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Ein Mann hebt die Faust in die Luft während der sozialen Proteste in Haifa, Wadi Salib, 1959 in Israel

Ruinen aus Stein und im Bewusstsein

Wadi Salib ist ein Stadtteil in der israelischen Stadt Haifa. In Israel ist er überaus bekannt, weil es 1959 dort zum ersten Mal gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Juden arabischer und europäischer Herkunft gegeben hat. Diese sozialen Kämpfe haben eine Vorgeschichte, die mindestens bis 1948 zurückgeht.

Zeitgeschichte 25.01.2013

Im Unabhängigkeitskrieg Israels haben Zehntausende Palästinenser die Flucht ergriffen bzw. wurden sie vertrieben. Die hochkomplexe Geschichte, die bis heute nachwirkt, erzählt die Historikerin Yfaat Weiss in ihrem Buch "Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib - Haifas enteignete Erinnerung".

Das Buch:

"Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib - Haifas enteignete Erinnerung" von Yfaat Weiss ist im Verlag Hamburger Edition HIS 2012 erschienen. Weiss hat das Buch am 24.1. im IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften präsentiert.

Links:

Wahlen Israel 2013:

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Wahl in Israel berichteten auch die Ö1 Journale.

science.ORF.at: Wenn man heute Wadi Salib besucht, was sieht man da?

Yfaat Weiss: Ruinen, so wie seit den 1960er Jahren. An einem Rand befindet sich ein neu erbauter Gerichtskomplex, der Rest sind leerstehende Häuser.

Ich frage auch, weil das Buch - mit Ausnahme kleiner Bilder am Cover - frei von Aufnahmen ist …

Ich habe die Hoffnung, dass man sich die Bilder selbst macht, wenn man das Buch liest. Im Internetzeitalter kann man sie nötigenfalls ja auch googeln. Es gibt da nicht wenige, weil diese Ruinen sehr auffällig sind.

Warum widmen Sie diesem Ruinenviertel ein ganzes Buch, handelt es sich dabei um ein Symbol für etwas Größeres?

Der Name "Wadi Salib" hat in Israel ikonografischen Charakter. Es ist eine Ikone für die sozialen Proteste, die dort 1959 ausgebrochen sind, es war der erste Ausbruch von Gewalt innerhalb der jüdischen Bevölkerung, zwischen orientalischen und aschkenasischen Juden. Das Buch versucht, diese Ikone auf die Geschehnisse elf Jahre zuvor zurückzuführen, auf den Unabhängigkeitskrieg 1948, und das Verhältnis von Juden und Arabern am gleichen Ort zu thematisieren.

Üblicherweise werden die Geschehnisse dieser beiden Ereignisse getrennt voneinander behandelt: auf der einen Seite die "internen" israelischen Konflikte zwischen europäischen und orientalischen Juden, auf der anderen Seite die "externen" zwischen Juden und Arabern. Ich habe in dem Buch versucht, sie zusammenhängend zu erzählen, da sie sich am gleichen Ort abspielen, und sie dadurch zu hinterfragen.

So sehr Wadi Salib in Israel eine Ikone ist, so wenig bekannt ist es hierzulande. In wenigen Sätzen: Was ist in den beiden Jahren geschehen?

1948 war der sogenannte Israelische Unabhängigkeitskrieg, aus Sicht der Palästinenser die Nakba (Katastrophe). In Haifa lebten damals rund 150.000 Einwohner, die eine Hälfte davon Juden, die andere Palästinenser. In Folge des Krieges hat es sich zu einer Stadt entwickelt, in der fast nur noch Juden lebten. Nur 3.500 Palästinenser sind im Sommer 1948 in Haifa geblieben, die anderen sind geflohen oder sahen sich zur Flucht veranlasst.

1959 wiederum steht für den Kampf von orientalischen Juden gegen soziale Missstände. Sie waren nach 1948 aus arabischen Ländern - vor allem aus Marokko - nach Israel gekommen und hatten sich in den von den Palästinensern verlassenen Häusern Wadi Salibs angesiedelt. Die Lebensbedingungen dort waren sehr schlecht, die sanitären Verhältnisse miserabel, die Armut groß. Es entzündete sich gewalttätiger Protest gegen das jüdische Establishment, das zu dem Zeitpunkt fast ausschließlich aus Mittel- und Osteuropa stammte.

War das mehr eine ethnische oder eine soziale Frage?

Es ist beides gewesen und bis heute geblieben. Das sieht man auch an den aktuellen Wahlen, es gibt ein Gefälle zwischen den europäischen Juden und den Mizrachim, den orentialischen Juden. Und das hat mit den Bedingungen zu tun, unter denen die Mizrachim Ende der 1940er Jahre nach Israel emigriert sind. Das Gefälle, das damals geschaffen wurde, ist weitgehend geblieben.

Um auf 1948 zurückzukommen: Inwieweit wurden die Palästinenser von den Juden vertrieben, verdrängt oder haben sie sich im Sinne der arabischen Führer instrumentalisieren lassen?

Ab Ende November 1947 hat es alle mögliche Formen gegeben: Es gab die Art einer selbstgewählten Flucht - natürlich unter Kriegsbedingungen - und auch Vertreibungen, umso mehr nach dem Mai 1948 mit der Ausrufung des israelischen Staates. Mein Buch setzt sich mit Definitionen nicht auseinander, weil ich die klare Entscheidung getroffen habe, die vielen historiografischen Debatten in eine Erzählform aufzulösen. Ich benutze die Begriffe "Vertreibung", "Verdrängung" oder "Flucht" je nach Zusammenhang abwechselnd.

Diese Begriffe und das Buch als Ganzes werden in Österreich und Deutschland vermutlich anders gelesen als in Israel. Hierzulande kann es Antisemiten zu Aussagen animieren wie: "Die Juden sind auch nicht besser, sie behandeln die Palästinenser wie die Nazis etc." Wie verhalten Sie sich diesem Argument gegenüber?

Ich kann eine bösartige Leseart nicht verhindern, sondern nur dafür sorgen, dass die Geschichte, wie sie im Buch steht, auf Grundlage intensiver Recherche stimmt. Ich versuche natürlich, für Begriffsklarheit zu sorgen, indem ich etwa zwischen Völkermord und ethnischer Homogenisierung unterscheide - was nicht das gleiche ist.

Das Buch erzählt die Geschichte einer Vertreibung und keines Völkermords. Das wird jedem klar, der das Buch liest. Es lässt auch eine enorme Ambivalenz zu, und das ist die Ambivalenz der Geschichte selbst und die Ambivalenz von mir als Erzählerin. Ich hoffe, dass es Leser und Leserinnen gibt, die mit dieser Ambivalenz umgehen können, und die das Buch nicht nur einseitig lesen - was ich aber nicht verhindern kann.

Warum heißt das Buch auf Deutsch "Verdrängte Nachbarn", was wie "vertriebene Juden" klingt, und damit - bei böswilliger Interpretation - hiesige Verbrechen relativiert?

Das Buch ist bisher in drei Sprachen erschienen und hat jeweils andere Titel. Auf Hebräisch spielt er auf die juristische Definition dessen an, was ehemaliges arabisches Eigentum ist, auf die "Absentees Property Laws". Dieses Abwesende ist dennoch bis in die Gegenwart präsent, etwa durch die Ruinen von Wadi Salib. Dieser Gedanke ließ sich aber nicht in andere Sprachen übersetzen. Im Englischen wurde daraus "A Confiscated Memory", und der deutsche Titel versucht wiederzugeben, dass sich das Materielle im Gedächtnis widerspiegelt.

Bösartige Lesearten davon kann ich wie gesagt nicht verhindern, das entspricht bisher aber auch nicht meiner Erfahrung. Wer das ganze Buch liest und nicht nur den Klappentext oder Kurzzusammenfassungen, wird merken, wie differenziert es argumentiert. So denke ich, dass gerade für österreichische oder deutsche Leser klar werden sollte, dass einige, die in die Häuser der Palästinenser eingezogen sind, Überlebende des Holocaust waren, d.h. das ganze historische Drama wird präsent.

Wie sieht die Gegenwart und Zukunft von Wadi Salib aus?

Nahe dem Justizgebäude werden ein paar neue Häuser gebaut, eine umfassende Renovierung oder gar Gentrifizierung, wie man sie an anderen Orten Israels kennt, wie etwa in Jaffa, findet jedoch nicht statt. Das Ende meines Buches spielt mit der Vorstellung, ob Haifa eine andere Zukunft hätte haben können. Es setzt mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert an und fragt, was alles möglich gewesen wäre, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre.

Bei den Wahlen in dieser Woche waren soziale Fragen wieder sehr wichtig - hat dabei auch Wadi Salib in Haifa eine Rolle gespielt?

Konkret kann ich das nicht beantworten, was ich aber für interessant halte: Nicht der Nahost-Konflikt und das Verhältnis zu den Palästinensern standen im Mittelpunkt der Wahl, sondern soziale Fragen. Wie schon bei den Demonstrationen vom Sommer 2011 war das Thema Wohnen, die Bau- und die Wohnungspreise, sehr wichtig. Diese Parallele zu 1959 ist aber nur scheinbar, denn es gibt einen großen Unterschied: Damals war das ein Aufstand derer, die nichts hatten. Heute handelt es sich nicht um die ganz schwachen Sozialschichten, die betroffen sind und die sich wehren, sondern um den Mittelstand.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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