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Dienststempel der Akademie während der NS-Zeit

Als die ÖAW deutsch wurde

Nur sechs Tage nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich wurde ein illegaler Nationalsozialist Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Es folgte ein Jubeltelegramm an Adolf Hitler, der Ausschluss jüdischer und andersdenkender Mitglieder sowie die Förderung "deutscher Wissenschaft".

75 Jahre "Anschluss" 06.03.2013

Wie die Akademie mit dem Nationalsozialismus verstrickt war, und wie sie es mit der Entnazifizierung nach dem Krieg hielt, war bisher kaum erforscht. Zum 75. Jahrestag des "Anschlusses" hat sich nun eine Arbeitsgruppe der ÖAW systematisch damit beschäftigt. Ein Symposion widmet sich am 11. März dem Thema, ein begleitender Katalog liegt bereits vor.

"Deutsche Wissenschaft":

Inhaltlich sollte die Akademie laut der Satzung vom Juli 1938 von nun an "Wissenschaft im Dienste des deutschen Volkes" betreiben, was konkret hieß: physikalische Kernforschung, Volkstums- und Rassenforschung. Eines der Forschungsprojekte betraf das erste Kriegsgefangenenlager der "Ostmark" in Kaisersteinbruch, in dem Forscher u.a. belgische und französische Gefangene "rassekundlich" untersuchten, um "Einblick in die rassische Zusammensetzung der Völker Westeuropas" zu gewinnen.

Symposion an der ÖAW:

"Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 bis 1945", Symposion und Ausstellungseröffnung Montag, 11. März, 9 bis 20 Uhr, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Dr. Ignaz Seipl-Platz 2, 1010 Wien, Ausstellung bis 15. Mai, Katalog zur Ausstellung: Johannes Feichtinger, Herbert Matis, Stefan Sienell, Heidemarie Uhl (Hg.), Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Links:

Ö1 Sendungshinweis:

Der Tagung widmen sich auch die Ö1 Dimensionen: "Heil Hitler!" an der Akademie. Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938 - 1945, 18.3., 19:05 Uhr.

Ein neuer Präsident nach wenigen Tagen

Am 12. März 1938 überschritt die deutsche Armee die österreichische Grenze, der "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich war praktisch vollzogen. Binnen weniger Tage habe auch die Akademie (damals noch: Akademie der Wissenschaften in Wien) auf die nationalsozialistische Machtübernahme reagiert. "Es war spannend zu sehen, wie schnell die neuen Machthaber implementiert wurden", erklärte Heidemarie Uhl, Historikerin und Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe.

Der langjährige Präsident Oswald Redlich trat bereits am 18. März zurück. Die Gelehrten der Akademie ersuchten das damals korrespondierende Mitglied, Fritz Knoll, Botaniker und illegaler Nationalsozialist, die Interessen der Forschungseinrichtung vorübergehend wahrzunehmen. Als neuer Präsident wurde schließlich Heinrich Srbik gewählt, der sich immer wieder von der "großdeutschen" Idee und Forschung begeistert gezeigt habe.

Das wertet die Arbeitsgruppe auch als Schutzmaßnahme der Akademie: "Da hat man sicher jemanden gesucht, der gut mit der NSDAP konnte. Schließlich haben die Mitglieder den kräftigsten Nazi, den sie hatten, zum Präsidenten gemacht", so Stefan Sienell, Archivar der ÖAW und ebenfalls in der Arbeitsgruppe. "Das geschah wohl in der frohen Hoffnung, dass sich die neuen Machthaber nicht einmischen."

Duplik einer Bronzebüste von Fritz
Bahn 1948/49, Dauerleihgabe an die
ÖAW, Foto u. Montage:
Sienell

ÖAW - Sienell

Srbik-Büste (Original von Fritz Bahn) mit Zitaten aus den Reden Srbiks

Treue und Gehorsam für den Führer

Um ihre Ergebenheit noch weiter zu unterstreichen, hätten die Forscher auch ein Telegramm nach Berlin geschickt. Der Wortlaut:

"An den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler in Berlin! Die Akademie der Wissenschaften in Wien, zur Zeit Vorsitzende des Verbandes der deutschen Akademien, hat in ihrer Gesamtsitzung vom 18. März beschlossen, dem Führer des geeinten deutschen Volkes ehrerbietigen Gruß zu entbieten und ihm unverbrüchliche Treue und unbedingten Gehorsam zu geloben. Sie verspricht, dem großdeutschen Volksreich, in das Österreich heimkehrt, mit aller geistigen und sittlichen Kraft zu dienen und in der Arbeit an der Erhaltung und Erhöhung deutscher Kultur, der sie sich stets gewidmet hat, niemals zu erlahmen."

Grußtelegramme gingen auch an andere deutsche Akademien, wie Sienell im Katalog schreibt. Die Bayerische dankte erfreut für die "treue geistige Waffenhilfe, welche die Wiener Akademie ihren reichsdeutschen Schwestern in den schweren Jahren nach 1918 ohne Schwanken geleistet hat [und] wünscht ihr und uns allen im engsten Zusammenschluss ein doppelt fruchtbares Wirken für das geistige Lebens unseres großen deutschen Volkes."

Juden wurde nahegelegt auszutreten

Klare Konsequenzen hat der "Anschluss" für alle jüdischen Mitglieder gehabt. 1937 seien etwa zehn Prozent der Akademiemitglieder jüdisch gewesen, erklärte der Historiker Johannes Feichtinger. Allerdings habe man diese nicht entlassen können, denn im Gegensatz zu den Universitäten seien die Mitglieder nicht bei der Akademie angestellt gewesen. Allen als jüdisch definierten Mitgliedern sei deshalb nahe gelegt worden, freiwillig auszutreten, so Feichtinger - was bis 1941 dauerte. Unter ihnen befanden sich auch die Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli, Victor Hess und Erwin Schrödinger

"Die Akademie hat sich vor allem aufgrund ihrer historischen Autonomie zuerst sehr geziert, Mitglieder auszuschließen", so Feichtinger. Vorauseilenden Gehorsam habe es hier kaum gegeben. "Das war ein Übergriff der Politik auf die Wissenschaft, gegen den sich vor allem ältere Mitglieder gewehrt haben", so der Historiker.

Dass es vergleichsweise länger gedauert hat, bis alle jüdischen oder politisch missliebigen Mitglieder aus der Akademie entfernt waren, dürfte an etwas liegen, das sie bis heute auszeichnet: an "bürokatischer Bedächtigkeit", wie Katalogautor Herbert Matis in einem Beitrag schreibt.

Prinzipiell ist die Anzahl derartiger Mitglieder von Vornherein eher niedrig gewesen. Das erklären sich die Historiker vor allem mit der Besetzungspolitik in den Universitäten - denn die Akademie rekrutierte ihre Mitglieder aus der Professorenschaft. "Das war damals eine sehr abgeschlossene Gruppe, in der auch antisemitische Untertöne vorherrschten", meinte Sienell.

Biologe Przibram im KZ ermordet

Wesentlich dramatischer sei die Situation für die Mitarbeiter der Forschungsinstitute der Akademie gewesen. Im Radiuminstitut, im Vivarium und dem Phonogrammarchiv wurden die Mitarbeiter, die hier meist Bundesbedienstete waren, hinausgeworfen und die Direktoren ersetzt. "Entweder man hat einen Eid auf den Führer geschworen oder man war seinen Job los. Als jüdischer Mitarbeiter hatte man nicht einmal die Chance zu schwören", so Sienell.

Als einer der wenigen ist der Fall des Biologie-Professors Hans Przibram, Mitarbeiter des Vivariums, dokumentiert. Przibram und seine Ehefrau wurden 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt, wo er im Mai 1944 verstarb. Wie viele sein Schicksal teilten, ist unklar und eine der zentralen Fragen, denen man in den nächsten Monaten nachgehen möchte.

Zusammen mit den vertriebenen Mitgliedern wird diesen verfolgten Angehörigen der Akademie mit einer Gedenktafel im ÖAW-Hauptgebäude gedacht, die am kommenden Montag enthüllt wird. Auch ein virtuelles Gedenkbuch, ähnlich dem der Universität Wien, ist in Planung.

Schleppende Entnazifizierung und Symbolik

Nach der Niederlage des Deutschen Reichs 1945 kam es – vor allem auf Druck der Alliierten – zur Entnazifizierung. Auch in der Akademie war das ein Thema, neben symbolischen Zeichen habe hier jedoch vor allem der Wille regiert, die nationalsozialistischen Mitglieder nicht gänzlich zu verlieren, erklärte Heidemarie Uhl. "Man hat sich mit den nationalsozialistischen Mitglieder solidarisiert und versucht, sie durch bloße Ruhendstellung der Mitgliedschaften im Forscherverband zu erhalten", so die Historikerin.

"Sogar Wissenschaftler, die an den Universitäten Lehrverbot bekamen oder entlassen wurden, konnten an der Akademie bleiben. Nach dem Amnestiegesetz 1948 tauchen dann mit ganz wenigen Ausnahmen alle wieder auf", erklärte Uhl das Vorgehen der Akademie. Selbst erloschene Mitgliedschaften hätten keinen dauerhaften Ausschluss bedeutet.

Dieser Handlungsspielraum habe sich laut Feichtinger vor allem durch die wiederhergestellte Autonomie der Akademie ergeben. Denn ein interner Antrag zur Entfernung aller Mitglieder, die Teil der NSDAP gewesen waren, scheiterte am Widerstand des interimistischen stellvertretenden Leiters, Richard Meister. Wäre dieser Antrag angenommen worden, hätte die Akademie mehr als die Hälfte ihrer wirklichen Mitglieder sowie drei Fünftel der korrespondieren Mitglieder im Inland ausschließen müssen.

Aus Deutschen wurden Österreicher

1947 erfolgte die Umbenennung in "Österreichische Akademie der Wissenschaften". Generell sei in dieser ersten Zeit nach dem Krieg die Betonung des Österreichischen sehr stark gewesen. Alles was in der Forschung zunächst deutsch geheißen hatte, sei nun österreichisch umgetauft worden. "Selbst die größten Nazis positionierten sich als große Österreicher. Schon 1947 schreibt der deklarierte Nationalsozialist Fritz Knoll eine Geschichte der österreichischen Wissenschaft", erklärte Sienell. Das hatte zur Folge, dass sich die herrschende Elite kaum geändert habe, auch die Forschungsergebnisse wurden weiter genutzt.

Ergebnisse wie jene zur Biografie des überzeugten Nationalsozialisten Fritz Knoll, der von 1938 bis 1943 Rektor der Universität Wien war, stellen die Akademie heute vor Probleme: Denn Knoll machte auch nach dem Krieg Karriere. Von 1959 bis 1964 war er Generalsekretär der Akademie, 1967 wurde ihm eine der höchsten Auszeichnungen der ÖAW, die Medaille Bene Merito, verliehen.

Wie die Akademie mit diesem und anderen Ehrenzeichen umgehen wird, ist noch nicht klar. "Das ist eine schwierige Frage. Einerseits ist es fast zu viel der Ehre, wenn man hier eine Aktivität setzt und Knoll so noch einmal berühmt macht. Andererseits muss es hier eine klare Distanz geben", so Uhl.

Neben vielen noch offenen Forschungsfragen ist auch das einer der Punkte, mit denen sich die Historikerarbeitsgruppe in den nächsten Monaten auseinandersetzen wird.

science.ORF.at/APA

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