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Ein Forscher sieht einen menschlichen Schädel an, im Dunkel

Atapuerca: Weltbekannt in Spanien

Wenn in Spanien ein Fußballteam altmodisch spielt, heißt es: "Die spielen wie in Atapuerca." Die Anspielung bezieht sich auf eine der wichtigsten Fundstellen menschlicher Fossilien in Europa, die u. a. die Entdeckung des "ältesten Europäers" für sich beansprucht. Warum Atapuerca vor allem in Spanien "weltbekannt" ist, zeigt ein neues Buch.

Anthropologie 06.03.2013

Der Wissenschaftshistoriker und Buchautor Oliver Hochadel sieht hinter dem "Mythos von Atapuerca" ein Beispiel für Wissenschaftsnationalismus.

Bereits 6.500 Fundstücke

Seit 1978 wird in der spanischen Sierra de Atapuerca nahe Burgos, nördlich von Madrid, systematisch nach Fossilien von Menschenvorfahren gegraben. 1992 machte der Fund eines vollständigen Schädels erste Schlagzeilen. 1994 folgten Überreste, die auf ein Alter von 800.000 Jahren datiert werden konnten - der damals "älteste Europäer".

Zur Person:

Porträtfoto von Oliver Hochadel

Universität Luzern

Oliver Hochadel ist Wissenschafthistoriker am Institución Milá y Fontanals in Barcelona und Lehrbeauftragter an der Universität Luzern.

Er hat das Buch "El Mito de Atapuerca" geschrieben, das Anfang März im Verlag Servei de Publicacions de la UAB erschienen ist und sich mit der Entstehung des Mythos von Atapuerca kritisch auseinandersetzt. Er selbst bezeichnet sich als "Zwischenschaftler", da er selbst lange Jahre als Wissenschaftshistoriker sowie Wissenschaftsjournalist arbeitete.

Links zu Atapuerca:

Atapuerca wurde zu einer der wichtigsten Ausgrabungsstätten weltweit und erhielt 2000 den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes. 2008 übertrafen 1,2 Millionen Jahre alte Funde sogar noch den bisherigen Rekord und machten den "ältesten Europäer" nochmals 400.000 Jahre älter.

Ein Teil der Stätte, das sima de los huesos - "Erdloch der Knochen" - gilt als fossilienreichster Ort der Welt. Die Ausgrabungsmannschaft, das Equipo de Investigación de Atapuerca (EIA), förderte von dort bereits 6.500 menschliche Fossilien von insgesamt 28 Individuen zu Tage. Wie es zu dieser Art von Ansammlung kam, ist ungeklärt. Die Forscher vertreten die umstrittene These, es handle sich um die erste Grabstätte der Menschheit.

science.ORF.at: Der älteste Fund aus Atapuerca ist rund 1,2 Millionen Jahre alt. Kann man demnach sagen, dass der erste Europäer ein Spanier war?

Oliver Hochadel: Nein, natürlich nicht, aber diese Redeweise kommt vor allem durch die Medien schnell auf. Die Forscher reden vom "ersten Europäer" oder "unserem" Vorfahren. In manchen Zeitungen liest man dann von den "ersten Iberern". Auch in "Lonely Planet"-Reiseführern heißt es, Spanien sei schon seit Millionen Jahren besiedelt.

Die spanischen Forscher meinen, mit dem ältesten Europäer sogar eine neue Spezies entdeckt zu haben, den "Homo antecessor" - der "vorausgehende Mensch". Wie darf man sich das vorstellen?

Die ursprüngliche Theorie ist, dass diese Spezies der gemeinsame Vorfahr von Homo Sapiens und Neandertaler ist. Würde sich diese Theorie bestätigen, wäre das ein unglaublicher Fund, der eine zentrale Stellung im menschlichen Stammbaum einnimmt. Allerdings gibt es darüber viel Streit in der Wissenschaft. Die Spanier haben mit dieser Theorie ein völlig neues Fass geöffnet und sich damit sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Es folgte sehr scharfe Kritik. Nicht für die Benennung, aber für die Einordnung im Stammbaum. Das ist alles hochspekulativ. Mittlerweile haben viele der Atapuerca-Forscher diese Interpretation zurückgezogen.

Die spanische Königin Sofia an der Grabungsstätte

Jordi Mestre/IPHES

Die spanische Königin Sofia und der Anthropologe Juan Luis Arsuaga an der Grabungsstätte

Atapuerca ist international nicht unbedingt bekannt. In Spanien ist der Ort hingegen zu einem nationalen Heiligtum avanciert. Wie kommt das?

Dieses ganze Projekt befindet sich in einer nationalen Blase. Ich schätze 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung in Spanien ist Atapuerca ein Begriff. Das kennen alle, weil es ständig in den Medien ist, im Fernsehen läuft und in Form von Ausstellungen durch das Land zieht. Es gibt 30 Bücher allein über dieses Thema. Man hat es allerdings nicht geschafft, außerhalb der "Scientific Community" international auf sich aufmerksam zu machen.

Droht die nationale Popularisierung die Relevanz der Funde zu verfälschen?

Mit Begriffen wie "verfälschen" muss man immer vorsichtig sein. Funde kommunizieren und popularisieren müssen alle Paläoanthropologen. Die Frage, die sich bei Atapuerca stellt, ist, ob es nicht zu weit geht. Es ist die Art und Weise, wie die Funde mit Superlativen medial präsentiert werden - manche sagen aufgebauscht werden.

Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Sie spielen natürlich eine sehr zentrale Rolle als Lautsprecher dieser Forschung. Es geht sogar darüber hinaus: Sie tragen nicht nur die Botschaft der Forscher ins Volk, sondern machen oft noch mehr daraus. Es sind zum Beispiel die Medien, die aus dem "ersten Europäer", den "ersten Spanier" oder sogar "den neuen Anfang der spanischen Geschichte" machen. Es gab sogar eine Briefmarkenserie "Geschichte Spaniens", und die erste Briefmarke war der Homo antecessor.

Wieviel PR gehört dazu, um heute als Wissenschaftler erfolgreich zu sein?

Das hängt vom spezifischen Fach ab, aber viele Forscher leisten durchaus Öffentlichkeitsarbeit. Die Forscher von Atapuerca haben diese Kunst auf die Spitze getrieben. Sie haben von Anfang an gesagt: 'Wir sind ein "rückschrittliches" Land, es gab Diktatur, Unterdrückung, bis 1975 durfte man über Evolution gar nicht reden, also müssen wir hier Boden gut machen. Wir müssen das bekannt machen, damit wir gesellschaftlich akzeptiert und damit auch finanziert werden. Das ist die Begründung der Forscher für diese unheimliche Popularisierungsindustrie. Das macht nicht jeder so. Es gibt auch andere sehr erfolgreiche Forscher, die tolle Fossilien gefunden haben, aber zurückhaltender damit umgehen - weniger popularisieren, mehr forschen. In Atapuerca wurde sehr bewusst auf die Öffentlichkeitsschiene gesetzt, weil diese Unternehmung nicht zuletzt sehr viel Geld verschlingt.

Emsiges Treiben der Paläoanthropologen in Atapuerca

Fundación Atapuerca

Emsiges Treiben der Paläoanthropologen in Atapuerca

In der "Scientific Community" werden manche Theorien der EIA mit großer Skepsis betrachtet. Was wären konkrete Beispiele?

Strittig ist vor allem die Stellung des Homo antecessor im menschlichen Stammbaum. Die Einordnung beruft sich vor allem auf zwei Gesichtsknochen, die allerdings von einem Zehn- oder Zwölfjährigen stammen. Das ist eher ungeeignet - sagen Kritiker - um eine neue Spezies zu klassifizieren, da es sich um ein Kind handelt, das noch nicht fertig entwickelt war.

Kritik gibt es außerdem an der Theorie, dass es sich bei den 28 gefundenen Individuen, um eine Grabstätte handelt. Das ist eine unglaubliche These, weil es nachweisbare Beerdigungen frühestens vor 100.000 Jahren gegeben hat. Im Grunde liegen dort eben 28 Individuen, und wir wissen nicht genau, wie sie dorthin gekommen sind.

Dann gibt es noch ein Steinwerkzeug in diesem Grab, das keine Spuren von Benutzung aufweist. Die Forscher sind der Meinung, es wäre rituell beigelegt worden. Die Behauptung ist, es sei der erste symbolische Akt in der Menschheitsgeschichte gewesen - eine steile These. Wenn man ausländische Forscher fragt, dann seufzen die nur und sagen: Wie soll man das belegen?

Gibt es innerhalb Spaniens denn keine Kritik?

Vereinzelt schon. Es gibt Forscher, die kritisieren, dass ihre Kollegen in Atapuerca übertreiben und zu medial sind. Aber das ist letztlich sehr punktuell geblieben und liegt auch daran, dass die Forscher in der Öffentlichkeit sehr dominant auftreten und eine starke Symbiose mit den Medien eingegangen sind. Man tut sich mit Kritik vermutlich auch schwer, weil einem gleich Neid unterstellt wird. Der Neid auf die gefüllten Fördertöpfe der Atapuerca-Forscher ist schließlich vorhanden.

Seit 1978 wird in Atapuerca gegraben. Sind die Fördertöpfe noch gefüllt oder ist ein Ende in Sicht?

Die Forscher behaupten, dass hier noch Generationen von Paläoanthropologen und Archäologen arbeiten werden. Es gebe noch so viel abzutragen und so viel zu öffnen. Dort, wo sie den Homo antecessor ausgegraben haben, wurden nur sechs Quadratmeter freigelegt - übrig sind noch rund 50 Quadratmeter.

Die Krise in Spanien ist allerdings nicht an Atapuerca vorbeigegangen. Die Wissenschaft ist extrem schwer getroffen. Regionalpolitiker, die hunderte von Millionen in Atapuerca investiert haben, sagen zusehends, dass das Projekt Früchte abwerfen muss: in Form von Arbeitsplätzen, Touristenzahlen und anderen Einnahmen. Hier geraten die Forscher natürlich unter Druck. Früher haben sie gesagt: 'Wir finden jedes Jahr etwas'. Jetzt sind sie ein wenig in der Zwickmühle, nämlich nicht nur in Form von Funden, sondern vor allem in Form von Wirtschaftlichkeit.

Interview: Ferdinand Ferroli, science.ORF.at

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