abstand. Doch dabei wird Wesentliches ausgeblendet.

Das 12. Jahrhundert als Jahrhundert der Liebe

Über die Liebe zu reden bedeutet, in poetischer Sprache zu reden. Das Gefühl drängt nach Mitteilung. Es muss in Worte gefasst werden, die ihm kaum gerecht werden. Der Liebende spricht entsprechend in einer schwebenden Sprache. Diese vermeidet den Begriff, sie sucht nach Metaphern. Sie bringt, so beschreibt es die Sprachtheoretikerin Julia Kristeva, "die Worte zum Glühen". Darin durchbricht die Liebe unsere sprachlichen Ordnungen. Sie ist ein Angriff auf den Begriff, die Logik, das fixierbare Wissen. Entsprechend hat sie gegenwärtig in den Wissenschaften keinen Ort. Wo sie dennoch vorkommt, gilt sie als zu überwindende Krankheit wie in der Psychologie. Sie wird ihrer Leidenschaften beraubt wie in Philosophie und Theologie.

Eine ganz andere Bewertung erfährt die Liebe im 12. Jahrhundert. Als Thema wird sie in einer Zeit virulent, in der sich auf vielen Ebenen ein Umbruch vollzieht. Ein Teilaspekt davon ist der Zusammenbruch der ständischen Gesellschaft. Die gesellschaftlichen Rollenvorgaben werden schwächer. Mehr und mehr erfahren sich die Menschen als Individuen, die ihr Leben selbst gestalten können und müssen.

Gleichzeitig bricht die für das frühe Hochmittelalter so typische symbolische Weltdeutung zusammen: An allem Sichtbaren, der Natur wie der Gesellschaft, konnte der Mensch Aufschluss über die eigentliche Wirklichkeit, das Himmlische gewinnen. Auf die symbolische Weltdeutung wird die Scholastik und auf ihrem Fuße das neuzeitliche Wissenschaftsideal folgen. Noch hat es sich nicht etabliert, doch die alte Transparenz der Welt hin auf das Unsichtbare ist bereits in Frage gestellt. Der Mensch ist auf der Suche nach Orientierung. Er findet sie nicht mehr im gesellschaftlichen Gefüge, nicht mehr im sinnlich wahrnehmbaren Äußeren, sondern in seinem Inneren - in der Liebe.

Bewegungen der liebenden Seele

ÖAW Young Science:

Der Text ist Teil des Projektes Young Science, im Zuge dessen Gastbeiträge von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erscheinen. Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Ö1/science.ORF.at und der Akademie der Wissenschaften.

In dieser Zeit entstehen im Umfeld der mönchischen Reformbewegung zahlreiche theologisch-philosophische Traktate über die Liebe. Das Neue dort ist eine deutliche Hinwendung zum Einzelnen und zum Inneren. Nicht mehr der gesellschaftliche Stand, auch nicht der des Mönchs, entscheidet über das künftige Heil. Kriterium ist die Bewegung der Seele, das Maß ihrer liebenden Hinwendung zu Gott. Dies zu beschreiben und zu befördern ist das Ziel der Liebestraktate des 12. Jahrhunderts.

Dabei verhandeln sie Grundsätzliches: Es geht um die Freiheit des Menschen, das Zusammenspiel von Affekt und Vernunft, den Einfluss des Körpers auf die geistigen Regungen. Das Bild vom Menschen, das sie zeichnen, unterscheidet sich vom neuzeitlichen Gedanken eines "starken" Subjekts deutlich. Hier steht kein emotionsloses Ich der Welt und dem anderen Menschen affektneutral gegenüber. Ganz im Gegenteil gewinnen die Dinge dieser Welt ihre Bedeutung erst vermittels der Gemütsbewegung, in der der Mensch seine Vernunft auf sie richtet. Die Welt, der andere Mensch und schließlich Gott sind der Vernunft damit nie "an sich" zugänglich, sondern ihre wahre Bedeutung erschließt sich erst in der liebenden Begegnung, deren Schlüssel die Gottesliebe ist.

Literaturhinweise:

  • Bernhard von Clairvaux, Über die Gottesliebe: Sämtliche Werke Bd. 1. Lateinisch-deutsch, hg. v. Bernhard Winkler, Innsbruck 1990, 74-151.
  • Petrus Abaelard, Expositio in epistolam ad romanos. Römerbrief-Kommentar. Lateinisch-Deutsch, ed. Rolf Peppermüller (FC 26/1-3), Freiburg u.a. 2000.
  • Julia Kristeva, Geschichten von der Liebe, Frankfurt/Main 1989 (Histoires d’amour 1983).
  • Mirja Kutzer, Amor ordinatus. Verhandlungen über den Wert der Welt als Welt: Knut Wenzel u.a. (Hg.), Glaube und Skepsis. Beiträge zur Religionsphilosophie Heinz Robert Schlettes, Ostfildern 2011, 346–358.
  • Mirja Kutzer, Hunger nach Liebe. Theologische Reflexionen eines säkularen Heilsversprechens: Knut Wenzel (Hg.), Lebens-Lüste. Von der Ambivalenz der menschlichen Lebensenergie, Ostfildern 2010, 68–97.

Der Wert der Welt

Dabei steht in den Spekulationen um die Gottesliebe nichts Geringeres als der Wert der Welt auf dem Spiel. Dies lässt sich an der berühmt gewordenen Auseinandersetzung zwischen dem frühen Scholastiker Petrus Abaelard und dem für den Zisterzienserorden so maßgeblichen Prediger Bernhard von Clairvaux nachzeichnen. Beide handeln über den amor carnalis, die fleischliche Liebe. Die fleischliche Liebe schließt die zwischenmenschliche Liebe und auch die sexuelle Lust ein. Sie meint aber weit mehr. Amor carnalis bezeichnet jegliches Begehren, das vom Fleisch und damit von der irdisch-körperlichen Existenz des Menschen ausgeht und das sich auf das Irdische richtet.

Bernhard von Clairvaux ist ein Meister in der Schilderung innerer Vorgänge. In unverkennbar poetischen Formen beschwört er die Facetten der Leidenschaft, in der der Mensch in Liebe entbrennt - sei es zu den Dingen dieser Welt, sei es zu Gott. Der amor carnalis als Liebe zu allem Irdischen, auch zum anderen Menschen, ist bei ihm der Stachel im Fleisch. Er ist wichtig, denn er heizt das Begehren an, das den Menschen schließlich zu Gott führt. Doch grundsätzlich ist er zu überwinden und mit ihm die gesamte Bindung des Menschen an das Irdische. Die Welt hat damit lediglich den Wert der Vorläufigen.

Petrus Abaelard dagegen geht deutlich nüchterner an das Thema heran. Er bemüht sich um Begriffsklärungen. Sein Zugang ist ethisch motiviert. Seiner Definition nach ist Liebe prinzipiell altruistische Liebe, die das Wohl des geliebten Anderen will und den eigenen Nutzen vernachlässigt. In dieser wahren Liebe soll der Mensch Gott gegenüber handeln, aber auch dem anderen Menschen gegenüber.

Der amor carnalis, insofern er sich auf den anderen Menschen bezieht, ist kein Übergangsstadium, sondern eine legitime Verwirklichung der Gottesliebe. Korrelierend hat die irdische Welt insgesamt bei Abaelard ihren Wert in sich selbst. In unterschiedlicher Weise kommt so in den Schriften Abaelards und Bernhards zum Tragen, was gegenwärtiger systematischer Theologie weitgehend abhanden gekommen ist: eine Sensibilität für die Affektivität und Körperlichkeit des Menschen.

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