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Die "Venus von Willendorf" anl. der Eröffnung des Venusiums am Freitag, 8. August 2008 in Willendorf

Geschlecht: Seit der Steinzeit eine Konstruktion

Die Unterscheidung zwischen weiblich und männlich war bereits in der jüngeren Altsteinzeit von Bedeutung. Doch diese Rollen sind Konstrukte und damit teilweise austauschbar, sagt der Archäologe und Anthropologe Timothy Taylor. So schlüpft der Brite für seine Vorträge auch schon einmal in Frauenkleider.

Anthropologie 07.01.2013

Der Professor für Urgeschichte des Menschen an der Uni Wien wehrt sich gegen essenzialistische Betrachtungen. In einem science.ORF.at-Interview fordert er, den Menschen in der Archäologie als kulturell geprägtes Artefakt zu betrachten.

science.ORF.at: Sie führen diese Unterhaltung heute als Timothy Taylor - und nicht als Krysztina Tautendorfer, Ihrem Alter Ego.

Zur Person:

Porträtfoto des Anthropologen Timothy Taylor

Sarah Wright

Timothy Taylor ist seit 1. November 2012 Professor für Urgeschichte des Menschen an der Universität Wien. Zuvor lehrte er an der University of Bradford (UK). Seine Forschungsschwerpunkte sind u.a. archäologische Geschichte wie auch Gender und Identitäten. Gemeinsam mit seiner Ehefrau leitet Taylor das "Journal of World Prehistory" und übersetzte "Salz-Reich: 7000 Jahre Hallstatt" ins Englische. Er verfasst zudem populärwissenschaftliche Bücher ("The Prehistory of Sex", "The Buried Soul", "The Artificial Ape").

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Timothy Taylor: Ja. (lacht)

Beide sind Wissenschaftler. Warum haben Sie ein weibliches Alter Ego entwickelt?

Als prähistorischer Archäologe beschäftige ich mich schon lange auch mit Gender-Aspekten und Identitäten. Es gibt viele, die darüber theoretisch reden. Aber sie handeln nicht danach. Im Englischen sagt man: "They talk the talk, but they don’t walk the walk."

Worum geht es Ihnen dabei?

Als grundsätzlicher Essenzialismus gilt meist das biologische Geschlecht. Aber der Mensch wird vor allem auch von seiner Umwelt und Kultur geprägt. In diesem Sinn ist der Mensch konstruiert. Und das Geschlecht darf nicht nur biologisch, sondern muss vor allem auch kulturell betrachtet werden.

Was bedeutet für Sie demnach Gender?

Ich würde sagen: Gender ist die Konzeptualisierung von Unterschieden, die man wahrnimmt. Es ist eine Reflexion, dass etwa eine Person ein Kind bekommen kann oder nicht. Dabei kreieren Kulturen unterschiedliche Gender-Klassifizierungen.

In Papua Neuguinea etwa gibt es ein indigenes Volk, die Hua. Sie haben zwar auch zwei Kategorien. Doch in der einen Gruppe sind alle Kinder, gebärfähige Frauen und alte Männer. In der anderen die geweihten Jungen, Krieger und Frauen, die mehr als drei Kinder bekommen haben bzw. nicht mehr fruchtbar sind.

Man glaubt an "Nu" als das weibliche Element. Wenn Jungen zu Männern werden, verlieren sie das Nu. Und wenn Frauen Geburten austragen, verlieren sie auch Nu. Alte Männer haben hingegen so viel von Frauen zubereitetes Essen zu sich genommen, dass sie wieder Nu gewonnen haben. Das ist eine andere Gender-Klassifizierung.

Seit wann spielen Gender-Aspekte in der Menschheitsgeschichte eine Rolle?

Schon früh. Ein Beispiel ist die Venus von Willendorf. Für uns ist klar, dass sie eine Frau ist. Das ist eine Projektion von Gender-Kategorien. Und diese gab es auch im mittleren Jungpaläolithikum - einer Periode, von der wir wissen, dass die Gruppen bereits größer waren als zuvor: aus den kleinen Gruppenverbänden von etwa 30 Personen wurden größere und komplexere Gesellschaften mit rund 150 Mitgliedern. Innerhalb der kleinen Gruppen kannten sich die Menschen noch namentlich. Das war bei den größeren Gesellschaften zwischen 28.000 und 21.000 Jahren vor Christus nicht mehr möglich.

Genau in dieser Periode wurden nur weibliche Statuetten - wie die Venus von Willendorf - hergestellt. Es scheint, als hätte es ein Verbot gegeben, ähnliche Statuetten von Männern zu machen. Und das bedeutet eine erste Kategorisierung von Gender. Wenn man früher sagte: "Hier kommt Tim oder Krysztina", so hatte man in komplexeren Gesellschaften zum ersten Mal die Möglichkeit zu sagen: "Hier kommt ein Mann oder eine Frau." Entsprechende Symbole wurden verwendet, vergleichbar mit den modernen Symbolen auf Toilettentüren. So etwas hat es also schon damals als abstraktes Konzept gegeben.

Wird seine Relevanz überschätzt?

Ich will dies nicht kritisieren, sondern nur auf das Problem aufmerksam machen. Sigmund Freud hat einstmals gemeint, wenn man in ein Zimmer hineingehe, bemerke man zuerst, ob der Mensch weiblich oder männlich ist. Ich würde sagen: Das stimmt nicht. Freud hat das Geschlecht als Hauptkategorie gesehen. Wenn ich in ein Zimmer gehe, sehe ich nicht Mann oder Frau, sondern den Studierenden bzw. die Studierende, das Kind etc. Darum geht es auch Krysztina Tautendorfer.

Sie beziehen sich in Ihrer Arbeit auch immer wieder auf Wittgenstein und kritisieren den Essenzialismus.

Ja. Ich war beispielsweise als Krysztina Tautendorfer in der "Serpentine Gallery" für einen Vortrag (hier das Video). So hat auch Michael Stipe (ehemals Sänger von R.E.M., Anm.) mit ihr gesprochen. Ich habe zu ihm gesagt: "Morgen kommt Tim Taylor, mein männliches Alter Ego." Und so geschah es dann auch.

Dinge können auch keine Bedeutung haben. Das hat auch Wittgenstein gemeint. Wenn man in zwei Teile geschnitten wird, steht nicht darauf, wer man ist. Viele denken, in einem Mensch steckt dessen Identität: der Beamte, der Archäologe etc. Je tiefer man gräbt, desto realer wird es. Mein Ansatz ist umgekehrt: Die Oberfläche ist, was am realsten ist. Es geht nur darum, in welche Rolle wir gerade schlüpfen.

Wie ist das auf die Archäologie übertragbar?

Es gibt Leute, die Menschenknochen mit essenzialistischen Merkmalen belegen. Sie sagen, die Knochen seien die Identität. Ich sehe aber meine Knochen nicht als meine Identität.

In der Archäologie ist es notwendig, den menschlichen Körper stärker als kulturell geprägtes Artefakt anzusehen. Das will ich in den nächsten Jahren in Wien auch tun. Dies ist der Versuch, die naturwissenschaftliche Anthropologie, die den Menschen vor allem als biologisches Wesen betrachtet, und die geisteswissenschaftliche Archäologie zusammenzuführen. Sie gehören zusammen: Eben weil der menschliche Körper ein Material ist, das durch Lebensregeln - auch beabsichtigt - modifiziert worden ist.

Ein Beispiel?

Ich habe vor einigen Jahren mit Andrew Wilson einen Artikel publiziert. Es ging damals um eine in einem Inka-Schrein gefundene Mumie: ein zwölfjähriges Mädchen. Sie ist mit zwei weiteren Kindern in rund 6.700 Meter Höhe am Gipfel des Volcán Llullaillaco in Argentinien entdeckt worden. Wir haben ihr Kopfhaar und Haare in ihrer Brusttasche analysiert. Mit Isotopenanalysen konnten wir feststellen, was sie gegessen hat.

Schöne Kleidung und Schmuck sprachen dafür, dass sie zum Todeszeitpunkt einen hohen Status hatte. Aber bis ein Jahr vor ihrem Tod war sie eine Person niedrigerer Stellung: Damals hatte sie nicht viel Fleisch und Kukuruz gegessen. Zwölf Monate vor ihrem Tod nahm sie plötzlich Fleisch und Kukuruz zu sich. Zum Todeszeitpunkt minus sechs Monate ist ihr Haar geschnitten worden. Es begann wohl die Vorbereitung auf das Opferritual der Inka: der Capacocha-Ritus. In einer aktuellen Studie analysieren wir nun die Mumie auf Spuren von Koka und Alkohol.

Das zeigt, dass der Körper ein Artefakt ist, in zweifacher Hinsicht. Es geht nicht nur darum, den Essensplan nachzuzeichnen, sondern auch das alte Ritual in seiner zeitlichen Auflösung.

Sie vertreten immer wieder provokante Thesen. In Ihrem letzten Buch, "The Artificial Ape" skizzieren Sie, wie der Mensch in seiner Abhängigkeit von Technologien zu sehen ist: als ein schwaches, biologisch unvollkommenes Wesen.

Der Mensch ist heute in der Natur nicht mehr lebensfähig. Wir brauchen ein Messer statt harter Fingernägel. Unser Skelett hat in den vergangenen 30.000 Jahren mehr als 15 Prozent von der Robustheit verloren. Wir sind biologisch betrachtet Erben der kulturellen Entwicklung.

Was wird Thema Ihres nächsten Buches?

Es wird ein Angriff auf den Essenzialismus, basierend auf Wittgensteins Ansichten. "The Artificial Ape" lieferte quasi den evolutionären Hintergrund. Nun will ich darüber schreiben, wie wir uns selbst konstruiert haben - prähistorisch und heute, nämlich im Leben und Tod. Es wird auch um Gender und Identität gehen. Doch es wird noch einige Zeit dauern, bis das Buch erscheinen wird. Ich bin gerade erst am Anfang.

Interview: Lena Yadlapalli

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