Standort: science.ORF.at / Meldung: "Auf der Suche nach einem neuen Humanismus"

Porträtfoto des Literaturwissenschaftlers und politischen Aktivisten Edward William Said

Auf der Suche nach einem neuen Humanismus

Der Literaturwissenschaftler Edward Said hat mit seinen Schriften und Aktivitäten stets polarisiert: Sein Hauptwerk "Orientalismus", in dem er die abendländischen Vorstellungen vom Orient als eine Konstruktion westlicher Schriftsteller und Wissenschaftler entlarvte, erregte in der akademischen Welt großes Aufsehen und sorgte gleichzeitig für Irritationen.

Edward Said 03.05.2013

Auch das politische Engagement des palästinensisch-amerikanischen Intellektuellen für die Rechte der Palästinenser wurde vielfach kritisiert. Anlässlich des zehnten Todestages von Edward Said am 25. September 2013 fand Mitte April eine Konferenz in Utrecht statt, die sich eingehend mit seinem wissenschaftlichen Werk und seiner politischen Tätigkeit befasste.

Hat europäischen Orientalismus dekonstruiert

Der allgemeine Tenor der Vorträge und Diskussionen lautete, dass das facettenreiche literaturtheoretische Werk und das leidenschaftliche politische Engagement Saids eng miteinander verbunden seien, wie der französische Philosoph Etienne Balibar im Gespräch mit science.ORF.at anmerkte.

Veranstaltung:

Anlässlich des zehnten Todestages von Said fand vom 15.-17. April 2013 am Centre for the Humanities an der Universität Utrecht eine Memorial-Conference statt, die von der feministischen Philosophin Rosi Braidotti gemeinsam mit ihrem Team organisiert wurde. International angesehene Intellektuelle wie Judith Butler, Gayatri Chakravorty Spivak, Etienne Balibar und Mariam Said nahmen teil.

Porträtfoto des Literaturwissenschaftlers Edward William Said

Daniel Barenboim Stiftung

Edward William Said wurde am 1. November 1935 als Sohn palästinensischer Christen in Jerusalem geboren und verbrachte den Großteil seiner Kindheit und Jugend in Kairo. Saids Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, der längere Zeit in den Vereinigten Staaten von Amerika gelebt hatte, ließ seinen Sohn auf englischsprachigen Eliteschulen erziehen. Später lehrte Said Englische und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University, sowie an der Harvard und Yale University.

Seit Ende der 1960er Jahre setzte sich Said in Zeitschriftenartikel und Interviews für die Rechte der Palästinenser ein. 1977 wurde er als parteiloser Intellektueller in das palästinensische Exil-Parlament gewählt und arbeitete eng mit Jassir Arafat zusammen, den er später heftig kritisierte. In der Folgezeit wurde Said zu einem prominenten palästinensischen Dissidenten und innerarabischen Kritiker, dessen Bücher von Arafat verboten wurden. Dennoch setzte Said seine Angriffe gegen die Repressionspolitik Israels fort, was ihm scharfe Kritik von Intellektuellen wie Bernard Lewis und Ernest Gellner einbrachte.

Said gründete 1999 zusammen mit dem Dirigenten Daniel Barenboim und dem Generalbeauftragten der damaligen europäischen Kulturhauptstadt Weimar, Bernd Kauffmann, das West-Eastern Divan Orchestra. 2002 erhielt er gemeinsam mit Daniel Barenboim den Prinz-von-Asturien Preis für seine Verdienste um die israelisch-palästinensische Aussöhnung. Am 25. September 2003 verstarb Said starb in New York an den Folgen einer Leukämieerkrankung.

Links:

Literaturhinweise:

Edward Said: Orientalismus, übersetzt von Hans Günter Holl, S. Fischer Verlag
Edward Said: Am falschen Ort. Autobiografie, übersetzt von Meinhard Büning, Bloomsbury Verlag
Daniel Barenboim/Edward Said: Parallelen und Paradoxien. Über Musik und Gesellschaft, übersetzt von Burkhardt Wolf, Bloomsbury Verlag
Sekundärliteratur:
Markus Schmitz: Kulturkritik ohne Zentrum. Edward W. Said und die Kontrapunkte kritischer Dekolonisation, Transcript Verlag
Julia Reuter/Alexandra Karentzos (Hrsg.): Schlüsselwerke der Postcolonial Studies, Springer Verlag

"Said verabschiedete das binäre Konzept von literaturtheoretischer und politischer Tätigkeit", so Balibar, "um die Möglichkeit eines neuen Humanismus zu schaffen, den ich als Universalismus bezeichnen möchte". Der von Said verstandene Humanismus beschränkte sich jedoch nicht auf den europäischen Humanismus, sondern bezog alle Weltkulturen mit ein.

Eine wichtige Vorarbeit für die Entfaltung eines umfassenden Humanismus, wie ihn Said verstand, war die Dekonstruktion des europäischen Humanismus, der wesentlich als Eurozentrismus anzusehen ist. In seinem Aufsehen erregenden Buch "Orientalismus" zeigte Said am Beispiel zahlreicher Dokumente von akademischen Orientalisten, Schriftstellern und Journalisten auf, wie das Klischee des Orientalen konstruiert wurde.

Klischee vom träumerischen Orientalen

Französische Schriftsteller wie Gérard de Nerval und Gustave Flaubert entwarfen ein Bild des Orients als Schauplatz einer mystischen und sexuell aufgeladenen Lebensweise, das bis in die Filme von Pier Paolo Pasolini nachwirkt, wie Rosi Braidotti im Gespräch mit science.ORF.at betont.

"Auf diese Weise hat der Orient Europa dazu gedient, sich als dessen Gegenbild zu entwerfen". Dieses Klischee habe sich bis heute durchgehalten; es fände sich in den Reden von Politikern und in den Berichten über arabische Länder in verschiedenen Medien.

Das Klischee vom passiven, träumerischen Orientalen diente dann kolonialistischen Politikern - von Napoleon bis zu George W. Bush - dazu, um die politische Herrschaft des Westens über den Nahen Osten und seine imperialistische Ausbeutung zu rechtfertigen. Da ja die orientalische Bevölkerung im Zustand eines zurückgebliebenen, passiv verharrenden, wenig produktiven Lebens verharrte - so lautete die Argumentation - fühlten sich Politiker europäischer Staaten legitimiert, im Namen des Fortschritts den Orient zu kolonialisieren.

Kontroversielle Reaktionen

Saids Dekonstruktion des Orientalismus entfaltete eine außerordentliche Wirkung. Das Buch gilt als ein Gründungsdokument der "Postcolonial Studies", also jener Theorien, die sich mit den Auswirkungen des Kolonialismus seit seinen Anfängen beschäftigen. Schon damals war die Rezeption von Saids Werk über den Orientalismus kontroversiell.

Einerseits wurde es als ein theoretisches Jahrhundert-Buch gefeiert - eine Einschätzung, die Rosi Braidotti, Etienne Balibar und Judith Butler auch heute noch teilen, wie sie im Gespräch mit science.ORF.at betonten.

Andererseits wurde der Vorwurf einer politisch motivierten einseitigen Theorie laut- vor allem von Saids "Intimfeind" - dem britisch-amerikanischen Publizisten und Politikberater Bernard Lewis - die nur das Ziel habe, den Okzident zu diskreditieren.

Empathie für individuelle und kollektive Opfer

Umstritten war auch Saids Rolle als Vorkämpfer für die Rechte des palästinensischen Volkes, für die er sich leidenschaftlich und kompromisslos einsetzte. Dabei blieb er seiner Auffassung von den Aufgaben eines Intellektuellen treu, die folgendermaßen lautete: "Ein Intellektueller, der den Namen verdient, sollte immer die Wahrheit unerschrocken aussprechen".

Obwohl Said über Jahrzehnte den Befreiungskampf des PLO-Führers Jassir Arafat unterstützte, kritisierte er zugleich dessen Führungsstil und bezichtigte ihn der Korruption. In seinem Buch "The Question of Palestine" prangerte er den Militarismus der palästinensischen Befreiungsbewegung an und bezeichnete Arafat als "miesen Diktator".

Saids ausgeprägtes Mitgefühl für Menschen, die wie die Palästinenser Unrecht erlitten haben, ("Said wählte Palästina, weil es Opfer ist", notierte der libanesische Schriftsteller und Publizist Elias Khoury), wird durch seine Biografie verständlich. In seiner Autobiografie "Out of Place"/"Am falschen Ort" beschreibt Said seine teilweise bedrückende Kindheit und Jugend in Kairo, Jerusalem, dem Libanon und später an Eliteschulen in den USA, wo er als Palästinenser sowohl von den Lehrern als auch den Mitschülern als ein Mensch zweiter Klasse behandelt wurde.

Said zeichnet den Formationsprozess eines Subjekts nach, der von hegemonialen Strukturen bestimmt wurde. Das Ergebnis war ein Individuum, das unter einer tiefen Spaltung litt und sich - ähnlich wie Franz Kafka - stets als Opfer fühlte. Die amerikanische Philosophin Judith Butler sagte im Gespräch mit science.ORF.at, dass sie diese einfühlsame Schilderung Saids, wie seine Biografie konstruiert wurde, die er als "ein Leben im ganz Falschen" (Adorno) erlebte, sie besonders berührt hat.

Versöhnliche Ansätze - mit einem Orchester

Said war aber nicht nur Intellektueller und Politiker, sondern er befasste sich zeit seines Lebens mit der Musik. Er, der in seiner Jugend Pianist werden wollte, gründete mit dem aus Israel stammenden Dirigenten Daniel Barenboim 1999 ein jüdisch-arabisches Jugendorchester - das West-Eastern Divan Orchestra. Diese Bezeichnung übernahmen sie von Johann Wolfgang von Goethes Werk "West-östlicher Divan", das beide außerordentlich schätzten.

Es war dies ein konkreter Versuch, mit Hilfe der Musik eine Brücke zwischen den verfeindeten Lagern zu bauen, wie Mariam Said, die Ehefrau von Edward, im Gespräch mit science.ORF.at ausführte. Die Kooperation im Mikrokosmos des Orchesters sollte ein Vorbild für das Zusammenleben von Juden und Palästinensern in einem gemeinsamen Staat sein, in dem beide Gruppen gleiche Rechte haben - so lautete die Vorstellung von Said, die er in einem Interview mit dem armenisch-amerikanischen Radiojournalisten David Barsamian äußerte.

"Es ist die einzig mögliche Idee, dass die beiden Gruppen friedlich miteinander leben und sich nicht gegenseitig auszulöschen versuchen".

Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft

Mehr zu dem Thema: