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Baumaschine auf dem Flugfeld Aspern

Aus der Industriewüste in die Seestadt Aspern

Rudolf Scheuvens hat das Ruhrgebiet gesehen. Der Raumplaner war mit dabei, als die Gegend in den 1990er Jahren sensibel wiederbelebt wurde, wie Industriehallen für Kunst und leere Flächen für mehr als Gewerbeparks genutzt wurden. Jetzt gilt die Aufmerksamkeit des Deutschen aber ganz Wien, genauer gesagt der Donaustadt.

Nachhaltigkeit 17.01.2013

Vergangene Erfahrungen prägen den neuen Dekan der Fakultät für Architektur und Raumplanung an der TU Wien bis heute. In der Seestadt Aspern möchte er weiter daran mitarbeiten, was er im Ruhrgebiet gelernt hat: "Wir als Planer müssen Verantwortung weitergeben können. Ein Projekt ist dann gelungen, wenn die Bewohner und Bewohnerinnen die Flächen bespielen können, wenn sie sagen, es sei ihr Stadtteil", meint er.

Anlass für das Gespräch ist die Veranstaltungsreihe "Mut zur Nachhaltigkeit", im Rahmen derer Scheuvens am 17. Jänner einen Vortrag zum Thema "Vom Wohnbau zum Stadtbau - Planung für mehr Lebensqualität" halten wird.

Rudolf Scheuvens

Rudolf Scheuvens

Rudolf Scheuvens war in den 90er Jahren in Deutschland durch seine Arbeit an der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park an der Neuentdeckung der Kulturlandschaft des Ruhrgebiets mit beteiligt. Seit März 2008 ist er Professor für örtliche Raumplanung und Stadtentwicklung an der Technischen Universität Wien, und seit 1. Jänner 2013 Dekan der Fakultät.

Veranstaltung:

Vom Wohnbau zum Stadtbau - Planung für mehr Lebensqualität
Vortragender: Univ.-Prof. Dr. Rudolf Scheuvens (Leiter des Fachbereichs Örtliche Raumplanung der TU Wien) Diskussionspartner: Dr. Iris Kunze, von der Universität für Bodenkultur. Moderation: Helga Kromp-Kolb, Universität für Bodenkultur, und Sepp Hackl, Abteilungsleiter für nachhaltige Entwicklung im Umweltbundesamt.
Zeit: Donnerstag, 17. Jänner 2013, 18-20 Uhr
Ort: Kommunalkredit Public Consulting (Türkenstraße 9, 1090 Wien)
Freier Eintritt, Anmeldung hier
Veranstalter der Reihe "Mut zur Nachhaltigkeit" sind das Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit der BOKU, Lebensministerium und Risiko:dialog (Umweltbundesamt, Radio Ö1, BOKU, BMWFJ, Lebensministerium, Austrian Power Grid).

Links:

science.ORF.at: Die Seestadt Aspern ist eines der Großprojekte Wiens. Als Vorsitzender des Aspern-Beirats haben Sie mehrmals betont, Sie möchten eine "Stadt in der Stadt" schaffen, in der jetzige wie kommende Generationen gerne leben. Wie "nachhaltig" wird denn die Seestadt werden?

Karl Ganser, der Direktor der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, meines prägendsten Projekts, hat sinngemäß gesagt: Die Frage, ob ein Projekt nachhaltig ist oder nicht, entscheidet sich danach, ob in der Bevölkerung eine Verantwortung für das Vorhaben geweckt werden kann. In Aspern haben wir einen Masterplan, der Plan allein ist aber nicht genug, er kann nur die Voraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung schaffen. Nachhaltigkeit muss sich entwickeln können.

Im Mission-Statement des Aspern-Beirates steht: "Stadt ist nicht, sie wird". Wir müssen davon weg kommen, etwas Abgeschlossenes liefern zu wollen, sondern etwas, auf dem die künftigen Bewohner aufbauen können, was sich weiter entwickeln kann. Nachhaltigkeit braucht Verantwortung. Als Stadtplaner müssen wir aber auch Verantwortung weitergeben und mit den künftigen Bewohnern teilen können. Wenn der Bewohner eines Hauses nicht weiß, wie sich Energie sparen lässt, dann nützt mir die beste Technik nichts.

Ökologische, wirtschaftliche und soziale Nachhaltigkeit spielen natürlich zusammen. Aber um jetzt einmal konkret zu bleiben - wie wollen Sie diese soziale Nachhaltigkeit schaffen?

Ein Weg ist über andere Formen der Planung, ein anderes Verständnis, wie ich als Planer agiere. Am Beispiel Aspern: Der Wiener Wohnungsbau basiert auf einem System von Qualitätsstandards und Erfahrungen, bei dem Bauträger und Architekten zusammenarbeiten. Bemerkenswert ist, dass dieses System in Aspern weiterentwickelt wurde. So gibt es fünf eigenständige Baugruppen, in denen viele engagierte Menschen unterschiedliche Häuser planen.

Das ist ein spannendes Experiment, hier haben Menschen beschlossen, etwas gemeinsam zu entwickeln: Sie haben sich den Baugrund genau angesehen, Bewerbungsgespräche mit Architekten geführt. Sie zeigen sich nicht nur für ihre Wohnung verantwortlich, sondern auch für das Rundherum, für ihre Nachbarschaft usw. Das geht eindeutig über die klassische Planung hinaus. Wenn das Konzept aufgeht, dann entwickelt sich darüber auch eine besondere Verantwortung für die Seestadt als Teil der Donaustadt.

Was gilt es dabei besonders zu beachten?

Wichtig ist, dass wir so bauen, dass man nahe hat, was man braucht. In den vergangenen Jahren haben sich beispielsweise die Strukturen im Handel grundlegend verändert. Das führt teils zu sehr langen Wegen zu den Versorgungszentren. Wir brauchen deshalb neue Strategien im Aufbau städtischer Quartiere: Selbst wenn ich Öko-Siedlungen baue, solange ich auf das Auto angewiesen bin, ist es schwer umweltfreundlich zu leben. Hier kann Aspern neue Wege gehen und Zeichen setzen, beispielsweise über die Aktivierung der Erdgeschosslagen für soziale Einrichtungen oder Geschäfte.

Ein anderes Beispiel sind Schulen: Campusschulen, so wie sie in Wien gebaut werden, empfinde ich allein schon aufgrund ihrer Größe als problematisch. Wenn alles zentralisiert wird, ist es schwierig Vernetzung zu schaffen. Wir benötigen Schulkonzepte, die auch zu sozialen und kulturellen Stadtteilzentren werden können. Wir benötigen Kindergärten, die sich in Nachbarschaftskonzepte integrieren lassen. Eine Anrainerin hat das mal so schön gesagt: "Kurze Wege für kurze Beine."

Sie sind vielbeschäftigt - neben Aspern haben Sie von der Stadt Wien den Auftrag bekommen, für das Zielgebiet U2 Donaustadt einen Strategieplan zu erarbeiten. Wie geht man so etwas an?

Ich finde diesen Stadtteil faszinierend. Geschichtlich war die Gegend jenseits der Donau ja Barbarenland. Dieser Gedanke scheint sich bis heute in einigen Köpfen festgesetzt zu haben. Steigt man tiefer ein, entdeckt man die besondere Geschichte der Donaustadt, etwa die herausragende Gartenbau-Kultur. Die Angerdörfer wie Breitenlee oder Hirschstetten sind so wunderbar gebaut, dass sie auf Windrichtungen reagieren und gezielt mit den klimatischen Bedingungen arbeiten. Leider jedoch sind diese Qualitäten heute gefährdet bzw. durch den Verkehr stark belastet.

Eine unserer Aufgaben ist es deshalb auch, die Autofixiertheit durch größere Vernetzung zu entkräften und die öffentliche Anbindung durch Bus und Straßenbahn konsequent weiter auszubauen. Der U-Bahnausbau hat nicht nur einen Entwicklungsdruck geschaffen. Er wird zum Rückgrat eines neuen, eines anderen Mobilitätsverhaltens in der Donaustadt.

Viele Donaustädter und Donaustädterinnen fühlen sich inzwischen um ihre Ruhe und ihren Frieden betrogen. Geplant und gebaut wird trotzdem weiter. Wie reagieren Sie auf Kritik?

Wir sind seit über einem Jahr immer wieder mit dem Rad in der Donaustadt unterwegs. Außerdem setzen wir auf einen öffentlichen Diskurs zur Entwicklung der Donaustadt. Unser Motto heißt: "Wo willst Du hin, meine Donaustadt?". Es gibt auch eine Zeitung, "Ziel 22", die genau diesen Dialog anregt.

Was steht hinter diesem Dialog? Die stark anwachsende Bevölkerung, die den Leuten Angst macht. Schließlich ist dies mit neuen Wohnbauflächen und mit einem Verbrauch an Landschaftsräumen verbunden. Heute leben bereits 163.000 Menschen in der Donaustadt, bis 2020 sollen es 225.000 sein. Die Zahlen sprechen für sich. Dass das Ängste schürt, ist verständlich. Es gibt aber nicht so viele Entwicklungsflächen für Wachstum. Der Südwesten Wiens ist kommerziell, die Lobau ist zu - die Donaustadt ist das Gebiet für die Stadtentwicklung. Die Sorgen der Menschen vor Ort müssen dabei ernstgenommen werden.

Sehen sie hier Ihre Mission, diese Einstellung in die Politik hinein zu bringen?

Ja, diese Vermittlung ist eine wichtige Aufgabe für uns als Planer. Es gibt aber in Wien nun mal diese Teilung zwischen dem Wohnbau und dem Stadtentwicklungsressort. Ich würde mir sehr wünschen, das Ressortdenken zu überwinden. Der Wohnungsbau in Wien und sein Stellenwert sind weltweit etwas Einzigartiges. Wenn es gelingt, die Links zwischen dem Wohnbau und der Stadtentwicklung zu spielen, dann können beispielsweise aus Wohnbau-Wettbewerben Quartiers- oder Stadtbauwettbewerbe werden.

Für Wien ist die "Politik der Fürsorge" immer noch prägend. Wir müssen verstärkt hin zu einer "Politik der Befähigung", dazu braucht es ein erweitertes Planungsverständnis. Nachhaltigkeit misst sich nicht nur an technologischen Standards oder an der Zahl an Gemeinschaftseinrichtungen. Es braucht den Mut, nicht alles regeln zu wollen, offene Strukturen zu schaffen, die vielleicht auch ein Risiko in sich tragen. Nur darüber entsteht wirklich Neues.

Das hat mit Veränderbarkeit zu tun, und läuft vielen Planern zuwider, wenn sie ihre Projekte nicht bis ins letzte kontrollieren können. Es braucht den Mut, Dinge nicht fest im Griff haben zu wollen, auch mal mit temporären Nutzungen zu arbeiten.

Sie erwähnen als wichtigen Einfluss den deutschen Stadtplaner Peter Zlonicky. Wie hat sie die Zusammenarbeit mit ihm in den 90er Jahren geprägt?

Ich habe bei Peter Zlonicky studiert, war sein Assistent, und zitiere ihn gerne, er hat einmal gesagt: "Städtebau ist dem Ort, der Zeit und den Menschen verpflichtet". Zlonicky hat in den 60er Jahren in Deutschland die "behutsame Stadterneuerung" mit eingeführt. Er betrieb keine Abrisspolitik, sondern kümmerte sich um den Wert und die Erhaltung der Bestände.

Das hat mich geprägt. Planung ist für mich nicht nur produktorientiert, auf ein Ergebnis hin ausgerichtet, sondern prozessorientiert. In der Planersprache sprechen wir beispielsweise oft von "Betroffenen". Genau diese Menschen sind für mich aber Partner, mit denen man Projekte gemeinsam angeht und von denen ich lernen möchte.

Wie waren Ihre Erfahrungen im Ruhrgebiet?

Ich habe in der Vor-IBA-Zeit im Ruhrgebiet beobachtet, wie Altes abgerissen, kulturelle Werte vernichtet und gesichtslose Industrie- und Gewerbegebiete entstanden. Es gab keine Langzeitperspektive. Die IBA (Internationale Bauausstellung) hat begonnen, dies zu ändern.

Ihre Projekte wurden zu Beiträgen dazu, die Region umzudeuten. Kohlehallen waren nicht mehr nur Hinterlassenschaften der Industrie, sondern plötzlich Teile einer faszinierenden Landschaft. Industriehallten wurden zu kulturellen Orten von einzigartiger Qualität. Das waren ganz neue Denkweisen, und daran durfte ich mitarbeiten, gemeinsam mit der Bevölkerung und Künstlern. Das war eine unglaublich prägende Zeit.

Können Sie mir noch ein sehr positives und ein sehr schlechtes Beispiel für nachhaltigen Wohnbau in Wien sagen?

Oje ... (lacht). Jetzt bringen Sie mich in Schwierigkeiten. Die Sargfabrik hat viel von dem, was ich mir wünsche. Das spricht eine kleine Gruppe an, die genau so etwas in der Stadt sucht. Nachhaltigkeit finden wir im Gründerzeitbestand der Stadt, der sich immer wieder neu den Bedürfnissen der Zeit anpassen lässt. Man findet sie weniger in den klassischen Wohnungsbausiedlungen, die am Rande der Stadt entstanden sind, weil sie auf eine Lebensphase zugeschnitten sind.

Sehr gespalten bin ich, was beispielsweise das Kabelwerk angeht. Das ist zwar ein unglaublich spannendes Projekt, nicht zuletzt aufgrund des Planungsprozesses und der Teilhabe, die dahinter steht. Wenn ich aber dann dort umher laufe, empfinde ich immer, dass irgendetwas nicht stimmt. Theoretisch super, aber sobald ich vor Ort bin, bin ich irgendwie immer wieder aufs Neue irritiert. Ich kann aber nicht sagen, woran es liegt.

Wo wohnen Sie in Wien?

In Hietzing, am Fuß des Künigelbergs in einem 100 Jahre alten Reihenhaus. Eine wirklich schön Lage - allerdings mit einer lauten Straße direkt vor der Haustüre. Aber so ist dies halt, wenn man in der Stadt wohnt.

Interview: Denise Riedlinger

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