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Ein Euthanasiedenkmaldas voerst unbekannte Vandalen in Voecklamarkt 2009 zerstoert haben.

Der Beitrag der Angehörigen

200.000 Menschen haben die Nationalsozialisten ermordet, weil sie geistig oder körperlich behindert waren. Bei den sogenannten Euthanasiemorden machten Ärzte, Krankenschwestern und Verwaltungsbeamte gemeinsame Sache. Die Angehörigen verhielten sich zum größten Teil passiv - und ließen das Morden geschehen.

NS-"Euthanasie"-Morde 08.03.2013

Über die ambivalente Rolle, die Verwandte der Euthanasieopfer spielten, hat der deutsche Historiker Götz Aly soeben das Buch "Die Belasteten" geschrieben. Nicht zuletzt weil er Vater einer schwerbehinderten Tochter ist, zeigt er darin durchaus Verständnis für überforderte Eltern und Angehörige. Dennoch haben sie entscheidend zum "Erfolg" der Nazi-Morde beigetragen.

Zur Person:

Porträtfoto des Historikers Götz Aly

dpa/dpa-Zentralbild/Z1021 Peter Endig

Der deutsche Historiker Götz Aly, geboren 1947 in Heidelberg, war im letzten Wintersemester Sir-Peter-Ustinov-Gastprofessor an der Universität Wien. Aly ist in seinem 2011 erschienen Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" der Frage nachgegangen, wie es zum Holocaust kommen konnte. Seine These: Das Streben nach sozialer Gleichheit, das sich seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland ausgebildet hat, richtete sich letztendlich gegen die Juden. In seinem früheren Werk "Hitlers Volksstaat" hatte er über den Nationalsozialismus als Wohlfahrtsstaat geschrieben. In seinem soeben im S. Fischer Verlag erschienenen Buch "Die Belasteten" geht er der ambivalenten Rolle nach, die die Angehörigen bei den Euthanasiemorden gespielt haben. Neben anderen Auszeichnungen wurden Aly der Heinrich-Mann-Preis und der Ludwig-Börne-Preis verliehen.

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Dimensionen Magazin, 8.3., 19:05 Uhr.

Weitere Sendungshinweise:

Am 12. März 2013 jährt sich zum 75. Mal der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, der sogenannte "Anschluss". Der ORF erinnert mit einem umfangreichen Programmangebot in TV, Radio und Internet an dieses Ereignis des Jahres 1938, mit dem die Erste Republik ihr Ende fand.

science.ORF.at: Ist schon das Wort "Behinderte" Nazi-Diktion?

Götz Aly: Ja, es taucht 1938 erstmals in einem deutschen Gesetzbuch auf. Man brauchte einen Begriff, der die früher Krüppel und Idioten Genannten zusammenfasst. Es gibt noch viele andere Begriffe aus der Nazizeit, die wir bis heute verwenden. Etwa "Nervenklinik", die den klassischen Begriff "Heil- und Pflegeanstalt" ersetzt hat, in dem noch etwas Humanes steckt - das Pflegen von Menschen, die man eben nicht heilen kann. Oder die "Sonderschule", die früher Hilfsschule hieß, auch hier ging Humanes verloren.

Wissen Sie einen besseren Ausdruck für "Behinderte"?

Nein. Und wenn man einen gefunden hat, neigt der Volksmund dazu, ihn wieder negativ zu besetzen. Begriffe wie Idiot, Schwachsinniger oder Behinderter waren alle zu ihrer Zeit wissenschaftlich halbneutrale Begriffe. Heute ist es so, dass man auf Schulhöfen "Opfer", "Spasti" oder "Behinderter" so verwendet, wie "Idiot" in meiner Jugend. Das ist zumindest in Berlin so.

Euthanasiemorde wurden von den Nazis als "Behandlungen" verschleiert, Geisteskranke wurden "verlegt", wenn sie in die Gaskammern kamen: Wie wichtig waren diese Umschreibungen für das Mordprogramm?

Sie haben den Vorteil, dass sich die Menschen das Mörderische nicht zwingend vorstellen mussten. Das Euthanasieprogramm war sehr arbeitsteilig, das waren Verwaltungsmorde, an denen sehr viele beteiligt waren: Die Transporte und Gaskammern mussten organisiert, Standesämter und Angehörige informiert werden, Ärzte und Krankenschwestern waren beteiligt. Das ganze Verfahren hätte nicht stattgefunden, wenn man gesagt hätte: "Im Rahmen der Ermordung des Patienten XY müssen wir noch Fahrkarten einkaufen oder seinen Nachlass ordnen, obwohl er noch lebt."

Welche Rolle haben die Angehörigen gespielt?

Wir haben uns in der Analyse des Nationalsozialismus angewöhnt, zwischen den Guten und den Bösen zu unterscheiden, obwohl wir genau wissen, dass im praktischen Leben nicht schwarz und weiß vorherrscht, sondern die Farbe Grau. Jeder Mensch heute, der einen geistig erkrankten Angehörigen hat, weiß, dass das etwas Bedrohliches für die hat, die sich für normal halten. Man weiß nicht, wie man sich verhalten soll, wenn man erfährt, dass die Krankheit bleiben wird und man nichts dagegen tun kann.

Diese Unsicherheit war damals noch viel stärker?

Ja, Behinderte waren nicht nur bedrohlich wie heute, sondern stellten die Zukunftsaussichten einer gesamten Familie in Frage. Sie galten als "Erblast für die Sippe". Man wurde mit einem solchen Kind unter Umständen nicht beamtet, konnte sterilisiert werden, bekam keine Sozialleistungen. Das Kindergeld wurde gestrichen, und zwar auch für gesunde Geschwister, weil die Sippe ja erblich belastet schien. Das hat Druck erzeugt und das ohnehin ambivalente Verhalten von Angehörigen beeinflusst. Jedenfalls ist es falsch zu sagen: Hier waren 50 Mörderärzte, die haben die Gaskammern betrieben, und hier sind 200.000 Euthanasieopfer. Die Familien haben an der Ermordung mitgewirkt, und das ist in der Forschung lange ein Tabu gewesen.

In Ihrem Buch geben Sie einige Beispiele, wie die Angehörigen konkret daran mitgewirkt haben …

Es gibt neue Untersuchungen, die zeigen, wie wichtig der Kontakt der Patienten in den Anstalten mit ihren Angehörigen war, was ihre Überlebenschancen betraf. Die Stationsgehilfen mussten einen Fragebogen ausfüllen, bevor ein Patient ermordet wurde. Am wichtigsten dabei war die Frage nach der Arbeitsfähigkeit, die Patienten sollten keine Kosten verursachen. Aber schon die vierte Frage lautete: Erhält der Patient regelmäßig Besuch und wenn ja von wem? In erstaunlich vielen Fällen gibt es hier keine Antwort, d.h. niemand ist auf Besuch gekommen.

Ein konkretes Beispiel: Aus der Anstalt Reichenau nahe Konstanz am Bodensee wurden 600 Patienten deportiert und in Gaskammern ermordet. Nur 111 Angehörige haben schriftlich nachgefragt, was da passiert ist. Höchstens 20 bis 30 der Briefe kann man als Protestbriefe einstufen, das sind maximal fünf Prozent. Das Funktionieren des Euthanasieprogramms lässt sich nur durch das passiven Verhalten der Angehörigen erklären. Man muss es mit einbeziehen, wenn man begreifen will, wie es dem NS-Staat gelingen konnte, innerhalb von 18 Monaten 70.000 Menschen mitten in Deutschland zu ermorden.

Wobei diese Passivität und diese Einstellungen schon vor den Nazis vorhanden waren …

Das stimmt, Hitlers Reichskanzlei hat sich auf die sogenannte "Melzer-Statistik" aus dem Jahr 1920 berufen. Der Arzt Ewald Melzer hat ein protestantisch-kirchliches Heim für schwerbehinderte Kinder und Jugendliche in Sachsen geleitet. Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Debatten über Selbstmord und Freitod, erleichterte Ehescheidung, Abtreibung, Selbstbestimmung - im Grunde also reformerischen Ideen - hat Melzer die Eltern der behinderten Kinder theoretisch gefragt: Würden sie ihr Kind, wenn es schmerzfrei möglich wäre, "erlösen" lassen?

73 Prozent der Eltern haben mit Ja geantwortet. Man bedenke: Das war eine christliche Anstalt, die Eltern stammten aus dem einfachen, sächsischen Arbeitermilieu, in dem man sehr links gewählt hat. Diese Melzer-Statistik ist 1939 in Hitlers Reichskanzlei diskutiert und als Argument eingesetzt worden. Die "Erlösung" bestand darin, dass man die Eltern glauben ließ, dass die Kinder eines natürlichen Todes gestorben sind. Die Aktion T4 war darin sehr erfindungsreich: Pneumonie, Herzschwäche, hunderte von Diagnosen wurden da erfunden, um den Leuten ihre Illusion zu geben.

Wie weit war das Wissen über die Euthanasie in der Gesellschaft verbreitet?

Das wussten spätestens ein halbes Jahr, nachdem T4 begonnen hatte, alle. Entscheidend ist aber, dass dieses Wissen privat blieb. Es war so, wie man heute über Abtreibung spricht: eine schwierige, aber letztlich individuelle Frage, die jeder mit sich ausmachen muss, wenn er in der Situation steht. Es kam ja auch zu Zwischenfällen: Jemand wurde z.B. bei dem Mordprogramm verwechselt. Entscheidend war, den Widerstand oder auch nur das Nachdenken darüber möglichst privat und unveröffentlicht zu halten, keinen allgemeinen Protest daraus werden zu lassen. Das ist gelungen, bis einer diesen Nebel für kurze Zeit zerrissen hat: der Bischof von Münster Clemens August Graf von Galen.

Wodurch T4 abgebrochen wurde …

Sofort. Von Galen hat die Morde in drei Predigten ganz konkret angesprochen. Er sagte zu den Gläubigen: "Ich könnte auch Namen nennen, da ist der Bauer soundso deportiert worden und nach drei Wochen haben die Angehörigen die Nachricht bekommen, dass man seine Urne abholen kann, obwohl er vorher kerngesund war." Ziel der Predigten war es, dass die Leute nicht mehr wegsehen konnten.

Er hat auch noch etwas Großartiges getan, was wir heute vermutlich als christlichen Fundamentalismus bezeichnen und möglicherweise verachten würden. 1941 gab es die ersten Flächenbombardements in Deutschland. Münster liegt ganz im Westen an der holländischen Grenze, und die britischen Bomber kamen noch nicht weiter. Zwischen den Predigten von Galens ist Münster zweimal angegriffen und schwer getroffen worden. Für die damalige Zeit gab es mit 80 Opfern sehr viele Tote.

Was sagt Galen am nächsten Sonntag? Nicht: "Das ist feindlicher Luftterror." Sondern: "Das ist die Strafe Gottes für diese Stadt, weil sie in ihren Mauern duldet, dass unschuldige Menschen ermordet werden."

War van Galen die Ausnahme?

Leider ja. Totalitäre Gesellschaften wie der Nationalsozialismus kontrollieren die Öffentlichkeit. Die beiden großen Kirchen waren die einzigen Orte von gesellschaftlicher Öffentlichkeit, die bis 1945 geblieben sind und nicht zerschlagen werden konnten. Die Würdenträger beider Kirchen haben die Möglichkeiten, die sie hatten, in schändlich geringer Weise genützt.

Die Euthanasiemorde sind trotz der Intervention des Bischofs weitergegangen …

Ab dem Sommer 1942 wurden sie stark dezentralisiert und in die einzelnen Anstalten verlegt. In Österreich etwa nach Steinhof in Wien, Feldhof bei Graz, Gugging, Mauer-Öling, Niederhart, Hall in Tirol. Die Menschen wurden möglichst so ermordet, dass es wenig auffiel. Man hat das nicht mehr mit Gaskammern gemacht, sondern sie langsam verhungern lassen, ihnen überdosierte Arzneimittel gegeben, damit sie eine Lungenentzündung kriegen etc.

Wie ist Ihr persönlicher Bezug zu dem Thema?

Ich habe selbst eine schwerbehinderte Tochter, die heute 34 ist und mich auf das Thema gebracht hat. Karline hat an ihrem dritten Lebenstag eine schwere Gehirnentzündung bekommen und ist voll pflegebedürftig. Ich erinnere mich, wie uns die Ärzte im Krankenhaus verdeckte Fragen gestellt haben, als sie auf der Intensivstation lag: "Wir wissen nicht, ob ihre Tochter die nächste Nacht überleben wird. Aber wenn sie das tut, wird sie sehr schwer und dauerhaft behindert sein."

Wir, meine Frau und ich, haben beide gesagt: "Tun sie alles, damit sie die Nacht überlebt." Aber ich glaube, dass die Frage der Ärzte, eine Art Test war, wie wir uns verhalten. Ich kann Eltern, die in dieser Situation schwach werden, nicht einfach schlecht reden - erst recht nicht unter den NS-Bedingungen. Dennoch muss man sagen: Sie wurden unter diesen Bedingungen schwach.

Sie haben auch eigene Erfahrungen mit ehemaligen NS-Ärzten gemacht, wie Sie in Ihrem Buch sehr berührend schreiben …

Es stellte sich heraus, dass der Kinderarzt unserer engsten Freunde, ein sehr netter Mensch in Hamburg, als junger Mann 40 behinderte Kinder umgebracht hat. Oder ein anderes Beispiel: Meine Tochter ist von einem Doktor untersucht worden, der in Westberlin für die Gutachten zuständig war, die bestimmen, wie viel Pflegegeld man bekommt. Wie ich später herausgefunden habe, war er in einer Klinik in Heidelberg beschäftigt, in der Kinder ermordet wurden. Er selbst hat die Ermordung eines behinderten Kindes in die Wege leitet.

Wie geht es Ihnen dabei als Vater?

Man darf sich nicht vorstellen, dass diese Mörder besonders schlechte oder bösartige Ärzte waren. Sie haben geglaubt, dass sie sehr viel tun können für gesunde Kinder. Sie wollten Therapien verbessern, die Sterblichkeit verringern, die Säuglingssterblichkeit bekämpfen.

Sie wollten aber keine Ressourcen in Menschen stecken, von denen gesagt wurde, dass sie nur "leere Menschenhülsen" seien, die die Gesellschaft belasten. Ich kann sagen, das stimmt nicht. Über meine Tochter, die sehr schwer behindert ist, kann man sehr viel sagen, wie bedürftig sie ist etc. Aber dass sie eine leere Menschenhülse ist, das ganz bestimmt nicht.

Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte: Wie wäre das Euthanasieprogramm weitergegangen?

Das war ein Programm ohne innere Grenze. Hätten die Alliierten die Nationalsozialisten nicht besiegt, wäre das Morden weitergegangen. Nach den Behinderten standen eine Reihe weiterer Bevölkerungsgruppen auf der Liste: Menschen, die unheilbar an Lungentuberkulose erkrankt waren. Alle, die von den Nazis als asozial eingestuft wurden: Bettler, Landstreicher, Alkoholiker, Obdachlose.

Das Dritte Reich hatte damals mit Österreich und dem Sudetenland 80 Millionen Einwohner, ungefähr zwei Millionen von ihnen waren von der Ermordung bedroht. Dazu ist es gottseidank nicht gekommen. Und zwar nicht weil die Deutschen und Österreicher nicht mitgemacht hätten, sondern weil die vier alliierten Siegermächte den Krieg unter großen Opfern gewonnen und danach die Deutschen und viele Österreicher von sich selbst befreit haben.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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