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Ein Netzwerk von Menschen

Entdeckt in nur zwölf Stunden

Wie effizient die Suche nach Personen in Zeiten Sozialer Medien sein kann, haben erst kürzlich die Ereignisse rund um das Attentat von Boston gezeigt. Forschern zufolge braucht es weniger als zwölf Stunden, um eine beliebige Person zu finden. Zumindest konnten sie das in einem Wettbewerb im vergangenen Jahr erfolgreich demonstrieren.

Soziale Medien 03.05.2013

Eine möglichst weit gestreute Mobilisierung sei dabei gar nicht so wichtig, entscheidend sei vielmehr, wie gezielt sie stattfindet.

Suchen im Schwarm

Die Masse zu mobilisieren, war nie so leicht wie heute. Über das Internet und Soziale Medien erreicht man binnen Sekunden große Mengen von Menschen, wenn nötig auf der ganzen Welt. Diese Erreichbarkeit hilft nicht nur beim Organisieren von Protestaktionen und beim Katastrophenschutz, sondern auch wenn es um die schnelle Lösung eines Problems geht, z.B. bei der Suche nach Objekten sowie vermissten und kriminellen Personen. Crowdsourcing nennt sich diese moderne Form der Arbeitsteilung durch Mithilfe von Freiwilligen.

Die Studie am Preprintserver "arXiv":

Targeted Social Mobilisation in a Global Manhunt" von Alex Rutherford et al.

Wie unglaublich effizient das funktionieren kann, hat unter anderem ein Wettbewerb der US-amerikanischen Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) anlässlich des 40jährigen Geburtstags des Internets bzw. von dessen Vorläufer, dem ARPANET, gezeigt. Im Rahmen der DARPA Network Challenge im Jahr 2009 wollte man ausloten, "welche Rolle das Internet und soziale Netzwerke bei der zeitgerechten Mobilisierung von Menschen und großflächigem Teambuilding zum Lösen überregionaler zeitkritischer Problem spielen".

Bei dem Wettbewerb wurden zehn rote Wetterballons auf der gesamten kontinentalen Fläche der USA verteilt. Ein Team vom Massachusetts Institute of Technology machte das Rennen, in weniger als neun Stunden hatte es alle Ballons gefunden. Eine spezielle Strategie bei der Rekrutierung der Freiwilligen hatte den Forschern zum Sieg verholfen. Finanziert wurde das von ihnen verwendete Anreizsystem durch das versprochene Preisgeld.

Mobilisierung zur "Menschenjagd"

Ö1 Jahresschwerpunkt 2013: Open Innovation

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Gezielte Mobilisierung ist wettbewerbsentscheidend, wie auch die Forscher um Alex Rutherford vom Masdar Institute of Science and Technology in Abu Dabi feststellen konnten. Die Forscher haben vergangenes Jahr bei einem vergleichbaren Wettbewerb, dem State Department's Tag Challenge mitgemacht, ein ähnliches Anreizsystem verwendet und ebenfalls gewonnen.

Dieses Mal wurde allerdings nach Menschen gesucht. Fünf Personen in fünf verschiedenen Städten Europas und der USA sollten in nur zwölf Stunden gefunden werden. Einzige Anhaltspunkte waren der Ort, ein Fahndungsfoto und man wusste, dass der Gesuchte ein T-Shirt des Wettbewerbs trug. Rutherfords Team konnte drei der "Gejagten" aufspüren und holte damit den Sieg.

In einer Studie analysierten sie nun, was zu ihrem Erfolg geführt hat. Dabei konnten sie einen Schlüsselfaktor identifizieren: die Fähigkeit, gezielt solche Mitstreiter zu aktivieren, die auch tatsächlich helfen können. So zeigte etwa eine Analyse der Twitter-Nachrichten, dass nicht jene Tweets zum Erfolg fügten, die einfach veröffentlicht wurden, sondern jene, die sich mittels Klammeraffen (@) an bestimmte Personen wandten.

So aktiviert man den Forschern zufolge einerseits gezielt Personen, von denen man vermutet, dass sie sich eher in der Nähe des Gesuchten befinden oder etwas Anderes über dessen Aufenthaltsort wissen. Andererseits fühlt sich jemand, der direkt angesprochen wird, eher bemüßigt, aktiv an der Suche teilzunehmen. Nachrichten, die ohnehin an alle gehen, werden eher ignoriert.

"12 hours of separation"

Dieses gezielte Vorgehen liegt den Forschern zufolge auch einem bekannten sozialem Phänomen zugrunde, dem sogenannten Kleine-Welt-Phänomen, das der US-amerikanische Soziologe Stanley Milgram Ende der 1960er Jahre bei einem Experiment entdeckt hat. Demnach sind wir von jedem x-beliebigen Mensch im Durchschnitt nur sechs Ecken entfernt ("Six degrees of separation"). Laut Studien gilt diese Theorie der kurzen Wege auch in der virtuellen Welt, bspw. für E-Mails. Facebook behauptet sogar, in seinem Netzwerk wären es nur vier Ecken.

Dass diese Wege in der Regel wirklich so kurz sind, liegt laut den Forschern um Rutherford eben an der gezielten Vorgangsweise der Teilnehmer. D.h., sie setzen die Kette auf eine Weise fort, die sie dem Ziel höchstwahrscheinlich näher bringt. Geht es z.B. darum, eine Verbindung zu einem Mensch in Japan herzustellen, werde man versuchen, jemanden zu kontaktieren, der ebenfalls dort lebt oder zumindest jemanden, der jemanden kennt, der dort lebt, usw.

So kommt man dem Ziel in möglichst großen Schritten näher. Ähnliches gilt laut Rutherford bei der zeitlich begrenzten Suche, die nur bei entsprechend zielgerichteter Aktivität zum Erfolg führt. Dann könnte man gesuchte Personen tatsächlich in weniger als zwölf Stunden finden und in Anlehnung an Milgram von einem "12 hours of separation"-Phänomen sprechen.

Beängstigende Effizienz

So beeindruckend die Effizienz der Suche, umso beunruhigender die praktischen Implikationen: Dass einzelne Personen blitzschnell gefunden werden, mag der Polizei bzw. dem Geheimdienst gefallen, für Privatpersonen klingt das eher beängstigend. Vor allem auch deshalb, weil man genauso gut auf falschen Spuren landen kann - im echten Leben tragen die Menschen keine T-Shirts mit entsprechender Aufschrift.

Wie schnell dabei Kollateralschäden auftreten können, wurde ebenfalls am Rande der Suche nach den Attentätern in Boston sichtbar. Dank Sozialer Medien tauchten auch Namen und Bilder vermeintlich Verdächtiger, aber unschuldiger Personen unvermittelt in den Nachrichtenagenturen der Welt auf.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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