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Screenshot der Online-Präsentation eines Auktionskataloges: Lucas Cranach d. Ä.: Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis

Online-Datenbank zu NS-Kunsthandel

Per Mausklick zur Herkunft fraglicher Bilder etwa von Edward Munch, Lucas Cranach oder Max Beckmann: Das ermöglicht das internationale Kooperationsprojekt "German Sales 1930-1945", im Zuge dessen erstmals rund 2.600 Auktionskataloge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz digitalisiert und bibliografisch erfasst wurden.

Provenienz 23.01.2013

"Auktionskataloge sind eine unverzichtbare Quelle für die Provenienzforschung, vor allem wenn sie mit zusätzlicher Information aus anderen Quellen angereichert sind", erklärte der österreichische Kunsthistoriker Christian Huemer, der das Projekt vom Getty Research Institute in Los Angeles koordiniert, im Interview mit der APA. Morgen, Donnerstag, werden die Daten online gestellt.

Gezielte Suche in Katalogen

Bis heute wurden bei Entschädigungs- und Restitutionsverfahren Auktionskataloge häufig nicht mit einbezogen. Nun soll es nicht nur möglich sein, fragliche Provenienzen zu beleuchten, sondern auch Zusatzinformationen wie Preis, Käufer oder kunsthistorische Kommentare abzurufen. Das erleichtere die Forschung zu Bildern, die etwa jüdische Sammler zur Finanzierung der eigenen Flucht vor dem Nationalsozialismus versteigern ließen oder zu solchen, die über den Umweg nationalsozialistischer Sammler, die jüdische Galerien aufkauften, bis zu Auktionen der Handelsvertretung der Sozialistischen Sowjet-Republiken gelangten.

Die Tatsache, dass nun vom Schreibtisch aus der Zugang zum Inhalt beinahe aller deutschsprachigen Auktionskataloge zwischen 1930 und 1945 gewährt ist, wertet Huemer als "game changer" für die Provenienzforschung: "Nicht nur können wir online die digitalisierten Kataloge Seite für Seite durchblättern, wir können diese auch gezielt nach einer ganzen Reihe von Parametern durchsuchen: Künstlername, Gattung, Verkaufsdatum, Auktionshaus, etc.", so Huemer.

Screenshot der Online-Präsentation eines Auktionskataloges: Lucas Cranach d. Ä.: Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis

Universitätsbibliothek Heidelberg

Screenshot der Online-Präsentation eines Auktionskataloges: Lucas Cranach d. Ä.: Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis (Universität Heidelberg)

Ermöglicht neue Forschungen

Dazu haben Huemer und sein Team Daten aus unterschiedlichsten Quellen zusammengeführt und verknüpft: "Preise und Käufernamen sind normalerweise im Katalog nicht abgedruckt. Manchmal wurden sie jedoch in Zeitschriften wie 'Weltkunst' publiziert, manchmal gibt es Aufzeichnungen der Reichskulturkammer, manchmal finden wir sie in handschriftlichen Annotationen einzelner Katalogexemplare", erklärte der Kunsthistoriker.

Forscher weltweit können gratis auf die Daten zugreifen. "Daher wird es sicherlich neue Restitutionsfälle aufwerfen bzw. helfen, existierende Fälle zu klären", vermutete Huemer.

"Was uns darüber hinaus jedoch brennend interessiert, sind die größeren Zusammenhänge des Kunstmarktes. Wir kennen schon relativ viele Details über einzelne Objekte oder Akteure. Auf Basis des neuen Datenbestandes können wir jedoch statistische Auswertungen vornehmen, Preisentwicklungen studieren und soziale Netzwerke konstruieren." Dazu sollen heuer und nächstes Jahr unter anderem Tagungen für Nachwuchswissenschaftler zum Kunstmarkt der NS-Zeit stattfinden.

Internationale Zusammenarbeit

Für das experimentelle Projekt entwickelte die Wissenschaftler einen neuen und kollaborativen Arbeitsablauf: Die Kunstbibliothek Berlin durchforstete etwa 35 wichtige Katalogbestände in Deutschland, Österreich und der Schweiz und erstellte eine bibliografische Datenbank. Danach wurde an der Universitätsbibliothek Heidelberg jeweils ein Katalogexemplar gescannt und mit optischer Zeichenerkennung in Textdokumente verwandelt. Per modernster Technik wurde die Information automatisch in die verschiedenen Datenfelder des Getty Provenance Index eingelesen.

"Natürlich mussten wir die so gewonnen Daten noch händisch editieren und standardisieren", erzählte Huemer. "Aus mehr als 2.000 Katalogen wurden etwa eine Million Datensätze herausgezogen, fast 250.000 davon wurden bisher editiert und online zur Verfügung gestellt. Das ist wesentlich effizienter als eine händische Eingabe." Zudem verlinkt der Provenance Index die verschiedenen Teile des Projektes miteinander: bibliografische Informationen aus Berlin, Scans der Kataloge aus Heidelberg und die Datensätze zu den Inhalten der Kataloge aus Los Angeles.

Geplanter Ausbau

Rund 35 Institutionen haben ihre Auktionskataloge zur Verfügung gestellt, darunter etwa das Belvedere, das Österreichische Museum für Angewandte Kunst (MAK) sowie die Österreichische Nationalbibliothek. Daten aus Österreich kamen auch von der Österreichischen Kommission für Provenienzforschung, der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und dem Dorotheum.

In den nächsten Jahren möchte Huemer den Provenance Index laufend mit neuen Daten speisen und so zunehmend erweitern: "Wir würden in den nächsten Jahren das 20. Jahrhundert gerne genauso gut abdecken, wie wir das bereits für das europäische Auktionswesen im 18. Jahrhundert tun. Fördermittel für die Zeit 1900-1930 aufzutreiben, wird aber vergleichsweise weitaus schwieriger werden, und auch dafür braucht es eine breite internationale Kooperation."

science.ORF.at/APA

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