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Sonnblick-Kees: Gletscherzunge und See des Sonnblick-Gletschers

Gletscherrückgang betrifft auch Mikroben

Der dramatische Rückgang alpiner Gletscher hat starke Auswirkungen auf die Lebensbedingungen von Tieren und Pflanzen. Forscher der Universität Wien haben nun erstmals festgestellt, dass auch Mikroorganismen auf diese Veränderungen reagieren.

Biodiversität 15.03.2013

Bei ihren Analysen im Eis und in Gletscherbächen von 26 österreichischen Gletschern fanden sie zwar überraschend viele Kleinstlebewesen - die Artenvielfalt geht jedoch zurück, da hoch spezialisierten Mikroben der Lebensraum quasi wegschmilzt.

Erstaunliche Vielfalt

Die Studie in "The ISME Journal – Multidisciplinary Journal of Microbial Ecology":

"Microbial biodiversity in glacier-fed streams" von L. Wilhelm et al., erschienen am 14. März 2013.

Gebirgsgletscher schmelzen weltweit mit beachtlicher Geschwindigkeit. Die Folge: Vor allem in Gletscherbächen verändern sich die Umweltbedingungen schnell und grundlegend. Bisher war zwar bekannt, dass höhere Lebewesen auf die Umwälzungen reagieren. Das Forschungsteam um Tom Battin von Department für Limnologie der Uni Wien ging aber nun der Frage nach, wie Mikroben mit den Veränderungen ihres Lebensraums zurechtkommen.

"Das ist das erste Mal, dass die mikrobielle Vielfalt im Gletscher überhaupt in diesem Ausmaß untersucht wurde", so Battin im Gespräch mit der APA. Mit hochauflösenden Genanalyse-Methoden konnten die Doktoratstudentinnen Linda Wilhelm und Katharina Besemer bestimmen, welche Kleinstlebewesen sich in den Proben tummelten.

Erstaunlich sei die außerordentliche Vielfalt an Mikroben, die trotz der unwirtlichen Bedingungen in Gletscherökosystemen vorkommen. Battin: "Die Gletscher sind extreme Systeme, und trotzdem gibt es dort eine relativ hohe Vielfalt an mikrobiellem Leben."

Lebensraum schmilzt davon

"Unsere andere Feststellung ist, dass Gletscherrückgang in der Tat die Diversitätsmuster verändert", erklärte der Forscher. Damit verändere sich auch die Zusammensetzung der "mikrobiellen Gemeinschaften". Eine zentrale Rolle in dieser Entwicklung spielt der untere Teil des Eisfeldes, also die Zone, wo das Eis abschmilzt - die Gletscherzunge.

Die dortigen extremen Bedingungen bieten Lebensräume für ganz spezielle Mikroorganismen, die nirgends sonst leben können. Mit dem Gletscherrückgang schmilzt ihnen aber sozusagen ihr Lebensraum davon. Das führe in weiterer Folge auch zur zunehmenden Angleichung der Artenzusammensetzung. Da die speziellen Lebensräume weniger werden, wird auch "die Biodiversität von einem Tal zum anderen und von einem Gletscher zum anderen immer ähnlicher. Somit ist die Gefahr da, dass man hier einen regionalen Verlust an Biodiversität erleidet", so Battin.

Dieser Effekt wurde bisher nur bei höheren Lebewesen wie etwa Insekten beobachtet. Dass ähnliche Vorgänge auch auf der Ebene der Mikroorganismen ablaufen, haben die Wiener Wissenschaftler nun erstmals gezeigt.

Ob die Forscher diese Entwicklungen nun längerfristig weiterverfolgen können, sei noch nicht ganz klar, erklärte Battin. "Wir müssen uns bewusst sein, dass die Alpengletscher der Anfang vom fließenden Wasser sind, wie hier viele kleine Bäche entstehen. Wenn wir also dort oben massive Veränderungen haben, dann stellt sich die Frage, wie sich das weiter unten auswirkt. Das ist eine wesentliche Frage, die die Wissenschaft in Zukunft beschäftigen wird", resümiert Battin.

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