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Weißkehlammer auf einem Baum

Musik in ihren Ohren

Schöne Musik erzeugt angenehme Gefühle. Einer Studie zufolge gilt das nicht nur für Menschen. Im Gehirn weiblicher Singvögel, die dem Gesang eines potenziellen Geschlechtspartners lauschen, lassen sich demnach vergleichbare Reaktionen messen.

Singvögel 27.12.2012

Bei Männchen derselben Art ist allerdings das Gegenteil der Fall. Der Gesang ihrer Konkurrenten klingt für sie wohl eher wie schlechte Musik, denn er erzeugt ähnlich unangenehme Gefühle.

Gefiederte Musiker?

Die Studie in

"Birdsong: is it music to their ears?" von Sarah E. Earp and Donna L. Maney.

Kann man bei Vogelgesang von Musik sprechen? Diese Frage beschäftigt Forscher schon länger. Bereits Darwin ging davon aus, dass Musik und Vogelgezwitscher ähnliche Funktionen sowie denselben evolutionären Ursprung haben.

Auch in struktureller Hinsicht gibt es einige Argumente, die für die Musik-These sprechen, z.B. die klangliche Struktur sowie der Rhythmus der Vogellieder. Zudem ist der Gesang der Tiere sehr variantenreich, meist weit über die Funktionalität hinaus, und ändert sich über Zeit und Raum, sodass man ihm durchaus eine gewisse Kreativität zubilligen könnte, was ebenfalls für eine Nähe zur Musik spricht.

Sarah E. Earp und Donna L. Maney nähern sich der Diskussion von einer anderen Seite, nämlich von der des eigentlich adressierten Hörers: den anderen Artgenossen. In ihrer Studie haben die Forscherinnen nun untersucht, was der Gesang bei diesen bzw. in deren Gehirn auslöst und ob diese Reaktion jener des Menschen beim Musikhören ähnelt.

Vom Gesang angezogen

Was im menschlichen Gehirn beim Hören passiert, ist mittels bildgebender Verfahren bereits recht gut untersucht. Angesprochen wird unter anderem das mesolimbische System, auch als positives Belohnungssystem bekannt, hier werden angenehme Gefühle wie Freude verortet.

Auf der Verhaltensebene gibt es bereits einige Indizien, dass Musik auch bei Vögeln etwas Ähnliches auslöst. Studien haben z.B. gezeigt, dass sich unter anderem Stare und Zebrafinken der Schallquelle nähern, wenn man den Gesang versteckt abspielt - besonders die weiblichen Tiere reagieren so auf die Lieder ihrer männlichen Artgenossen.

Untersuchungen im Vogelhirn sind allerdings schwierig, weil dieses in der Regel recht winzig ist. Bildgebenden Verfahren sind aus diesem Grund kaum einsetzbar. Daher haben die Forscherinnen die Aktivität für ihre Studie indirekt gemessen. Auf Basis der Aktivierung sogenannter "Immediate early genes", die knapp nach der Stimulation einer Zelle stattfindet. Daran lässt sich ablesen, welche Neuronen und welche Gehirnregionen aktiviert werden.

Geschlechtsunterschiede

Anhand dieser Marker haben die Forscherinnen nun erhoben, wie weibliche und männliche Weißkehlammern auf den Gesang männlicher Artgenossen reagieren. Diese Vogelart produziert ausgesprochen musikalisch klingende Lieder. In der brutfreien Saison singen Männchen wie Weibchen, um Dominanzverhältnisse zu regeln. In der Fortpflanzungszeit verändert sich aber der Klang im Ohr beider Geschlechter. Bei weiblichen und männlichen Tieren ist er offenbar Teil des Vorspiels, bei Männchen führt er mitunter zu territorialen Zwitscher-Kämpfen. Daher vermuteten die Forscherinnen, dass der Gesang nur bei Weibchen positive Gefühle auslöst.

Das dürfte auch etwas mit der Hormonlage zu tun haben, denn nur wenn die weiblichen Vögel bereit für eine Befruchtung sind, reagieren sie entsprechend auf die einschmeichelnden Klänge. Bei den Männchen begünstigt ein hoher Testosteronspiegel gesangliche Auseinandersetzungen. Um auch diesen Zusammenhang zu untersuchen, wurden manche der untersuchten Tiere zusätzlich hormonell behandelt, bevor sie dem Gesang von 14 verschiedenen männlichen Weißkehlammern aus der Konserve lauschen durften.

Gemeinsame Wurzeln

Die Untersuchung der Proteinprodukte bestätigte die Vermutung der beiden Forscherinnen. Tatsächlich variierte die neuronale Reaktion abhängig von Geschlecht und Hormonlage. Bei Weibchen, die zur Befruchtung bereit waren, zeigten sich Reaktionen in Bereichen, die mit dem menschlichen mesolimbischen System nahe verwandt sind. Hier werden Belohnungsgefühle verortet. Bei Männchen waren vor allem Reaktionen in der Amygdala messbar, ähnliche Muster finden sich bei Menschen, die unangenehme oder beängstigende Musik hören.

Die Verwendung vergleichbarer Schaltkreise legt den Forscherinnen zufolge die Vermutung nahe, dass durch Musik uralte Gefühlsreaktionen ausgelöst werden, die sowohl bei Menschen als auch bei Vögeln noch vorhanden sind. Wie das Vogelgezwitscher habe auch Musik wichtige soziale Funktionen, sie erleichtere Kontakte, stärke den Zusammenhalt und drücke Emotionen aus. Das reicht laut den Autorinnen zwar vermutlich nicht aus, Vogelgesang als Musik zu bezeichnen. Dennoch spreche einiges dafür, dass beide gemeinsame Wurzeln haben.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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