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Frau in rotem Kleid blickt über die Schulter in den Spiegel

Wenn das Ich den Körper verliert

Schlank und schön - die idealisierte Darstellung in den Medien setzt manche Frauen nicht nur ziemlich unter Druck, sie beeinträchtigt auch ihre Selbstwahrnehmung. Während sie darüber nachdenken, wie sie aussehen und wirken, verlieren sie mitunter den Kontakt zum eigenen Körper, wie eine Studie zeigt.

Selbstbild 07.02.2013

Dabei schnitten Frauen, die sich selbst vorwiegend von außen betrachten, beim Zählen der eigenen Herzschläge deutlich schlechter ab.

Außen- und Innenperspektive im Gleichgewicht

Das bewusste Erleben des eigenen Selbst ist ein wesentlicher Teil des Menschseins. Wir können diese Perspektive der ersten Person aber auch verlassen und gewissermaßen von außen auf uns schauen. Fast so, als stünden wir wie ein unabhängiger Beobachter außerhalb des eigenen Körpers. Für ein gesundes Selbstbild sollten Innen- und Außenperspektive jedoch halbwegs ausgewogen sein.

Verschiebt sich das Gleichgewicht, kann dies zu psychischen Erkrankungen führen. So zeigen etwa Studien, dass Frauen, die zu sehr damit beschäftigt sind, wie ihre Körper aus der Sicht eines anderen erscheinen, eher an Depressionen oder Essstörungen wie Anorexia nervosa (Magersucht) erkranken. Patientinnen mit Essstörungen haben gleichzeitig oft kein Gefühl für körperliche Signale wie Hunger oder Sättigung. Es sieht so aus, als hätte man nur ein begrenztes Maß an Aufmerksamkeit zur Verfügung. Fließt zu viel davon in die Sicht von außen, bleibt zu wenig für die innere Wahrnehmung.

Selbstwahrnehmung manipulierbar

Diese Verschränkung von Außen- und Innensicht sowie ihre negativen Folgen wurde bisher vor allem im Rahmen von Fragebogenuntersuchungen festgestellt. Nur wenige Studien haben die Selbstwahrnehmung experimentell oder neurophysiologisch untersucht. Zu den bekanntesten Experimenten in diesem Bereich zählt die sogenannte Gummihand-Illusion, die deutlich macht, wie manipulierbar unsere Selbstwahrnehmung ist. Durch einen simplen Trick identifizieren dabei Probanden eine Hand aus Kunststoff als ihre eigene. Diese Manipulation führt auch zu messbaren körperlichen Folgen, z.B. zum Temperaturabfall in der echten Hand.

Laut den Forschern um Vivien Ainley von der Royal Holloway University of London hängt es ebenfalls mit dem Gleichgewicht von Außen- und Innensicht zusammen, wie gut dieser Trick funktioniert: Denn Personen, die sich vorwiegend als Objekt, also von außen betrachten, sprechen viel stärker darauf an. Eine Folgestudie habe auch gezeigt, dass jene, die besonders anfällig für die Illusion sind, häufiger an Essstörungen leiden. Den Forschern zufolge ein weiteres Indiz dafür, wie sehr das Gefühl für den eigenen Körper von der Sicht auf sich selbst abhängt.

Außensicht stört Innensicht

Mit Hilfe eines einfachen Tests haben die Forscher nun den Einfluss der Selbst-Objektivierung auf die Körperwahrnehmung untersucht. Dafür wurden ca. 50 19 bis 26 Jahre alte Frauen rekrutiert. Männer wurden keine getestet, da diese - wie Studien zeigen - dabei in der Regel viel besser abschneiden, möglicherweise ebenfalls eine Folge einer weniger nach außen verschobenen Selbstwahrnehmung. Nachdem die Probandinnen Fragebögen zu Körperbewusstsein, Selbstobjektivierung und Selbstbewusstsein ausgefüllt haben, mussten sie ihren eigenen Herzschlag zählen - ohne Hilfsmittel, durch bloßes Hineinhören.

Das Ergebnis war den Forschern zufolge deutlich: Bei der Zählung schnitten jene Frauen am besten ab, die ihren Körper am wenigsten als Objekt betrachteten. D.h. umgekehrt: Jene, die besonders viel darüber nachdenken, wie sie aussehen oder von anderen wahrgenommen werden, fehlt die Aufmerksamkeit für innere körperliche Vorgänge. Warum das so ist, ist nicht ganz klar. Das fehlende Gespür könnte den Forschern zufolge genauso gut die Ursache und nicht die Wirkung der übersteigerten Selbstobjektivierung sein. Möglicherweise falle es manchen Frauen einfach schwerer, die Aufmerksamkeit auf Innen- und Außensicht aufzuteilen.

Gleichgewichtstraining

Diese gestörte Körperwahrnehmung könnte laut den Studienautoren auch für das emotionale Erleben entscheidend sein. Möglicherweise empfinden die betroffenen Frauen Gefühle ganz generell weniger intensiv, was wiederum den Weg zu psychischen Krankheiten wie Depressionen und Magersucht ebnet.

Die Erkenntnisse der Studie liefern dafür vielleicht einen neuen therapeutischen Ansatz: Durch das Zählen der eigenen Herzschläge oder vergleichbare Methoden könnte man die innere Wahrnehmung vielleicht gezielt trainieren, damit Innen- und Außensicht wieder ins Gleichgewicht kommen.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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