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Cannabis-Blatt

Kiffen macht dumm - oder doch nicht?

"Cannabis lässt IQ schrumpfen", hat eine Studie im August 2012 berichtet. Nun kritisiert ein norwegischer Forscher seine Kollegen heftig: Nicht der Cannabiskonsum habe den IQ kleiner werden lassen, sondern die sozialen und wirtschaftlichen Umstände des Lebens der Testpersonen.

Forscherstreit 15.01.2013

Der Effekt des Konsums könnte tatsächlich gegen null gehen. "Es wäre zu scharf zu sagen, dass die Ergebnisse der im August 2012 publizierten Studie gänzlich widerlegt wären. Aber es ist fair zu sagen, dass die Methodologie fehlerhaft und die Schlussfolgerungen vorzeitig gezogen wurden", schreibt Ole Rogeberg vom Ragnar Frisch Zentrum für Ökonomische Forschung in Oslo. Die Forscher wehren sich gegen die Kritik.

Die Studien:

Die ursprüngliche Studie erschien am 27.8.2012 unter dem Titel "Persistent cannabis users show neuropsychological decline from childhood to midlife" in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (doi: 10.1073/pnas.1206820109).

Die Kritik daran wird zwischen 14. und 18. Jänner 2013 unter dem Titel "Correlations between cannabis use and IQ change in the Dunedin cohort are consistent with confounding from socioeconomic status" ebenfalls in den PNAS erschienen (doi:10.1073/pnas.1215678110).

Unwiderrufliche Schädigung - wodurch?

"US-Forscher haben herausgefunden, dass Hanfkonsum das zentrale Nervensystem unwiderruflich schädigen und den Intelligenzquotienten (IQ) senken kann. Der IQ nimmt umso stärker ab, je früher die Menschen beginnen, Cannabis zu sich zu nehmen", stellten im August 2012 viele Medien fest (auch science.ORF.at mit diesem Beitrag). Madeline Meier von der Duke University und Kollegen schlossen in ihrer Studie zwar nicht aus, dass es noch andere Einflussfaktoren geben könnte. Den Rückgang des IQ führten sie aber auf "den neurotoxischen (Nervenzellen tötenden, Anm.) Effekt" des Rauschmittels zurück, der besonders für sich noch entwickelnde Gehirne im Jugendalter schädlich sei.

Der norwegische Ökonom Ole Rogeberg konnte diesen eindeutigen Zusammenhang nicht glauben und machte sich an die Überprüfung der Grundlagen der US-amerikanischen Studie. Zu allererst ging es ihm darum zu analysieren, wer eigentlich die Personen sind, die schon mit 13 Jahren mit dem Cannabisrauchen beginnen und bis zum Alter von 38 Jahren mehr als drei (laut eigenen Angaben) Phasen intesiven Konsums absolviert haben.

"Flynn Effekt"

Die Forscher um Madeline Meier fanden ihre Testpersonen über die Dunedin Cohort Study, bei der in Neuseeland 1.037 Personen vom Zeitpunkt ihrer Geburt 1972/73 bis zum Alter von 38 Jahren regelmäßig zu Gesundheitsaspekten befragt wurden. Die genaue Erfassung der Lebensumstände dieser Menschen und ihrer Familien lässt für Ole Rogeberg die Schlussfolgerung zu, dass überdurchschnittlich viele Kinder aus sozial schlechter gestellten Umgebungen den frühen Missbrauch des Rauschmittels angeben. Und das führt den norwegischen Forscher wiederum zur Frage nach dem Einfluss der Umgebung auf den Intelligenzquotienten.

An dieser Stelle bringt er den "Flynn Effekt" ins Spiel. Der neuseeländische Politikwissenschaftler James Flynn hatte in einer Reihe von Untersuchungen in den 1990er Jahren nachgewiesen, dass der mit standardisierten Tests messbare IQ in den Industrieländern kontinuierlich ansteige. Großteils wird dieser "Flynn Effekt" auf die Verbesserung der Umweltbedingungen zurückgeführt. Bessere Bildung, Ernährung und Gesundheitsversorgung würde dazu führen, dass die Menschen im Schnitt intelligenter werden - zumindest nach den Maßstäben des klassischen IQ.

Fördernde Umgebgung, höherer IQ

Forscher wehren sich:

Madeline Meier und Kollegen setzt sich unterdessen gegen die Kritik zur Wehr. In einer Stellungnahme betonen sie, dass selbst bei Reduktion ihrer Untersuchungsgruppe auf Mittelstandsfamilien der Intelligenz mindernde Effekt von Cannabis belegbar sei. Auch lasse sich die IQ-hebende Wirkung der Schule anhand ihrer Fallstudie nicht belegen.

Genau hier setzt Rogeberg an: "Eine fördernde und herausfordernde Umgebung führt bei Menschen dazu, dass ihr IQ steigt. Und ein höherer IQ wiederum führt dazu, dass Individuen beispielsweise im Bildungssystem für herausfordernde Wege ausgewählt werden", schreibt der Ökonom.

Im Fall sozial benachteiligter Kinder entstehe hingegen ein Teufelskreis. Er führe dazu, dass sich weder ihr IQ noch ihre Bildungschancen weiterentwickeln. Genau solche Menschen sind es aber, schreibt Rogeberg mit Hinweis auf mehrere Suchtstudien, die früh mit dem Drogenkonsum beginnen und sich in vielen Fällen mühsam oder gar nicht davon befreien können.

Im Fall der US-amerikanischen Studie gibt es laut Rogeberg mehrere Hinweise, dass genau dieser Effekt, und nicht der Cannabiskonsum selbst, zum beschriebenen Rückgang des IQ geführt habe: Besonders viel von ihrem IQ haben demnach Menschen verloren, die höchstens die High School abgeschlossen haben - im Vergleich dazu: Menschen mit höherer Schulausbildung und gleichem Konsumverhalten haben durch Cannabiskonsum nur halb so viel Intelligenz abgebaut. Bei den mittelmäßigen Cannabiskonsumenten zeigt sich das gleiche Bild: Wieder bauten jene mit der niedrigsten Ausbildung am meisten ab.

"Cannabiskonsum im Jugendalter ist eng mit Lebensumständen verbunden, die in vielen Fällen zu frühem Schulabbruch, Arbeitslosigkeit und auch Kriminalität führen", schreibt Ole Rogeberg. Dass der IQ-Rückgang auf soziale Umstände zurückzuführen sein könnte, könne aber auch sein Gutes haben, so der Forscher. Denn im Unterschied zu neurotoxischen Effekten könnte diese Abnahme durch gezielte Förderung bekämpft werden. Dazu wären allerdings andere politische Maßnahmen gefragt, als sie die derzeitige Drogenpolitik setzt.

Elke Ziegler, science.ORF.at

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