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Blumen auf einer Almwiese, im Hintergrund Berge.

Genvielfalt gegen Klimawandel

Die genetische Vielfalt ist der Schlüssel zur Erzeugung von Pflanzen, die gegen Stressfaktoren wie dem Klimawandel resistent sind und höhere Erträge bringen. Diese Ansicht vertrat der Experte Shakeel Thomas Bhatti gestern bei einer Veranstaltung der Universität für Bodenkultur Wien.

Botanik 11.01.2013

Bhatti ist Leiter des Internationalen Vertrags über pflanzengenetische Ressourcen (ITPGRFA) von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und Gastlektor an der Boku. Der Vertrag wurde 2001 als Reaktion auf die zunehmende Monopolisierung der Saatgutzucht und den steigenden Bedarf an Nahrungsmittel ins Leben gerufen.

Mit dem Vertrag verpflichten sich 126 Staaten, darunter seit 2005 auch Östereich, und die Europäische Union bestimmtes Genmaterial, also Saatgut, zu erhalten und auszutauschen. Bisher wurden 1,6 Mio. biogenetische Proben dokumentiert, gesammelt sind jedoch schon viel mehr, berichtete Bhatti.

Zu den wichtigsten Partnern zählen öffentliche Institutionen in den Entwicklungsländern, die mit 30 Prozent der gesammelten Genressourcen den größten Anteil stellen, und Einrichtungen in den entwickelten Ländern sowie die Zentren der Beratungsgruppe für Internationale Agrarforschung (CGIAR). Seit 1920 wird weltweit genetisches Material gesammelt, in den 1980er Jahren kam diese Tätigkeit jedoch wegen Rechtsunsicherheiten ins Stocken, erst mit dem Vertrag wurde Rechtssicherheit wieder hergestellt.

Für Ernährungssicherheit

Die Bedeutung von pflanzengenetischen Ressourcen steigt aus mehreren Gründen, erklärte Bhatti: Der Klimawandel werde die Bedingungen für Pflanzen erheblich verändern - durch Züchtung können sie an diese Änderungen angepasst werden. Es geht also nicht nur um Konservierung von Sorten, sondern um die Erhaltung der Vielfalt. Zudem müsse zur Sicherung der Ernährung der bis 2050 auf mehr als neun Milliarden Menschen angewachsenen Weltbevölkerung die Produktion um 70 Prozent gesteigert werden, sagte Bhatti. Auch hier sei die Vielfalt an genetischem Material wichtig, um Sorten mit höherem Ertrag zu züchten.

Christian Vogl vom Boku-Institut für Ökologischen Landbau empfahl bei der Argumentation mit Ernährungssicherheit "Vorsicht walten zu lassen": "Der Hunger in der Welt ist zum Großteil von Faktoren bestimmt, die nicht mit Pflanzenzucht in Verbindung stehen." Hermann Bürstmayr vom Institut für Biotechnologie in der Pflanzenproduktion forderte angesichts der Dominanz von Konzernen "ein System, das kleine und mittlere Saatgutzucht-Betriebe am Leben lässt. Viele Player sorgen für ein stabileres System."

Beate Koller, Geschäftsführerin des Vereins Arche Noah, der sich der Bewahrung von regionaler Kulturpflanzenvielfalt widmet, kritisierte den Vertrag: "Nach diesem Modell haben die kleinen bäuerlichen Betriebe nur mehr eine Generhaltungsfunktion." Dabei würden genau diese Betriebe die Welt ernähren. Insgesamt stelle der Vertrag eine positive Entwicklung dar, allerdings, fürchtet Koller, sei er unterdotiert.

science.ORF.at/APA

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