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Ein Fächer von Fachjournalen.

Mathematiker wollen sich selbst verlegen

Rund ein Drittel aller relevanten Fachzeitschriften sind heute bereits "Open Access", werden also gratis im Internet angeboten. Dennoch gibt es noch immer viele Journale, die mit hohen Kosten verbunden sind. Eine Gruppe von Mathematikern will nun buchstäblich das Heft in die Hand nehmen - und selbst zu Verlegern werden.

Publikationen 23.01.2013

Sie planen eine Reihe von Fachzeitschriften, die begutachtete Studien des Preprint-Servers arXiv.org enthalten und komplett ohne teure Verlage auskommen sollen.

Marktkonzentration durch Großverlage

Hintergrund des Vorhabens sind die Bedingungen des wissenschaftlichen Publizierens, die sich in den vergangenen Jahren dramatisch geändert haben. Auf der einen Seite hat sich der Markt durch Verlage wie Elsevier, Springer Science+Business Media oder Wiley-Blackwell immer stärker konzentriert. Diese verlegen zum überwiegenden Teil Zeitschriften, die per Subskription bezahlt werden müssen, und verdienen damit sehr viel Geld.

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Ö1 Jahresschwerpunkt 2013: Open Innovation

"Öffentliches Wissen" und Bürgerbeteiligung spielen in enger Verbindung mit Qualitätsjournalismus eine immer größere Rolle. Mit dem Jahresschwerpunkt "Open Innovation" unterstreicht Ö1 die Bedeutung dieses Phänomens für eine zukunftsweisende Entwicklung der Zivilgesellschaft. Aktuelle Beiträge und Hintergrundberichte in verschiedenen Sendeformaten von Ö1 informieren über internationale Trends auf diesem Gebiet und ziehen Verbindungen zwischen exemplarischen Projekten und Communities. Auch science.ORF.at widmet diesem Thema eine Reihe von Beiträgen.

Zwei Beispiele dafür: Der größte Wissenschaftsverlag Elsevier erzielt mit einem Fachartikel durchschnittlich etwa einen Umsatz von rund 3.300 Euro und macht damit insgesamt einen operativen Profit von 36 Prozent. Das liegt weit über dem von erfolgreichen Firmen wie BMW oder Apple, erklärt Falk Reckling, Experte vom Wissenschaftsfonds FWF, gegenüber science.ORF.at.

Und: Von dem - eben aufgeschobenen - Verkauf des Springer-Verlags erwarten sich die derzeitigen Eigentümer bis zu vier Milliarden Euro.

"Die Marktkonzentration hat die Großverlage in die Position gebracht, die Preise diktieren zu können und ihnen Zeitschriften zu verkaufen, die sie oft gar nicht brauchen", kommentiert Reckling. Ein Trick dabei: Die Abos mehrerer Zeitschriften werden gebündelt, dadurch sind auch solche dabei, die gar nicht benötigt werden.

Vor neuem Projekt Boykottaufruf

Auf der anderen Seite hat das Internet seit einigen Jahren die Publikationskultur verändert. Neue E-Journals sprießen aus dem digitalen Boden, es formiert sich der Widerstand gegen die Spielregeln der Großverlage. So hat Timothy Gowers, Mathematiker an der Universität Cambridge und Träger der renommierten Fields-Medaille, im Jänner 2012 zu einem Boykott von Elsevier aufgerufen.

Sein Vorwurf: Der britisch-niederländische Verlag erschwere durch seine Preispolitik die Zugänglichkeit von Wissen. Mittlerweile haben über 13.000 Forscher und Forscherinnen den Aufruf auf seiner Website The Cost of Knowledge unterschrieben, nicht mehr in Elsevier-Journals zu publizieren und keine Gutachten für eingereichte Studien mehr zu verfassen.

Zum Jahrestag seines Boykottaufrufs hat Gowers nun den nächsten Schritt in seiner Abrechnung mit dem traditionellen Publikationswesen vorgestellt. In seinem Blog stellt er einerseits die Open-Access-Zeitschrift "Forum of Mathematics" vor, die mit einem sehr renommierten Editorial Board besetzt ist. Andererseits unterstützt er das "Episciences Project" seines französischen Kollegen Jean-Pierre Demailly.

E-Journals, die auf Preprints basieren

Der Mathematiker von der Universität Grenoble plant mit Unterstützung französischer Förderinstitutionen eine Reihe von Fachjournalen zu gründen, die ohne einen Verlag auskommen. Sie sollen auf dem Server arXiv.org beruhen, auf dem pro Monat mehrere Tausend Forscher aus den Bereichen Mathematik, Physik und Computerwissenschaften Preprints, also noch nicht begutachtete Rohversionen ihrer Studien, hochladen.

Über 800.000 Studien sind derzeit auf dem Server abrufbar - ein Schatz, aus dem sich die künftigen "Epijournals" nähren könnten. Die Idee in Kurzform: Studienautoren wenden sich an die noch zu findenden Herausgeber eines der "Epijournals", die den Peer-Review-Prozess organisieren. Die begutachteten Studien erscheinen dann unter dem Dachmantel des neuen Journals - etwa einem "Epijournal zu additiver Kombinatorik", wie es sich John Gowers für seine Spezialdisziplin vorstellen kann. Rein optisch werden die Artikel vermutlich nicht anders aussehen als die Preprint-Versionen.

"Für sehr erfreulich" hält Falk Reckling diese Initiative der Mathematiker. "Open Access hat neue, innovative Publikationsmodelle geschaffen, die einen einzementierten Markt in Bewegung gebracht haben. Wenn Gowers und Demailly genügend Zeit und Energie investieren, ihr Modell durchzuziehen, könnte es erfolgreich sein." Die wichtigsten Grundlagen dafür: "eine nachhaltige Finanzierung sowie Topleute, die nicht nur im Editorial Board sitzen, sondern in der neuen Zeitschrift auch publizieren."

Open heißt nicht gratis

Zeitschriften wie die Public Library of Science (PLOS) hätten gezeigt, dass das funktionieren kann, sagt der FWF-Experte. PLOS ist ein Beispiel für Open Access, also für den freien Zugang zu Inhalten. Und ähnliches dürfte auch vom gerade vor der Veröffentlichung stehenden Journal PEERJ zu erwarten sein. Hier sind nicht nur fünf Nobelpreisträger im Advisory Board, sondern die Autoren sollen auch mit nur geringen Kosten publizieren können.

Generell gilt: Open Access ist nicht zu verwechseln mit "gratis". 800.000 Dollar pro Jahr etwa braucht es für den Betrieb des Preprint-Servers arXiv. Finanziert wird er durch drei Quellen: die Cornell University, die den Server ursprünglich errichtet hat, eine US-Forschungsstiftung und die Nutzergemeinschaft: Institutionen, die das Angebot in Anspruch nehmen - darunter als einziger österreichischer Vertreter auch die Universität Wien - zahlen mit. Und zwar relativ geringe Summen von ein paar tausend US-Dollar pro Jahr.

Eine andere Möglichkeit zur Finanzierung von Open-Access-Zeitschriften besteht in Gebühren, die von den Studienautoren verlangt werden. Diese "Article Processing Charges" variieren laut Falk Reckling sehr stark, liegen im Durchschnitt aber bei 800 US-Dollar pro Artikel. In der Regel werden sie von den Forschungsinstitutionen oder -förderern getragen, in Österreich etwa vom FWF.

Qualitätssicherung und Kostenfaktor

Bleibt die Frage nach dem wissenschaftlichen Renommee: Ein wichtiger Faktor bei der Bewilligung von Projekten oder der Vergabe von Posten sind nach wie vor Publikationen in Zeitschriften mit hohem Impact Factor. Falk Reckling hält das für "keinen substanziellen Einwand gegen Open-Access-Zeitschriften, sondern nur für eine Frage der Zeit".

"Auch wenn man heute ein neues Subskriptionsjournal gründet, braucht es zehn bis zwölf Jahre, bis es einen bestimmten Ruf bzw. den notwendigen Impact Factor erlangt. Beispiele wie PLOS zeigen, dass dies auch bei Open-Access-Zeitschriften gelingen kann. Und mittlerweile gibt es schon in fast alle Disziplinen renommierte Open-Access-Zeitschriften."

Für diesen Ruf sorgen bisher ein sauberer Peer-Review-Prozess und die Zitationen der Artikel. Peer Reviews sichern auch bei Open-Access-Zeitschriften die Qualität. Selbst wenn die anderen Leistungen, die Verlage bieten (wie Layoutieren oder Korrekturlesen) wegfallen, bleibt mit dem Peer Review der größte Kostenfaktor über. Die Wissenschaftler bekommen zwar kein Geld, wenn sie die Arbeiten ihrer Kollegen bewerten, aber alleine die Organisation des Prozesses ist teuer. "Sie brauchen gute Leute, die den Begutachtungsprozess organisieren und für die technische Umsetzung sorgen", erklärt Reckling.

Peer Review abschaffen?

Radikale Vertreter des Open Access denken u.a. deshalb darüber nach, die Heilige Kuh der Wissenschaft zu schlachten. Der niederländische Verleger Jan Velterop schlug vor kurzem in einem Blogbeitrag vor, auf Peer Reviews komplett zu verzichten. Schlechte oder falsche Studien würden auch mit dem bestehenden System irgendwo publiziert; gute Studien würden sich mit Open Access so wie jetzt - und mit Sicherheit kostengünstiger - durchsetzen, so seine Hauptargumente.

Wenn jeder alles publizieren kann ohne Vorabprüfung - ist das dann noch Wissenschaft? Falk Reckling ist zurückhaltend: "Die Diskussion ist aufgekommen, weil es problematisch sein kann, sich allzu sklavisch an Impact Faktoren zu orientieren. Einige argumentieren, dass das klassische Journal im Internet faktisch durch den einzelnen Artikel ersetzt wird. Wissenschaftler entscheiden demzufolge durch ihr Zitationsverhalten später, welche Artikel gut sind und welche nicht."

Hinzukommen ergänzende Konzepte wie altmetrics, die nicht mehr nur die Wahrnehmung einer Publikation durch andere Publikationen messen, sondern das gesamte Internet in Form von Blogs und Sozialen Medien miteinbeziehen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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