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Künstlerische Darstellung eines Meteoriteneinschlags auf der Erde.

Massensterben: "Wir haben ein Problem"

Zwei Studien klären den historischen Niedergang der Saurier sowie das Aufblühen der Säugetiere. Fazit: Der tödliche Asteroideneinschlag am Ende der Kreidezeit war womöglich nur ein "Gnadenschuss".

Sauriersterben 08.02.2013

Es ist zweifelsohne eine der besten Stories, die die Naturgeschichte zu bieten hat. Mehr als 150 Millionen Jahre herrschten die Dinosaurier auf diesem Planeten. Dann schlug ein Asteroid in der Nähe von Mexiko ein und beendete ihre Ära mit einem Schlag. Die Geschichte hat sich längst im popkulturellen Terrain sedimentiert - obwohl die entscheidenden Kapitel keineswegs fertig geschrieben sind.

Speziell die Abfolge der Ereignisse ist unter Forschern nach wie vor Gegenstand von Diskussionen. Etwa: Fand der Impact vor oder nach dem Abgang der Saurier statt? Wenn der Asteroid die Ursache gewesen sein soll, ist die Reihenfolge klar. Dummerweise wollte sich die Geophysik bislang nicht an den Plot halten.

Um Sauriersterben und Asteorideneinschlag zeitlich einzuordnen, vergleichen Forscher in der Regel zwei Arten Material: zum einen geschmolzenes Gestein aus der Region des Einschlagkraters in der Nähe der Halbinsel Yucatan; zum anderen geologische Proben aus der Grenzregion zwischen Kreide und Tertiär - jene schmale geologische Schicht, in der die Saurierfossilien plötzlich von der Bildfläche verschwinden.

Neudatierung beseitigt Widerspruch

Paul Renne, Geowissenschaftler von der University of Berkeley, fand vor ein paar Jahren heraus, dass in den bisher verfügbaren Daten eine zeitliche Lücke klafft: Demnach müsste der Abgang der Saurier bereits 180.000 Jahre vor dem Impact begonnen haben - ein nicht unwesentlicher Schönheitsfehler.

"Da wurde mir klar: Wow, hier haben wir wirklich ein Problem", sagt Renne. Nun präsentiert er im Fachblatt "Science" die Lösung. Nicht die Abfolge der Kapitel war falsch, sondern die Kalibrierung der Methoden. Laut neuesten Isotopen-Datierungen mit Hilfe von Uran, Blei und Argon ist die Grenze zwischen Kreide und Tertiär exakt so alt wie die geologischen Fundamente des Asteroidenkraters. Die Katastrophe fand demnach vor 66,038 Millionen Jahren statt.

Paul Renne nimmt Bodenproben in der Natur

Courtney Sprain

Paul Renne bei der Arbeit

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie zum Dinosauriersterben berichtet auch Wissen Aktuell am 8.2. um 13:55.

Gleichwohl sei damit nicht gesagt, dass nicht auch andere Faktoren den Niedergang der Echsen eingeleitet haben könnten. Renne und seine Kollegen glauben, dass kurze Kaltzeiten die an tropisches Klima angepassten Ökosysteme der Kreidezeit destabilisiert und an den Rand des Zusammenbruchs gedrängt haben. Co-Autor William Clemens, ebenfalls von der University of Berkeley, resümiert: "Der Impact war womöglich nur ein coup de grace, ein Gnadenschuss".

Laut Studie regenerierte sich die Fauna danach schneller als gedacht. 20.000 Jahre nach dem Einschlag war die Erde - zumindest in manchen Regionen wie etwa in Montana - wieder von Wirbeltieren bevölkert. Darunter die Vor-Vorläufer der heutigen Säugetiere.

Urahn der Säuger entstand im Tertiär

Auch zu deren Werdegang gab es bis zuletzt durchaus unterschiedliche Ansichten. Eine Theorie namens "Cretaceous-Terrestrial Revolution" ging davon aus, dass sich die höheren Säuger bereits in der Jurazeit auf dem zerbrechenden Superkontinent Gondwana in die wichtigsten Gruppen aufgespalten haben, etwa die Ahnen der heutigen Nagetiere und Primaten. Das ist laut neuesten Analysen falsch.

Ein internationales Forscherteam hat nun Genetik, Anatomie und Fossilmaterial in einen großen Datentopf geworfen und damit den bislang umfassendsten Säugetierstammbaum rekonstruiert. Er zeigt, dass der Aufschwung der Säuger 36 Millionen Jahre später einsetzte, als es die Autoren der Gondwana-Theorie annahmen.

Ursäuger frisst Insekt

Carl Buell

Rekonstruktion: der Urahn der höheren Säuger

200.000 bis 400.000 Jahre hat es nach dem großen Impact gedauert, bis der ultimative Ursäuger auf den Plan trat: ein kleiner, unscheinbarer Insektenfresser, der Vorfahre der Wale, Hunde, Affen und Menschen. "Im Jura und in der Kreidezeit gab es noch keine höheren Säugetiere", sagt Maureen O'Leary, die Hauptautorin der ebenfalls in "Science" erschienenen Studie. "Nagetiere und Primaten waren keine Zeitgenossen der Dinosaurier. Sie entstanden erst nach deren Niedergang."

Ein kurioses Detail weiß O'Leary auch zu berichten. Laut Studie stammen die sogenannten Afrotheria (zu denen etwa Elefanten, Seekühe und Erdferkel gehören) nicht aus Afrika, sondern aus Amerika. Wie sie dorthin gekommen sind, bleibt zu klären.

Robert Czepel, science.ORF.at

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