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Eine Frau sitzt unter dem Blätterdach eines Baumes.

Kritische Medien nötig gegen Greenwashing

Kann Wirtschaft nachhaltig sein? Nicht ohne radikale Umkehr, schreibt der deutsche Politikwissenschaftler Ulrich Brand in einem Gastbeitrag. Er fordert die Medien auf, die Verheißungen der "Grünen Ökonomie" kritischer zu hinterfragen.

Gesellschaft 11.04.2013

Nachhaltige Öffentlichkeit

Von Ulrich Brand

Im Juni 2012 fand in Rio de Janeiro die UN-Konferenz zu Umwelt und Entwicklung statt. Eine auf Ö1 ausgestrahlte Sendung hat das bei dieser Konferenz ausgerufene Leitbild der "Grünen Ökonomie" untersucht - und etwas geleistet, was bei diesem Thema selten anzutreffen ist.

Der Journalistin gelang es, das Schwelgen im Normativen ("Wir müssten angesichts der vielen ökologischen und sozialen Probleme dies und jenes und zwar ganz dringend machen") zurückzudrängen. Ihr gelang es, über Fragen und Nachfragen auf die Gefahren hinzuweisen, die mit diesem neuen Leitbild einhergehen.

Zunächst wurde deutlich: Was ist überhaupt Grüne Ökonomie? Es formuliert ein Versprechen, über die geeigneten politischen Rahmenbedingungen und technologische Innovationen das Verhalten von Unternehmen und Verbrauchern so umzulenken, dass die tiefe ökologische, soziale und wirtschaftliche Krise wirklich angegangen werden kann. Grüne Ökonomie als aktuelle Version der Nachhaltigkeit.

Über den Autor:

Ulrich Brand

Bärbel Högner

Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien sowie sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Deutschen Bundestages.

Sein Gastbeitrag wurde auch im aktuellen Public-Value-Bericht des ORF veröffentlicht.

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"Wasch mir dem Pelz, aber mach mich nicht nass"

Das Versprechen, so wurde facettenreich deutlich, ist ein falsches Versprechen. Als Gründe wurde unter anderen erläutert: Die Politik war doch auch bisher, allen Bekundungen und Erfolgen im Einzelnen zum Trotz, kaum Willens und in der Lage, gegen mächtige und wenig nachhaltige Wirtschaftsinteressen anzugehen.

Sie traut sich auch nicht, den Menschen die Wahrheit zu sagen; dass nämlich der notwendige Strukturwandel grundlegend anderes Denken und Handeln erfordert. Das Motto von Nachhaltigkeitspolitik und der neuesten Variante à la Grüne Ökonomie lautet: "Wasch mir dem Pelz, aber mach mich nicht nass."

Der Begriff ist zum einen positiv besetzt – wer wollte schon gegen Nachhaltigkeit sein? Andererseits hat er eine derart inflationäre und unkritische Nutzung erlangt, dass das Konzept tendenziell der Politik in Sonntagsreden und den Unternehmen zu dem dient, was im Englischen als "greenwashing" bezeichnet wird. Immer mehr, was über die Medien beworben wird, wird als nachhaltig bezeichnet. Dem etwas entgegenzusetzen, umfassend und gegebenenfalls pointiert zu informieren und Deutungsangebote zu machen, ist eine Grundaufgabe von kritischem Journalismus.

"Wachstum, Wachstum, Wachstum"

Diese Zeilen schreibe ich einen Tag nach dem weitgehenden Scheitern der Klimakonferenz in Doha Anfang Dezember 2012. Es wurde wieder einmal deutlich, dass von den Regierungen keine verbindlichen Zusagen und Aktivitäten zu erwarten sind, den steigenden Emissionen und damit dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Das Versprechen der Nachhaltigkeit wurde wieder blamiert.

Die internationale Klimapolitik, so scheint es, wird mehr und mehr zum Terrain, auf dem Verschmutzungsrechte und damit Nicht-Nachhaltigkeit aufrechterhalten werden. Trotz der Warnungen des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change), trotz der Ahnung vieler Menschen, dass es irgendwie "so nicht weitergeht": Mit der Nutzung von Automobilen und Flugzeugen, mit dem Wirtschaftswachstum um jeden Preis – die drei Losungen als Ausweg aus der Krise lauten weiterhin "Wachstum, Wachstum, Wachstum" .

Am Thema Nachhaltigkeit wird das besonders deutlich: Es besteht die berühmte Lücke einerseits zwischen Einstellungen bzw. Wissen bei wachsenden Teilen der Bevölkerung einerseits, dass es nämlich angesichts der vielfältigen sozial-ökologischen Probleme eines tiefgreifenden Umbaus unserer Gesellschaft bedarf, und andererseits zwischen dem konkreten, meist wenig nachhaltigem Handeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft andererseits.

An diesem Paradox setzt unabhängiger Journalismus an.

Er zeigt in seiner Berichterstattung, wie weiterhin wenig
nachhaltig produziert und gelebt wird und dass dahinter spezifische Dynamiken und Interessen, allgemein akzeptierte Orientierungen und angenommene Alternativlosigkeit stehen.

Das Versprechen der Grünen Ökonomie wird über aufwendige Recherchen seiner dunklen Seiten überführt: Dass etwa für den Anbau der vermeintlich "nachhaltigen" Agrartreibstoffe, die aus Palmöl oder Soja gewonnen werden, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern von ihrem Land vertrieben werden, um dort Plantagen zu errichten.

Alternativen werden aufgezeigt, aber nicht aufgedrängt. Dies alles stellt die Grundlage dafür da, dass Menschen informiert sind, eigene Positionen bilden und damit gegebenenfalls informierte Entscheidungen treffen können.

Dem Greenwashing etwas entgegenstellen

Der öffentliche Wert von Medien besteht darin, nicht nur die Entwicklungen in ihrer Dramatik möglichst präzise zu beschreiben, sondern Antworten auf die komplexe Frage zu geben: Warum ändert sich so wenig? Medien sollten nicht moralisieren - und sie sollten keine falschen Alternativen aufzeigen.

Eine falsche Alternative im Bereich Nachhaltigkeit besteht darin, dass die Menschen nur mit dem eigenen Handeln – und insbesondere als KonsumentInnen – die Welt nachhaltiger machen können. So wichtig das ist, so wirkungslos bleibt das, wenn die Rahmenbedingungen des Handelns, nämlich Produktion und Politik nicht verändert werden. Und wenn in der Öffentlichkeit dem Greenwashing der Unternehmen und der Reduktion der Nachhaltigkeit auf einen Merkposten in Sonntagsreden nichts entgegen gestellt wird.

Ansonsten Schweiß und Tränen für Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum um jeden Preis. Guter Journalismus sollte daher auch nicht vor den potenten Werbekunden – etwa der Automobilindustrie – einknicken.

Die Menschen mündig machen

Und immer wieder sind Verknüpfungen zu leisten: So werden heute Orientierungen an und Praktiken von Nachhaltigkeit kaum noch mit der Frage der Demokratie verbunden. Dabei wäre es wichtig, und in der aktuellen Krise und der unzureichenden Krisenpolitiken angebracht, stärker über die gemeinschaftliche Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse zu diskutieren.

Auch hier spielen die Medien als Träger der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle. Auf der analytischen Ebene in der Bearbeitung der Frage: Wer und was bestimmt heute die Entwicklungsrichtung der Gesellschaft? Welche Interessen werden eher bedient?

Die Menschen können über eine kompetente und kritische Berichterstattung in Sachen Nachhaltigkeit von KonsumentInnen zu mündigen BürgerInnen, zu Gestaltenden in vielen Lebensbereichen werden. Nachhaltigkeit wird damit (wieder) zur öffentlichen Angelegenheit, zur Frage von Gestaltung – und letztlich von Macht.

Regierungen sichern den Private Value

Knapp zehn Jahre nachdem sich die BBC den Begriff des Public Value zu eigen machte, leben wir in einer paradoxen Situation. Das Öffentliche wird in der aktuellen Krise oft genug beschworen.

Die neoliberale Ideologie, dass der Markt und die Orientierung am Eigeninteresse alles richten, ist angekratzt (auch wenn die damit verbundenen Interessen der Vermögensbesitzer weiterhin die Politik bestimmen). Doch was ist das Öffentliche? Ist etwa Wirtschaftswachstum im öffentlichen bzw. gesellschaftlichen Interesse, weil es Gewinne und Arbeitsplätze schafft, staatliche Einnahmen und soziale Sicherung gewährleistet?

Kann das für ökologische Fragen "blinde" Wachstum in ein "nachhaltiges" überführt werden? Oder sind die Fixierung am Wachstum bzw. die Hinnahme unhinterfragter Wachstumszwänge Teil des Problems, die zur Gefährdung gesellschaftlichen Zusammenhalts und der natürlichen Lebensgrundlagen beitragen? Nachhaltiges Wachstum als Schimäre?

Das Öffentliche – das zeigen die Bankenrettungen – wird derzeit in wichtigen Bereichen selbst von mächtigen Privatinteressen zur Verteidigung von Privilegien ausgenutzt. Regierungen sichern in vielen Bereichen den Private Value und wälzen die Kosten – etwa in Form von Staatsschulden – auf die Öffentlichkeit und die breite Bevölkerung ab.

Auch Medien müssen kritisiert werden

Im Bereich der Nachhaltigkeit gilt Natur in Form von Klima, biologischer Vielfalt oder Wasser als globales öffentliches Gut, das es zu schützen gilt. Die Strategien hierfür: Das öffentliche Gut soll erhalten bleiben, indem es zur Ware gemacht und Gewinnkalkülen unterworfen wird: Emissionshandel, Bezahlung für "Ökosystemdienstleistungen", um intakte Ökosysteme zu erhalten, Privatisierung der Wasserversorgung. "Gebt der Natur einen Preis!" hören wir allerorten.

Das Öffentliche ist nicht per se besser, sondern es muss qualifiziert werden. Den Public Value gibt es nicht per se, er ist eine immer wieder auszuhandelnde Qualitätsdimension. Dabei spielen Medien als Konstituens von Öffentlichkeit genauso eine Rolle, wie sie sich selbst einer Qualitätsdiskussion auszusetzen haben. Dazu benötigt es der transparenten Darstellung wie auch der Bereitschaft, selbst kritisiert zu werden.

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