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Krokusse im schnee

Märzwinter: Ein Fall für die Klimalogik

Botanische Untersuchungen zeigen: Der Frühlingsbeginn verschiebt sich in Richtung Jahresanfang. Klimaforscher prognostizieren hingegen kalte und lange Winter. Ein Widerspruch? Versuch einer Auflösung.

Kapriolenkunde 03.04.2013

"In Mitteleuropa kommt der Frühling früher", heißt ein Vortrag, den Elisabeth Koch morgen beim 14. Österreichischen Klimatag in Wien halten wird. Der Titel war schon länger geplant - angesichts der aktuellen Wetterlage klingt er freilich etwas unpassend. Doch Obacht: Klima und Wetter sind bekanntlich nicht das Gleiche. Das eine ist die langfristige Summierung des anderen, kurzfristige Kapriolen sind der Statistik der Klimaforschung relativ egal.

Koch, Leiterin der Fachabteilung Klimatologie an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), hat aus den Blühperioden diverser Pflanzenarten einen Trend destilliert. Und der lautet: Der Frühlingsbeginn hat sich in den letzten Jahrzehnten nach vorne verschoben. Das gilt etwa für Flieder und Kastanien. Sie blühen nun eher, als sie es noch vor 30 Jahren getan haben, nämlich Ende April statt im Mai. Fünf Tage pro Jahrzehnt hat sich der Frühling laut Kochs Analysen verschoben.

"Polarfront ist durchlässiger"

Soweit die Blütenkunde. Fachkollegen scheinen dem allerdings zu widersprechen. Letzte Woche bezeichnete Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven den kalten Frühling in Mitteleuropa als "Laune der Natur". Und prognostizierte: Wenn sich das Packeis in der Arktis weiter zurückbilde wie in den letzten Jahren, "werden diese Launen statistisch gesehen durchaus häufiger auftreten."

Soll heißen: Kalte Polarluft kann nun eher in unsere Breiten vordringen. Einmal dort angekommen, bleibt sie dort auch länger "sitzen". Also in Zukunft mehr kalte Frühlinge. Wie jetzt? Kommt er nun früher oder später, der Frühling?

Salomonische Antwort: Es kommt auf den Bezugsrahmen an, zeitlich wie räumlich. Global betrachtet hat sich die Temperatur im letzten Jahrhundert erhöht. Das schmelzende Packeis im hohen Norden ist Ausdruck dessen. Die Wärmeabsorption der eisfreien Meeresfläche beginnt seit gut 10 Jahren die großräumige Zirkulation nördlich von Europa zu verändern.

Ö1 Sendungshinweis:

Über den langen Winter und die Erderwärmung diskutierten auch die Gäste der Mittwochsrunde im Journal Panorama am 3. 4. um 18:25.

Paradox: Regional kälter, global wärmer

"Die Kalte Polarluft stößt etwa auf der Höhe von Island auf die wärmere Luft im Süden. Diese Grenze, die sogenannte Polarfront, ist nun durchlässiger geworden. Das ist der Grund, warum kalte Luft bis nach Mitteleuropa vordringen kann", sagt Michael Hofstätter, Klimaforscher am ZAMG.

Ab dem Jahr 2000 wurde laut Hofstätter dieses Phänomen erstmals beobachtet. Vermutlich habe die arktische Eisschmelze eine Schwelle überschritten. Weil es global wärmer ist, wird es nun bei uns - in Mitteleuropa und nur zum Frühlingsanfang - kälter. Ist die Klimaforschung mit der zweiwertigen Logik auf Kriegsfuß? Nein, zeigt die globale Temperaturbuchhaltung. Anderswo sind nämlich nun stabile Warmluftgebiete wahrscheinlicher: Pech für uns. Möglicherweise haben wir Mitteleuropäer im Frühjahr die regionale Kaltkarte gezogen, vorausgesetzt, der Trend hält an.

Der Trend, den Hofstätters Kollegin Koch entdeckt hat, gilt wiederum vor allem den 80er bis 90er-Jahren. In dieser Zeit hat sich die Durchschnittstemperatur (Jahresmittel) in Europa besonders stark erhöht. Die Pflanzen haben darauf reagiert. Sollten der Märzwinter zur Regel werden, werden sie wohl auch darauf reagieren - mit entsprechender Verzögerung.

Robert Czepel, science.ORF.at

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