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Porträt Christoph Martin Wieland, Kopie von Anna Gerhardt, 1941, nach einem Bildnis im Kirms-Krakow-Haus Weimar, das wiederum eine Kopie nach Ferdinand Jagemann ist

Gegen religiöse und andere Dummheiten

Christoph Martin Wieland war eine der zentralen Gestalten des kulturellen Lebens im Deutschland des 18. Jahrhunderts. Vor allem bekämpfte er den politischen und religiösen Dogmatismus und die menschliche Dummheit in ihren unzähligen Facetten. Am 20. Jänner ist der 200. Todestag des Schriftstellers und Philosophen.

Christoph Martin Wieland 18.01.2013

Wie Immanuel Kant plädierte Wieland dafür, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und nicht kritiklos die vermeintlichen Wahrheiten von religiösen oder politischen Ideologien zu übernehmen.

Vielseitiger Intellektueller

Wieland war vielseitig: Schriftsteller, Philosoph, Hauslehrer, Kanzleiverwalter, Prinzenerzieher und auch Landwirt. Er verfasste Gedichte, Singspiele, Versepen, Romane, Novellen und zahlreiche Essays zur Ästhetik und zur Kulturgeschichte. Er übersetzte 22 Theaterstücke von Shakespeare und fungierte als Herausgeber der Kulturzeitschrift "Teutscher Merkur". Er betonte die Bedeutung der Pressefreiheit und sprach sich für die Emanzipation der Frauen aus.

Im Vordergrund steht Wielands Engagement für ein von Toleranz und Mitgefühl geprägtes Verhalten gegenüber den Mitmenschen. Er fühlte sich - im Gegensatz zu den bornierten Nationalisten und Patrioten - als Kosmopolit, der sich für eine "Weltbürger-Gesellschaft" einsetzte. Wielands Leben und Werk zeichnen sich durch einen "gelassenen Humanismus" aus, den er humorvoll vertrat.

Biografie:

Geboren wurde Christoph Martin Wieland als Pfarrerssohn am 5. September 1733 in einem oberschwäbischen Dorf nahe Biberach. Durch die Lektüre französischer Philosophen wie Pierre Bayle oder Voltaire löste er sich allmählich von dem christlichen Gedankengut und wurde Senator und Kanzleiverwalter in Biberach. Die Zeit in Biberach nützte Wieland, um seine ersten Bücher zu veröffentlichen, mit denen er bald großen Erfolg hatte; vor allem mit dem Roman "Geschichte des Agathon".

Auf das Zwischenspiel als Kanzleiverwalter, folgte Wieland 1769 einer Berufung als Professor für Philosophie an der Universität Erfurt. Er fand es als Befreiung, von seiner wenig geliebten Heimatstadt loszukommen. 1774 begann Wieland mit der Publikation des vierbändigen Romans "Geschichte der Abderiten", in dem er den Schildbürgern von Biberach ein unrühmliches Denkmal setzte.

Nach seiner philosophischen Lehrtätigkeit an der Universität Erfurt berief die Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar im Jahr 1772 Wieland zur Erziehung ihrer beiden Söhne nach Weimar. In dieser Zeit widmete sich Wieland ganz seiner schriftstellerischen Arbeit als Kritiker, Aufklärer und Übersetzer. Außerdem konnte er - nach französischem Vorbild - die Idee einer eigenen literarischen Zeitschrift verwirklichen, die den Namen "Der Teutsche Merkur" erhielt. Am 20. Januar 1813 starb Wieland an den Folgen einer Erkältung. Die Inschrift des Grabsteines lautet: "Liebe und Freundschaft umschlang die verwandten Seelen im Leben und ihr Sterbliches deckt dieser gemeinsame Stein".

Porträt von Christoph Martin Wieland, eine Kopie von Anna Gerhardt, 1941, nach einem Bildnis im Kirms-Krakow-Haus Weimar, das wiederum eine Kopie nach Ferdinand Jagemann ist;

Das Gleimhaus, Halberstadt. Foto: Ulrich Schrader

Porträt Christoph Martin Wieland, Kopie von Anna Gerhardt, 1941, nach einem Bildnis im Kirms-Krakow-Haus Weimar, das wiederum eine Kopie nach Ferdinand Jagemann (1780-1820) ist.

Ö1 Sendungshinweis:

"Ein Stern erster Größe": Zum 200. Todestag des Schriftstellers und Philosophen Christoph Martin Wieland. Eine Sendung von Nikolaus Halmer, Salzburger Nachtstudio, 16.1, 21 Uhr

Links:

Buchtipps:

Christoph Martin Wieland: Wielands Werke. Oßmannstedter Ausgabe
Herausgegeben von Klaus Manger und Jan Philipp Reemtsma, de Gruyter Verlag

Einzelne Werke Wielands:
Geschichte des Agathon, Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch
Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva. Erste Fassung, Reclam Verlag
Musarion oder Die Philosophie der Grazien, Reclam Verlag
Menander und Glycerion - Ein Liebesroman in Briefen, Insel Verlag
Geschichte der Abderiten, Reclam Verlag
Agathodämon, Insel Verlag

Sekundärliteratur:
Jutta Heinz (Hrsg): Wieland Handbuch, Leben - Werk - Wirkung, J.B. Metzler Verlag
Michael Zaremba: Christoph Martin Wieland. Aufklärer und Poet. Eine Biografie, Böhlau Verlag

"Geschichte der Abderiten"

Ein Beispiel für die heitere Gelassenheit Wielands ist sein vierbändiger Roman "Geschichte der Abderiten", den er 1774 publizierte. Dieses satirische, gesellschaftskritische Buch versammelt eine Abfolge von absurd anmutenden Geschichten, die in der griechischen Kleinstadt Abdera spielen.

Dieser Ort ist für Wieland ein Synonym für ein kleinstädtisches Ambiente, in dem Philistertum, Stumpfsinn und Borniertheit herrschen. "Nirgends findet man eingeschränktere Seelen, härtere Köpfe, und kältere Herzen als in Kleinstädten", notierte Wieland.

Dummheit, Demagogi und Manipulation finden sich nicht nur im Alltagsleben einer Provinzstadt, sondern auch in der verwalteten Religion, wie die Geschichte von den Fröschen illustriert, in der die Profitgier von Priestern persifliert wird. Es geht dabei um Frösche, die als heilige Tiere der Schutzgöttin Latona verehrt werden.

Eine religiöse Fröscheplage

Der Oberpriester Agathyrsus kommt nun auf die Idee, einen eigenen öffentlichen Froschgraben auszuheben, der mit großem Pomp eingeweiht wurde. Diese göttliche Inspiration macht den Priester zum "Abgott des Volks"; die Bürger von Abdera fühlen sich ebenfalls inspiriert und legen in ihren Gärten Froschteiche an.

"Wer sich bei diesem Enthusiasmus am besten befand, waren die Priester des Latonentempels", schreibt Wieland. "Denn ungeachtet sie den Laich aus dem heiligen Teiche sehr wohlfeil verkauften, so wollte doch jemand berechnet haben, dass sie in den ersten zwei bis drei Jahren, da die Schwärmerei am wirksamsten waren, eine beträchtliche Summe dabei gewonnen hätten."

An die Folgen dachte freilich niemand. Die ungehemmte Vermehrung der Frösche führte zur Ausbreitung von zahlreichen Krankheiten, über die zahlreiche Dispute geführt werden.
Die Groteske endet so, dass die Bewohner von Abdera vor der Fröscheplage, die ihnen die Priester eingeredet haben, kapitulierten. Sie verließen ihre Heimat und beschlossen, eine neue Stadt zu gründen. Das Fazit Wielands lautet: "Abdera ist überall".

Götter, Erfindungen der Priester

In seinem Roman "Aristipp" verstärkte Wieland seine Religionskritik. Als Sprachrohr diente ihm der Atheist Diagoras. Der Philosoph Aristipp - der zentrale Protagonist des Romans - sucht ihn auf und fragt, welche Gründe ihn zu seinem radikalen Atheismus bewogen haben. Darauf antwortet Diagoras, dass er schon von Jugend an den starken Drang verspürte, den geheimnisvollen Schleier von religiösen Mysterien zu lüften.

Dabei entdeckte er, dass "Götter und Priester Synonyme sind, schlaue Erfindungen, mit denen Priester sich die Herrschaft über die Menschen gesichert haben". Eine Frage bewegt Diagoras besonders:

"Ich frage mich, wie es möglich ist, dass bei der unendlichen Menge von Initiierten es noch einen vernünftigen Menschen geben kann, der sich durch so ein grobes Gewebe von Betrug Gaukelei, Kindermärchen und Kinderpossen, wie die Religion unserer Väter ist, noch einen Augenblick täuschen lassen kann."

Gegen die "Hirnspinnweben" Kants …

Gegen den Verblendungszusammenhang der Religionen plädierte Wieland für die emanzipatorische Rolle des philosophischen Denkens, das er keineswegs mit der damals sich entfaltenden akademischen Fachphilosophie gleichsetzte. Zwar beschäftigte sich Wieland zeit seines Lebens mit der antiken und zeitgenössischen Philosophie, hatte aber nicht den Ehrgeiz, daraus ein eigenständiges System zu entwickeln.

Er befand sich im eklatanten Widerspruch zum damaligen "Starphilosophen" Immanuel Kants, dessen theoretisch höchst anspruchsvolle Philosophie er despektierlich als "philosophischen Zauberpalast" bezeichnete, der von "unbrauchbaren Hirnspinnweben" bevölkert sei. Weiters ortete Wieland einen "Willen zum System", den er nicht nachvollziehen könne.

… und den Jargon von Platon

Im Roman "Aristipp" findet sich noch eine weitere Kritik Wielands an einer philosophischen Tradition. Neben Kant attackierte er Platons Dialektik. Er warf Platon vor, ein theoretisches Wolkenkuckucksheim zu errichten. Die Philosophie verliere den Charakter des offenen Gesprächs, so Wieland, kümmere sich nicht um das Alltagsleben der Menschen, wie das etwa Sokrates noch getan habe.

Sie sei nur mehr etwas für Fachleute und entwickle einen eigenen Jargon, der erst erlernt werden müsse. Die einschüchternde Autorität der philosophischen Fachsprache sei für das Projekt der Aufklärung kontraproduktiv; sie sei der Intention, Bildung möglichst breit zu vermitteln, entgegengesetzt.

Einig mit Wittgenstein und Rorty

Der Philosoph Wieland war sich mit seinen Kollegen Ludwig Wittgenstein und Richard Rorty darüber einig, dass die Philosophen Probleme aufwerfen, die sie selber schaffen. Die Empfehlung der drei Querdenker lautet, diese Scheinprobleme zu ignorieren oder, wie es Richard Rorty in Gesprächen oft getan hat, mit einem bloßen Achselzucken zu reagieren.

"Denn ich gestehe, dass die Frage, was das höchste Gut des Menschen sei in meiner Vorstellung etwas Lächerliches hat und dass mir nie eingefallen wäre, sie könnte von weisen Männern in wirklichem Ernst aufgeworfen und beantwortet werden. Meine erste Frage bei jeder Aufgabe dieser oder ähnlicher Art ist: Was soll's?"

Realistische Einschätzung der Menschen

Wieland fühlte sich zeit seines Lebens den Idealen der Aufklärung wie Selbstdenken, Kritikfähigkeit und Skepsis gegenüber totalitären Religionen oder Ideologien verbunden. Dennoch war er sich durchaus bewusst, dass diese Ideale keineswegs Anliegen waren, die sich global durchsetzen würden. Schon Immanuel Kant wusste, dass der Mensch "aus krummen Holz" gemacht sei. Deshalb lautete Wielands Ratschlag:

"Das Letzte und Höchste zu wissen bleibt dem Menschen unerreichbar. Dafür möge er die Welt und nicht am wenigstens sich selbst mit leiser Ironie sehen. Was Natur und Schicksal gewähren, genieße er vergnügt und entbehre den Rest; nie geneigt, die Welt für ein Elysium oder für eine Hölle zu halten."

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

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