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Kind sitzt vor TV-Gerät

Macht zu viel TV-Konsum kriminell?

Laut einer neuseeländischen Studie hängen Kriminalität und TV-Konsum zusammen: Je mehr ein Kind täglich vor dem Fernseher sitzt, desto größer ist seine Chance, als Erwachsener wegen eines Verbrechens verurteilt zu werden. Ob das tatsächlich am Fernsehen liegt oder an den sozialen Umständen, ist unter Experten allerdings umstritten.

Medien 22.02.2013

Die Debatte ist nicht gerade neu, zahlreiche Studien haben versucht, die Auswirkungen des Fernsehens auf Kinder empirisch zu untersuchen. Sie haben aber alle ihre Schwachstellen, wie die Sozialmedizinerin Lindsay Robertson von der University of Otago und ihre Kollegen betonen.

Die Studien:

"Childhood and Adolescent Television Viewing and Antisocial Behavior in Early Adulthood" von Lindsay Robertson und Kollegen, erschienen am 18. Februar 2013 in "Pediatrics"

"Health Promotion Messages in Entertainment Media: Crime Drama Viewership and Intentions to Intervene in a Sexual Assault Situation" von Stacey Hust und Kollegen, erschienen in der Jänner-Ausgabe des "Journal of Health Communication: International Perspectives"

Entweder beinhalteten sie zu wenige harte Daten zu antisozialem Verhalten, die Untersuchungszeiträume waren zu kurz oder - wie im Falle einer vom US-TV Sender NBC unterstützten Studie - es wurden wichtige Untersuchungsteilnehmer, nämlich die besonders gewalttätigen, überhaupt aus den Resultaten ausgeschlossen.

Ihre Arbeit sei die erste Langzeitstudie zu dem Thema, die frühkindliches Verhalten mit Persönlichkeitstests und gerichtlichen Verurteilungen im Erwachsenenalter verglichen hat.

Eindeutiger Zusammenhang …

Dazu verfolgten die Forscher das Schicksal von rund tausend Kindern, die Anfang der 70er Jahre in Dunedin, einer Stadt im Süden Neuseelands mit heute rund 120.000 Einwohnern, auf die Welt kamen. Von ihrem dritten bis zu ihrem 26. Lebensjahr wurden in regelmäßigen Abständen insgesamt zehnmal Daten zu ihren Lebensläufen erhoben, darunter Angaben zu TV-Konsum, "Verbrechenskarriere" und anderen Merkmalen.

Die Ergebnisse seien eindeutig: Je länger sie in ihrer Kindheit vor dem TV-Gerät zugebracht hatten, desto größer war die Chance einer Verurteilung als junge Erwachsene. Das gilt gleichermaßen für Männer wie für Frauen, wobei erstere mehr fernsahen und auch eher kriminell wurden. Der Zusammenhang bleibe bestehen, auch wenn man andere Faktoren wie Intelligenz, sozioökonomischen Status, die Art der elterlichen Aufsicht und selbst die frühkindliche Tendenz zu antisozialem Verhalten miteinberechne, so die Forscher.

… aber in welcher Richtung?

Warum es diesen Zusammenhang gibt? Bei der Beantwortung der Frage sind die Forscher vorsichtig. In ihrer Studie war nicht beinhaltet, welche TV-Programme die Kinder angesehen haben. Der Schluss "Gewalt im Fernsehen fördert reale Gewalt" könnte also ein Kurzschluss sein.

Dafür spricht auch der Umstand, dass die Forscher zwar einen Zusammenhang zwischen TV-Konsum und allgemeiner Kriminalität gefunden haben, nicht aber zwischen TV-Konsum und Gewaltverbrechen. Plausibel sei es deshalb, dass exzessives Fernsehen generell antisoziales Verhalten fördert - und zwar egal welchen Inhalts.

Der Kreislauf könnte lauten: mehr TV - weniger Austausch mit Eltern und Gleichaltrigen - weniger Erfolg in Schule und Ausbildung - höheres Risiko für Arbeitslosigkeit und Kriminalität.

Eine Reihenfolge, die der Medienpsychologe Peter Vitouch von der Universität Wien anzweifelt. "Kinder, die viel und womöglich unbeaufsichtigt fernsehen, stammen oft aus einem sozial benachteiligten Umfeld. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Umfeld auch für ihre kriminelle Karriere verantwortlich ist", meinte er gegenüber science.ORF.at.

Gegen Kulturpessimismus

Die Autoren der Studie halten hingegen an der umgekehrten Kausalitätskette fest. Ihre Daten stammen aus den 70er Jahren - einer Zeit, in der Computer und Spielkonsolen noch nicht in die Kinderzimmer vorgedrungen waren. Die Auswirkungen etwa von Gewaltspielen auf Heranwachsende seien wohl "noch schlimmer" als Fernsehen, legte Mitautor Bob Hancox laut der Nachrichtenagentur AFP noch ein Schäuferl nach.

Medienpsychologe Vitouch hält das für Kulturpessimismus. "Wir haben nichts davon, wenn eine Gesellschaft versucht, soziale Probleme auf die Kinder abzuschieben, und sagt: Wenn die Kinder brav im Wald leben würden wie im Märchen, ohne Fernseher und ohne Computer, dann wäre alles wunderbar. Das ist einfach nicht der Fall. Nichts wäre dann wunderbar, weil es auch vor der Entwicklung der Technologien aggressive Menschen gegeben hat." Entscheidend sei letztlich die familiäre und wirtschaftliche Situation in der Kindheit und "nicht eine zwischengeschaltete Technologie, egal ob Fernsehen, Videospiel oder Internet".

Ratschläge und eine Ehrenrettung

In einem sind sich Vitouch und die Autoren der aktuellen Studie aber einig: Zu viel Fernsehen ist schlecht für Kinder. Lindsay Robertson und ihre Kollegen plädieren dafür, dass sie nicht mehr als ein bis zwei Stunden - qualitätsvolle - TV-Programme pro Tag konsumieren sollten.

"Wesentlich ist, dass Kinder nicht unbeaufsichtigt fernsehen", ergänzt der Wiener Medienpsychologe. "Die Eltern sollen wissen, welche Programme ihre Kinder sehen. Idealerweise sprechen sie mit ihnen über das Gesehene, damit klar wird, ob sie durch irgendetwas verängstigt wurden oder nicht."

Eine kleine "Ehrenrettung" für das Fernsehen stammt auch aus der Welt aktueller Studien: Die Medienforscherin Stacey Hust von der Washington State University und ihre Kollegen haben herausgefunden, dass TV-Konsum soziales Verhalten sogar beflügeln kann.

Wer gerade einen Krimi gesehen hat, in dem es um sexuelle Übergriffe ging, ist im echten Leben eher bereit, Zivilcourage zu zeigen und einem potenziellen Opfer zu helfen - so zumindest das Resultat einer Befragung von jungen US-Studierenden.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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