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Das Ziesel kommt in Österreich nur mehr an wenigen Orten vor.

Ökosysteme reagieren langsamer als gedacht

Im Tier- und Pflanzenreich stirbt man langsam aus. Ob eine Art heute vom Untergang bedroht ist, hängt laut einer Studie weniger von den aktuellen Umständen ab als vom Stress, den ihr die Menschheit vor vielen Jahrzehnten beschert hat.

Biodiversität 16.04.2013

Das fand ein Team um Stefan Dullinger vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der Universität (Uni) Wien und Franz Essl vom Umweltbundesamt heraus. Dies würde bedeuten, dass die zeitgenössischen Umweltsünden die Artenvielfalt erst viel später dezimieren als angenommen und die "Roten Listen" der gefährdeten Arten in Zukunft noch länger werden, so die Forscher.

Die Studie:

"Europe’s other debt crisis caused by the long legacy of future extinctions" erscheint zwischen 15. und 20. April 2013 in den "Proceedings of the National Academy of Sciences" (DOI: 10.1073/pnas.1216303110).

Demographie und Wirtschaft

Der Stein-Klee

Stefan Dullinger

Ein Beispiel für eine bedrohte Pflanzenart: Der Stein-Klee, laut Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU eine "Pflanzenart von gemeinschaftlichem Interesse, für die besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen".

Die Forscher verglichen, die Zahl der Säugetiere, Fische, Kriechtiere, Libellen, Grashüpfer, Laubmoose und Gefäßpflanzen auf den "Roten Listen" in 22 europäischen Ländern, mit den jeweiligen Wirtschaftsdaten. Sie haben dazu aber nicht nur aktuelle Wirtschaftsdaten aus dem Jahr 2000 herangezogen, sondern auch historische von 1950 und 1900.

Je weiter sie ins 20. Jahrhundert zurückgehen, desto stärker wird der Zusammenhang zwischen den demografischen und wirtschaftlichen Daten und der aktuellen Einschätzung der Gefährdungssituation von Tieren und Pflanzen.

Jahrzehnte bis Jahrhunderte später

Ö1 Sendungshinweis:

Über die Studie berichtete auch "Wissen Aktuell" am 16. April 2013 um 13.55 Uhr.

"Bloß bei den Fischen passten die Wirtschaftsdaten von 2000 am besten zu der Verteilung der gefährdeten Arten in den europäischen Ländern", so Dullinger. Bei allen anderen Arten würde sich die Gefährdung eher in den Wirtschaftslagen von 1900 und 1950 widerspiegeln. Es braucht also bei den meisten Pflanzen und Tieren offensichtlich Jahrzehnte bis Jahrhunderte, bis der Druck auf den Lebensraum sie dezimiert oder zum Aussterben bringt, sagte er. Das gelte nicht nur für die oft recht langlebigen Gefäßpflanzen und Moose, sondern auch für kurzlebige Libellen und Grashüpfer.

"In wirtschaftskräftigen Ländern mit dichter Besiedelung, hohem Bruttonationalprodukt und intensiver Landwirtschaft ist der Druck höher, den die menschliche Gesellschaft auf die Pflanzen- und Tierwelt ausübt", sagte Dullinger im Gespräch mit der APA. Demnach wäre in diesen Ländern auch der Anteil der gefährdeten Arten höher. "Daran haben Investitionen in Umwelt- und Naturschutzmaßnahmen bisher leider wenig geändert", erklärte er.

Falsche Maßnahmen möglich

Die Langzeitfolgen der wirtschaftlichen Entwicklung wurden demnach bisher unterschätzt, so die Forscher in einer Aussendung der Uni. Durch die lange Verzögerung zwischen Ursache und Wirkung könne es auch passieren, dass man die falschen Maßnahmen zur Arterhaltung trifft, wenn etwa eine Art durch den historischen Wandel in der Landnutzung dezimiert ist und man das Problem vielleicht dem heutigen Klimawandel zuschreibt, erklärten sie.

science.ORF.at/APA

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