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Die Waage der Gerechtigkeit

Rehaprogramm für Betrüger

Betrugsfälle in der Wissenschaft häufen sich. In den USA reagiert man darauf mit einem neuen Programm: Es soll die akademischen Sünder wieder auf den richtigen Weg führen.

Fehlverhalten 25.01.2013

Eric Smart hat ganz entgegen seinem Namen etwas Unkluges gemacht. Der Ernährungswissenschaftler und Physiologe scheint in den letzten zehn Jahren die Grenze zwischen science und fiction aus den Augen verloren zu haben. Man könnte auch sagen: Seine Experimente mit Knockout-Mäusen waren schlichtweg erfunden. 45 Abbildungen in seinem wissenschaftlichen Oeuvre kamen auf nicht nachvollziehbare Weise zustande. Detto die Daten in sieben Forschungsanträgen.

Das US Office of Reserach Integrity (ORI) empfahl Ende letzten Jahres, zehn von Smarts Publikationen in renommierten Journalen (wie den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften oder dem "Journal of Biological Chemistry") zurückzuziehen.

"Nicht alles bestrafen"

Smart ist nun seinen Job an der University of Kentucky los. Aber vielleicht kriegt er noch eine Chance. Zumindest mehren sich die Stimmen, die vor einem zu harten Umgang mit abgefallenen Akademikern warnen. "Das sind manchmal sehr talentierte Leute", sagte James DuBois kürzlich gegenüber dem Fachblatt "Nature". Der Ethiker von der Saint Loius University leitet eine Art Rehabilitationsprogramm für Forscher, die des wissenschaftlichen Betruges überführt wurden.

Ziel des Programms "RePAIR" ist es, die Forscher zum Umdenken zu erziehen - und sie danach wieder in den wissenschaftlichen Betrieb einzugliedern. Denn angesichts der sich häufenden Betrugsfälle drohe der Forschergemeinde das Personal abhanden zu kommen. Brain Drain durch Betrug, könnte man sagen.

Das deckt sich durchaus mit dem Standpunkt des Linzer Wissenschaftsforschers Gerhard Fröhlich. Er sagte letztes Jahr in einem ORF-Interview: "Wir sollten nicht jeden Fehler sofort bestrafen. ... Auch Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen müssen eine zweite oder dritte Chance bekommen."

Die Statistikkurve der Vergehen weist jedenfalls nach oben. Das ORI hatte 2012 mit 419 Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens zu tun, knapp doppelt so viel wie im Jahr davor. Ähnliches hierzulande: 2011 wurden 30 Verdachtsfälle an die Agentur für wissenschaftliche Integrität (OeAWI) herangetragen - das sind um 19 mehr als 2010. Die Gründe des Anstiegs blieben unklar. Einerseits könnte der stetig steigende Produktionsdruck in der Wissenschaft Ursache für vermehrte Schummeleien sein. Andererseits dürfte es nun durch entsprechende Software wohl auch einfacher sein, fragwürdiges Datenmaterial aufzuspüren.

"Wurde früher unter den Teppich gekehrt"

"Das Bewusstsein für wissenschaftliches Fehlverhalten ist gestiegen. Die Leute treten jetzt vermehrt an uns heran, früher wurde das häufig einfach unter den Teppich gekehrt. Ich würde keine Verlotterung der Sitten diagnostizieren ", sagte Christoph Kratky letzten September. Er hat als Präsident des Wissenschaftsfonds FWF und Vorstandsvorsitzender der OeAWI eine Doppelrolle inne, die in den USA vermutlich nicht möglich wäre. Gleichwohl ist auch dort der Umgang mit dem Thema noch keineswegs normiert.

Lauran Qualkenbush, Direktor des Research Integrity Office der Northwestern University in Chicago, sieht laut "Nature" eine zu große Spannbreite im Strafmaß: Manche Betrüger dürfen sich nie mehr um Regierungsgelder bewerben, was durchaus einem Berufsverbot gleichkommen kann. Andere müssen lediglich einen Onlinekurs im Fach Ethik absolvieren, um danach wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Whistleblower geht offline

Eine Schlüsselrolle haben in den letzten Jahren zweifelsohne die neuen Medien gespielt. Blogs wie "Retraction Watch" bringen Verdachtsfälle an die Öffentlichkeit und zwingen Universitäten und Ministerien zur Reaktion. Damit macht man sich nicht nur Freunde, wie der Betreiber der Website "Science Fraud" zu berichten weiß. Paul Brookes von der University of Rochester ging mit der Seite im August 2010 online und schrieb dort regelmäßig über strittige Studien.

Kürzlich erhielt er Post von einem Rechtsanwalt. Dieser zwang ihn, sämtliche Beiträge offline zu stellen. Die Website ist damit de facto tot, über die Hintergründe schweigt sich Brookes aus. In seinem persönlichen Weblog schreibt er: "Vielleicht hätte ich die Website nicht 'Science Fraud' nennen sollen. Das hat wohl einige Leute verärgert … 'questionable-science-images.org' wäre eine bessere Wahl gewesen."

Auch die Wahl der Sprache mag ein Faktor gewesen sein. Wie Brookes nicht ohne Ironie zugesteht, hat er auf seinem Blog mitunter zu rustikalen Worten gegriffen und sich dadurch angreifbar gemacht. Nun sieht er sich nach einer neuen Domain um. Sein Resümee: "Don't shoot the messenger".

Robert Czepel, science.ORF.at

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