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Ein Beispiel für die raffinierte Haarkunst des antiken Roms

Die raffinierten Frisuren der Antike

Tagsüber schneidet und färbt Janet Stephens in einem Friseursalon in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland ihren Kunden die Haare. Abends geht sie der raffinierten Haarkunst antiker Römerinnen auf den Grund und veröffentlichte ihre Erkenntnisse als Nicht-Akademikerin in einem wissenschaftlichen Fachmagazin.

Mode 25.03.2013

Die Studie ist zwar bereits vor fünf Jahren im "Journal of Roman Archaeology" erschienen. Vor kurzem hat Stephens aber auf einem Treffen des "Archaeological Institute of America" über den neuesten Stand ihrer Forschung berichtet und auch ein Video präsentiert.

Die Studie:

"Ancient Roman Hairdressing: On - hair - pins and needles" von Janet Stephens ist in der 2008-Ausgabe des "Journal of Roman Archaeology" erschienen (PDF-Datei).

Video:

Links:

Echte Frisuren oder Künstleridee?

Im Keller ihres Frisursalons zeigt Stephens antike Frisuren: "Dies hier ist eine Vestalin, jenes die Kaiserin Plotina, Gattin des Trajan. Sie hatte eine sehr besondere Frisur."

Historiker und Archäologen glaubten lange, dass die kunstvollen Frisuren jener Zeit, wie sie in Marmorskulpturen dargestellt sind, lediglich der Fantasie der Künstler entsprungen sind und wenig mit den tatsächlichen Frisuren zu tun hatten. "Es hieß immer, die Frisuren sind entweder Perücken oder Erfindungen der Bildhauer", sagt Stephens.

Nun will sie beweisen, dass die in Marmor gehauenen Hochsteckfrisuren mit aufwändig geflochtenen Kringeln und Locken eine ziemlich originalgetreue Nachbildung der Haarpracht sind, die Frauen mit hohem sozialen Status in der Antike trugen. Doch wie behielt die raffinierte Frisierkunst ihre Form?

Eine Frage von Nähnadel und Stecknadel

Nach jahrelanger Forschung glaubt Stephens, die Antwort zu kennen: "Ich hatte einen Geistesblitz, als ich in meinem Keller schwitzte über einer Frisur: Ich erkannte, dass es funktioniert und ich alle so machen könnte, wenn ich es mit Nadel und Faden zusammennähe."

Wahrscheinlich griffen ihr zufolge auch die Sklaven zum Nähzeug, um die ausgeklügelten Frisuren der jeweiligen Frauen mit Bändern und Knoten so zusammen zu heften, dass sie tagelang in Form blieben.

Im Rahmen ihrer Forschungen besuchte Stephens Museen, verbrachte lange Stunden in Bibliotheken und lernte sogar Deutsch, um ihre Erkenntnisse wissenschaftlich zu untermauern und zu dokumentieren. Dass das lateinische acus, das normalerweise im Haar-Kontext mit Stecknadeln übersetzt wird, auch Nähnadel heißen kann, gab den entscheidenden Hinweis.

"Die Frisuren funktionieren"

Auf YouTube zeigt die Haararchäologin akribisch, wie sie das Haar zunächst vorsichtig teilt, dann flicht, zu Schleifen und Locken dreht und manchmal teilweise oder ganz mit einem Tuch bedeckt. Dazu benutzt sie sogar historisches Werkzeug, darunter eine Knochennadel, Gummiharz und einfache Brennscheren. "Die Frisuren funktionieren", sagt sie. "Wenn man weiß, wonach man schauen muss, sieht man die Logik. Die Zöpfe laufen von einer Stelle zu einer anderen, wo sie sich in etwas Neues verwandeln."

Stephens will mit ihrem Hobby kein Geld verdienen, vielmehr möchte sie es Hollywood-Produzenten ermöglichen, für Filmszenen aus dem alten Rom mit Hilfe ihres YouTube-Videos die Frisuren originalgetreu nachzubilden.

Damit lasse sich dann hoffentlich ein Frisuren-Fauxpas wie im Historiendrama "Ich, Claudius, Kaiser und Gott" aus den 1970er Jahren vermeiden, lacht sie: "Verrückt, wie die Frisuren nach den 70er Jahren aussahen. Zu keiner Zeit hatte eine Frau der römischen Antike einen Seitenscheitel, sie sind immer in der Mitte, immer symmetrisch."

Fabienne Faur/AFP/science.ORF.at

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