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Auf einem Siegertreppchen steht ein Männchen, das gesiegt hat.

Unirankings: Einflussreich und umstritten

Internationale Unirankings gewinnen immer mehr Einfluss auf politische Entscheidungen. Gleichzeitig werden die Ranglisten immer umstrittener, erste Universitäten verweigern bereits die Teilnahme. Die EU wird mit "U-Multirank" Ende Jänner erstmals ein eigenes Uni-Ranking präsentieren.

Bewertung 11.01.2013

U-Multirank soll durch ein breiteres Spektrum an Leistungsindikatoren ein besseres und realistischeres Bild von den Hochschulen geben.

Politischer Einfluss

Vor allem die drei größten internationalen Unirankings wurden von der Politik zuletzt als Gradmesser für die Qualität von Hochschulen hergenommen - mit teils weitreichenden Folgen: In Indien dürfen die führenden Unis laut einem Beschluss der nationalen Förderkommission vom vergangenen Sommer nur noch dann Kooperationen mit ausländischen Hochschulen eingehen, wenn diese beim THE- bzw. Shanghai Ranking unter den Top 500 landen. Akademiker, die sich unter dem Titel "hochqualifizierter Wissensarbeiter" in den Niederlanden niederlassen wollen, müssen ihren Master oder PhD an einer Uni absolviert haben, die es jüngst unter die Top 200 des THE, QS oder Shanghai Ranking geschafft hat.

In Russland wurde zuletzt die Anerkennung der Abschlüsse von rund 200 Universitäten beschlossen, die Auswahl war zum Großteil von deren Abschneiden bei den internationalen Rankings bestimmt; auch Stipendien für Auslandsstudien gibt es nur, wenn diese an einer Uni mit gutem Rankingergebnis absolviert werden. Und in Brasilien werden die ausländischen Hochschulpartner für 100.000 Stipendiaten des Programms "Wissenschaft ohne Grenzen" ebenfalls nach deren Abschneiden bei Rankings ausgewählt. In Österreich sind hingegen weder die Vergabe von Mitteln noch Kooperationen oder Stipendien mit dem Abschneiden bei Rankings verbunden, betont man im Wissenschaftsministerium.

Wachsende Kritik

Mit dem Einfluss der Ranglisten wächst auch die Zahl der Kritiker: Die Rektoren von 65 Unis in 14 lateinamerikanischen Ländern haben zuletzt an die Politik appelliert, Ranking-Ergebnisse nicht zur Bewertung der Leistung von Hochschulen, Planung von Hochschulpolitik oder als Grundlage für die Budgetverteilung heranzuziehen.

Die European University Association (EUA) hat bereits 2011 in einer Studie die Aussagekraft von weltweiten Uni-Vergleichen infrage gestellt: Aufgrund der laut EUA wenig transparenten Methodik mit ihrem Schwerpunkt auf Forschung, vor allem in Naturwissenschaften, Medizin und Technik, werde dabei nur ein Bruchteil der weltweit 16.500 Unis überhaupt berücksichtigt - der Rest bleibe unbemerkt. Inwiefern Rankings die Entscheidungen der Hochschulen selbst beeinflussen, lässt die EUA bis Anfang 2015 in einer eigenen Studie erheben.

Sogar die Autoren der Rankings selbst rufen zu einem zurückhaltenderen Umgang mit den Ergebnissen auf: Phil Baty etwa, Herausgeber des einflussreichen THE Rankings, fordert einen ehrlichen Umgang mit deren Schwächen wie Stärken. "Alle weltweiten Ranglisten sind per se simplifizierend, da sie Universitäten und all ihre verschiedenen Aufgaben und Stärken auf eine einzige Gesamtnote reduzieren." Dadurch könne auch kein solches Ranking jemals vollständig oder objektiv sein.

Unis steigen aus

"Simplifizierende Rankings sind irreführend und gefährlich", schrieb auch Frank Ziegele, als Geschäftsführer des Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) selbst für ein Uni-Ranking im deutschsprachigen Raum verantwortlich, jüngst über die bestehenden weltweiten Bestenlisten. Er bewirbt stattdessen "U-Multirank", an dessen Konzeption das CHE beteiligt war und das sich laut Ziegele das hauseigene Ranking mit einem Ampelsystem nach 18 Kriterien zum Vorbild nimmt.

Allerdings ist das CHE in den vergangenen Monaten selbst vermehrt unter Druck geraten: Mehrere deutsche Wissenschaftsverbände - darunter Chemiker, Historiker und Soziologen - haben ihren Mitgliedern geraten, wegen methodischer Mängel und Effekthascherei nicht mehr an dem Ranking teilzunehmen, die Uni Leipzig ist ebenfalls ausgestiegen, die Uni Köln bereits vor einem Jahr. Aus Österreich nehmen nach Kritik an der Methodik durch die heimische Qualitätssicherungsagentur AQA bereits seit 2008 nur noch vereinzelt Hochschulen teil.

Und auch für das "Handelsblatt"-Ranking für den deutschsprachigen Raum gab es zuletzt einen Boykottaufruf in einem von Hunderten Professoren unterzeichneten offenen Brief. Die Uni Hamburg hat kurzum beschlossen, künftig an keinerlei Rankings mehr teilzunehmen - wegen des großen Verwaltungsaufwands für Datenanfragen und methodischer Mängel.

Bewertung gegen Geld

Unterdessen versucht QS ein neues Geschäftsfeld zu erschließen: Seit 2010 können sich auch jene, die nicht zur Spitzengruppe der Forschungsunis gehören, mit einer Bewertung des Ranking-Anbieters QS schmücken - und zwar gegen Bares. Möglich macht es das Evaluierungsverfahren "QS Stars", bei dem die Unis nach rund 50 Kriterien aus insgesamt acht Bereichen wie Forschung, Lehre oder Internationalisierung bewertet werden. Für jeden der acht Bereiche werden bis zu fünf Sterne vergeben, dazu kommt ein Gesamtranking und eine Hervorhebung des Schwerpunkts der Uni. Fast 100 Unis aus 26 Ländern haben sich die auf drei Jahre befristete Auszeichnung geleistet, die Kosten liegen bei 22.000 Euro für das erste Jahr und jeweils knapp 9.000 Lizenzkosten im zweiten und dritten Jahr.

Aus der Fachwelt erntet QS Kritik für Angebote wie die Sterne-Audits. "QS nutzt Rankings, um seine anderen Produkte zu verkaufen", wird Philip Altbach, Direktor des Center for International Education am Boston College, in der "New York Times" zitiert. Er wolle QS nicht vorwerfen, dass die Sterne "erkauft" werden können - "aber der Anschein eines Interessenkonflikts ist schon da".

science.ORF.at/APA/

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