Standort: science.ORF.at / Meldung: "Fünftel aller Anthropologinnen sexuell belästigt"

Eine Frau hält die rechte Hand vor ihren Körper um zu sagen: Stop!

Fünftel aller Anthropologinnen sexuell belästigt

Feldarbeit gehört für Anthropologen und Anthropologinnen zum täglich Brot: Wenn sie Artefakte ausgraben, rekonstruieren sie aber nicht nur vergangene Kulturen. Die Arbeit gibt auch Hinweise auf die Gegenwart. Über 20 Prozent der Anthropologinnen werden von ihren Kollegen - zumeist den Vorgesetzten - sexuell belästigt.

Gender 15.04.2013

"Diese Erfahrung ist sicher nicht nur auf meine Zunft beschränkt", sagt die Anthropologin Kathryn Clancy von der Universität Illinois. Gemeinsam mit Kolleginnen hat sie eine Online-Umfrage gestartet, deren Ergebnisse nun bei der Jahrestagung der US-Anthropologengemeinschaft (AAPA) vorgestellt wurde. Sie sind nur vorläufig, die Umfrage läuft noch weiter.

Zahlreiche ähnliche Erfahrungen

Ausgangspunkt für die Studie war ein Gespräch, das Clancy vor zwei Jahren mit einer Freundin geführt hat. Die Bioanthropologin war bei der Feldarbeit von einem Kollegen vergewaltigt worden, wie die Online-Ausgabe von "Science" berichtet. Um ihre Karriere nicht zu gefährden, hat sie lange darüber geschwiegen.

Clancy nahm das zum Anlass, auf ihrem Blog im "Scientific American" nach ähnlichen Erfahrungen zu suchen. Zahlreiche Betroffene schickten ihr Geschichten über sexuelle Belästigung, die sie anonym veröffentlichte. Schließlich fasste sie den Entschluss, eine Umfrage per Mail und in sozialen Medien durchzuführen.

Daran nahmen knapp 100 Anthropologinnen und 23 Anthropologen teil. Rund 60 Prozent - beiderlei Geschlechts - gaben an, dass sie schon einmal Zeugen von "unpassenden sexuellen Andeutungen oder Witzen" während der Feldarbeit geworden sind. 21 Prozent der Frauen waren dabei selbst bereits körperlich sexuell belästigt worden, bei den Männern war es einer der 23. Die Belästigung ging in erster Linie von männlichen Anthropologen in übergeordneter Position aus, Opfer waren zumeist Studentinnen.

"Schuldige feuern"

Lorena Madrigal, die AAPA-Präsidentin, zeigt sich von den Ergebnissen schockiert. "Wenn das in den 50er, 60er, 70er oder noch in den 80er Jahren passiert wäre, hätte ich das geglaubt. Aber dass das in der Gegenwart noch so ist, halte ich für inakzeptabel", schreibt sie in einer Stellungnahme gegenüber "Science".

Sie spricht sich dafür aus, dass Frauen sexuelle Belästigungen sofort melden, vor Vergeltung durch die Täter geschützt und auch finanziell von den Universitäten unterstützt werden, um sich aus gefährlichen Situationen zurückziehen zu können. "Die Täter - damit sind auch die männlichen Studenten gemeint, die dabei zusehen - sollten gefeuert werden."

Dass die Anthropologinnen keine Ausnahme darstellen, zeigt eine Reihe anderer Studien. So ist laut einer Untersuchung des Österreichischen Instituts für Familienforschung aus dem Jahr 2011 hierzulande schon jede dritte Österreicherin einmal am Arbeitsplatz schikaniert worden.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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