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Stacheldraht in einem KZ

Über das Grauen schreiben

Renate Lachmann ist Expertin für traumatische Literatur: Texte, die das Leid in den sowjetischen Vernichtungslagern beschreiben. In einem Interview spricht die deutsche Literaturwissenschaftlerin über die Lähmung der Sprache, Gulag-Musik und Strafarbeit bei minus 70 Grad.

Gulag 22.03.2013

science.ORF.at: Wie kamen Sie zur Lagerliteratur - falls das der passende Begriff ist?

Renate Lachmann: Ich würde eher von Literatur der Arbeitsvernichtungslager sprechen. Als Slawistin habe ich mich immer schon mit slawischen Literaturen beschäftigt und Texte vom Barock bis zum 20. Jahrhundert bearbeitet. Zur Literatur der Gulags kam ich durch die Lektüre von Alexander Solschenizyn und Jewgenija Ginsburg.

Das hat mich dazu gebracht, mich mit der Generation jener Opfer zu beschäftigen, die zu Schreibern wurden. Sowie mit der nächsten Generation, die aus den Berichten der Opfer ihrerseits Texte gemacht haben. Es geht also um den Gegensatz von echter Zeugenschaft und Texten, die starke fiktionale Elemente enthalten, genauer: um den Gegensatz von Faktografie und Fiktion.

Was fasziniert Sie an dieser Textgattung?

Renate Lachmann

Renate Lachmann

Renate Lachmann ist Professorin Emerita für Slavische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften hielt sie kürzlich einen Vortrag zum Thema "Gulag-Erfahrung und literarische Bewältigung".

Wie können Demütigung und Folter beschrieben werden, sodass es der Leser "fühlt", es empathisch zur Kenntnis nimmt? Letztlich geht es um die Frage, welche rhetorischen Verfahren die Autoren einsetzen: Wie lösen sie Affekte aus, wie stellen sie Vergegenwärtigung her?

Kann Literatur diesen Anspruch einlösen? Kann man über das Unsagbare überhaupt adäquat berichtet?

Es gibt Autoren, die der Meinung sind, das sei nicht möglich. Tadeusz Borowski, ein Überlebender von Auschwitz und bedeutender polnischer Schriftsteller, meinte: Es gibt keine Sprache für die Erlebnisse in Vernichtungslagern.

Geschrieben hat er dennoch darüber.

Ja, er hat gesagt: Wir sind zwar sprachlich gelähmt. Aber wenn wir das Erlebte für unsere Nachfahren erfahrbar machen wollen, dann müssen wir uns eben der Sprache der Literatur bedienen.

Seit Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" werden die sowjetischen Vernichtungslager als Gulag bezeichnet. Wie hießen sie davor?

"Gulag" war auch davor gebräuchlich, der Begriff ist ein Akronym aus "Glavnoe upravlenie lagerej" und bedeutet: Hauptverwaltung der Lager. Daneben sprach man auch von Straf-, Umerziehungs- und Besserungsarbeitslagern. Ähnlich wie in Ausschwitz - "Arbeit macht frei" - gab es am Eingang auch hier Aufschriften wie "Arbeit ist eine Sache des Heldenmuts". Natürlich wussten alle: Von Heldenmut kann gar keine Rede sein. Letztlich war es Vernichtung durch Zwangsarbeit, Hunger und Kälte.

Sie haben die Unterschiede zwischen der Gulag-Literatur erster und zweiter Generation exemplarisch anhand zweier Autoren untersucht, nämlich Danilo Kis und Karl Steiner. Wer waren die beiden?

Karl Steiner, der sich später Karlo Stajner genannt hat, stammte aus Wien, wo er als Drucker arbeitete. Als Kommunist ging er 1932 nach Jugoslawien und zwei Jahre später nach Moskau, wo er Leiter des Kominternverlags wurde.1936 wurde er verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, er sei Gestapo-Agent. Nach Aufenthalten in verschiedenen Lagern kam er nach Norilsk, nördlich des Polarkreises, wo im Winter Temperaturen von bis zu minus 70 Grad herrschen. Dort arbeitete er im Bergwerk und wurde wiederholt verhört.

Er weigerte sich aber regelmäßig, das vorbereitete Geständnis zu unterschreiben. Zur Strafe wurde seine Gefangenschaft immer wieder verlängert. Zunächst fünf, dann zehn, dann 15 und schließlich 20 Jahre. Durch Intervention von Tito bei Chruschtschow kam er schließlich 1956 frei, ging nach Zagreb und begann mit der Niederschrift seiner Erlebnisse. Das Buch "7000 Tage in Sibirien" erschien allerdings erst 1972 mit persönlicher Zustimmung Titos. Das passierte in einer, wenn man so will, kurzen Phase politischen Tauwetters in Jugoslawien.

Und Kis?

Danilo Kis war ein serbisch-jüdischer Autor, der einer ganz anderen Generation angehörte. Er wurde 1935 geboren und später unter anderem durch die Texte Steiners und Arthur Koestlers beeinflusst. Er hat diese Quellen benutzt und fantastisch-fiktionale Texte darübergelegt. Die eigentlichen Dokumente waren ihm zu "blass". Kis wollte, wie er sagte, durch seine Darstellung eine "tiefere Authentizität" herstellen.

Textvergleich

Karl Steiner schildert in "7000 Tage in Sibirien" das Schicksal eines Mithäftlings:

"Sie fanden ihn an der Stelle, wo die glutflüssige Schlacke aus der Großgießerei abgelagert wurde. Als Podolski umzingelt war und erkannte, dass es kein Entrinnen mehr gab, sprang er mitten in die kochende Masse. Nur eine Rauchwolke stieg auf. Er hatte Wort gehalten. Lebend bekamen sie ihn nicht."

Kis interpertiert diese Textstelle in seiner Erzählung "Ein Grabmal für Boris Davidovitsch" so:

"Am vierten Tag nach seinem Verschwinden entdeckt ihn ein Wächter in der Nähe der Gießerei, wo er sich, gleich einem bärtigen Gespenst, an einem großen Kessel mit flüssiger Schlacke wärmt. Man kreist ihn ein und lässt die Wolfshunde los. Die vom Hundegebell auf die Spur Gesetzten stürzen in die Kesselschmiede. Novskij steht auf dem Gerüst über dem Kessel, von den Flammen angestrahlt. Ein eifriger Wächter besteigt das Gerüst. Als er sich nähert, springt der Flüchtige in die siedende Masse. Die Wächter sehen ihn verschwinden und wie einen Rauchfaden wieder auftauchen - taub gegen jeden Befehl, unbeugsam, befreit von Wolfshunden, von Kälte und Hitze, von Strafe und Reue. Dieser tapfere Mann starb am 21. November 1937 um vier Uhr nachmittags. Er hinterließ einige Zigaretten und eine Zahnbürste."

Steiner hat im Gegensatz dazu einen nüchternen, deskriptiven Stil gepflegt.

Es ist fast unglaublich, wie stoisch er seine Erlebnisse beschreibt. "7000 Tage in Sibirien" ist eine Art Gedächtnisprotokoll. Steiner muss ein fantastisches Namensgedächtnis gehabt haben, denn seine Angaben sind alle historisch belegbar. Sein Ziel war es, Zeugenschaft abzulegen. Auch der Partei gegenüber: Er ist trotz der 20 Jahre in Vernichtungslagern zeitlebens Kommunist geblieben.

Ist es moralisch zulässig, so wie Kis vorzugehen? Darf man das reale Grauen mit den Mitteln der Fiktion überhöhen?

Das glaube ich schon, Kis empfand sein Schreiben als Verantwortung gegenüber den Toten. Was auch mit seiner Biografie zu tun hat: Kis war zwar kein Opfer des Gulag-Systems, aber verlor seinen Vater in Ausschwitz. Und er trat als öffentlicher Kritiker des serbischen Nationalismus auf.

Nach der Veröffentlichung seines dem Gulag gewidmeten Erzählbandes "Ein Grabmal für Boris Davidovitsch" 1976 wurde eine Verleumdungskampagne gegen ihn gestartet, Man bezichtigte ihn des Plagiats, um ihn literarisch und politisch fertig machen. Er emigrierte daraufhin von Serbien nach Paris, sein Erzählband wurde dort übersetzt - und zum Bestseller. Sein Text ist im Grunde ein Denkmal für alle, die kein Grab gefunden haben.

Wie war die Rezeption von Steiners Buch?

In Jugoslawien war das Buch ein Schock, aber auch ein Erfolg.

Wie hat man in der Sowjetunion darauf reagiert?

Meines Wissens nach überhaupt nicht. Ich glaube, von Steiner gibt es bis heute keine Übersetzung ins Russische.

Gibt es auch KZ-Literatur mit fiktionalen Elementen?

Durchaus. Wenn Sie etwa "Ist das ein Mensch?" und "Die Atempause" des italienischen KZ-Überlebenden Primo Levi vergleichen: Ersteres ist eine realistische Schilderung seiner Zeit in Auschwitz, letzteres liest sich fast wie ein Abenteuerroman, obwohl auch dieser Text eine reale Vorlage hat: Levis Heimreise von Auschwitz nach Turin.

In dieser Hinsicht sehen Sie also keine Unterschiede zwischen KZ- und Gulag-Literatur?

Ich kann das noch nicht endgültig beantworten. Auch deswegen, weil es eine Konkurrenz zwischen dem Gulag- und dem KZ-Diskurs gibt. Man sollte aufhören, Opferzahlen und Tötungsarten zu vergleichen. Beide sind Teil des europäischen Gedächtnisses.

Die Aufarbeitung des Holocaust hat in der zweiten Generation skurrile popkulturelle Blüten getrieben. Im Israel der 60er Jahre wurde das KZ-Thema unter anderem in Sex-Comics, sogenannten Stalags, verarbeitet. Inwiefern haben die Gulags kulturelle Spuren hinterlassen?

Das Thema war lange Zeit tabuisiert. Durch die Arbeit der von Andrei Sacharow mitgegründeten Menschenrechtsorganisation Memorial hat sich das mittlerweile geändert. Auf einer Gulag-Tagung im vergangenen Jahr hat eine Kollegin von Musikveranstaltungen in Moskau und Petersburg berichtet, bei denen die Nachfahren von Insassen in Häftlingskleidung auf der Bühne stehen und Lagerlieder singen. Das Publikum trägt elegante Abendgarderobe.

Und es gibt natürlich Filme zu diesem Thema. Das Interessante daran ist: Es gibt keine historischen Filmaufnahmen des Gulags - die Lager sind schlichtweg verschwunden. Aus diesem Grund bedienen sich die russischen Filmemacher nun bei den Darstellungen des Barackenlebens in den KZs. Die Nazi-Lager geben also das Paradigma vor - eine verrückte Geschichte!

Interview: Robert Czepel, science.ORF.at

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