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Cheeseburger

Forscher: Hände weg von Fertignahrung

US-amerikanische Ernährungsexperten schlagen wieder einmal Alarm: Fertiggerichte, Fast Food und selbst Menüs im Restaurant seien zu fett, zu salzig, zu kalorienreich - und für Übergewicht und Herzinfarkte verantwortlich.

Essen & Trinken 14.05.2013

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht mittlerweile von einer Adipositas-Pandemie. Während in manchen Regionen Hunger an der Tagesordnung steht, werden die Menschen andernorts (manchmal sogar im gleichen Land) durch Fehlernährung immer fettleibiger. Das Gleiche gilt für Hunde und Katzen. Selbst Labor- und Zootiere sind mittlerweile deutlich speckiger als noch vor 20 Jahren, wie eine Studie zeigt.

Von den 300 Millionen adipösen Menschen weltweit leben bereits 115 Millionen in Entwicklungsländern. Weltführer in Sachen Übergewicht sind allerdings nach wie vor die USA. Insofern haben Ernährungsstudien aus diesem Raum auch prognostischen Charakter für Europa und dem westlichen Lebensstil zustrebende Schwellenländer.

Forscher um Stephen Havas von der Northwestern University stellten im Fachblatt "JAMA Internal Medicine" einen Bericht über den Salzgehalt in Lebensmitteln vor. Resümee: Er ist deutlich zu hoch und hat sich seit 2005 nicht wesentlich geändert. In Fertiggerichten sei der Natriumanteil in diesem Zeitraum nur um 3,6 Prozent gefallen, bei Fast Food sei er sogar noch um 2,6 Prozent gestiegen.

"Wir sind gescheitert", sagte Havas. "Unsere Studie zeigt, dass die Fast-Food-Industrie das Problem verschleppt. Und es wird nicht verschwinden, bis die Regierung Schritte setzt, um die Bevölkerung zu schützen. Der Natriumgehalt im Essen muss reguliert werden."

"Die Industrie profitiert"

Studien

"Changes in Sodium Levels in Processed and Restaurant Foods, 2005 to 2011", JAMA Internal Medicine, 13. Mai 2013.

"Restaurant Meals: Almost a Full Day’s Worth of Calories, Fats, and Sodium", JAMA Internal Medicine, 13. Mai 2013.

Laut Studien ist der zu hohe Salzkonsum pro Jahr für 150.000 Todesfälle in den USA verantwortlich. 90 Prozent der US-Amerikaner haben Havas zufolge einen zu hohen Blutdruck - und Salz sei eine der Hauptursachen dafür. Der typische Amerikaner nimmt pro Tag zwei Teelöffel reines Salz zu sich. Das ist mehr als das Dreifache dessen, was die American Heart Association empfiehlt. Der Löwenanteil dieser zwei Teelöffel stammt aus industrieller Nahrung und Fertiggerichten. Das Salz aus dem Salzstreuer ist demnach nicht das Problem.

"Letztlich profitiert die Lebensmittelindustrie vom hohen Salzanteil der Nahrung", sagt Havas. "Er überdeckt die Zutaten, die oft nicht bester Qualität sind. Viel Salz regt auch zum Konsum von Getränken an, wovon die Industrie erneut profitiert." Eine Lösung des Dilemmas wäre, Speisen selbst zuzubereiten und mit dem Salzstreuer sparsam umzugehen. Die Geschmacksknospen seien anpassungsfähig, betont Havas: "Wer seinen Salzkonsum um 20 Prozent reduziert, wird es nicht einmal merken."

Sportbilanz als Appetithemmer

Dass Restaurants nicht unbedingt eine Alternative zum Fast-Food-Lokal sind, zeigt eine weitere Studie in "JAMA Internal Medicine". Mary L'Abbe von der University of Toronto hat 685 Hauptgerichte und 156 Nachspeisen in 19 Lokalen getestet, auch hier ist die Bilanz, dass die Speisen allzu opulent sind. Im Grunde deckt bereits ein Gericht den Tagesbedarf an vielen Inhaltsstoffen: nämlich im Schnitt 56 Prozent der veranschlagten Kalorien, 151 Prozent der empfohlenen Tagesdosis Salz, 89 Prozent der Tagesdosis Fett und 60 Prozent der Tagesdosis Cholesterin.

Laut US-Recht müssen Restaurantketten mit mehr als 20 Niederlassungen die Kalorienbilanz der angebotenen Gerichte in der Speisekarte sichtbar machen. Das soll die Konsumenten zu gesundheitsbewusster Ernährung motivieren. So weit die Theorie. In der Praxis funktioniere das aber so gut wie nie, kritisierte die Ernährungswissenschaftlerin Meena Shah beim Experimental Biology Meeting in Boston. Ihr Vorschlag: Es wäre besser, statt der Kalorien die entsprechende Zeit an Sport anzugeben, die diesen Kalorienbetrag verbrennt.

Shah hat das bei 300 Frauen und Männern zwischen 18 und 30 getestet. Wurde in der Speiskarte der Doppelcheeseburger mit einem zweistündigen Marsch in forschem Tempo angepriesen, griffen die Teilnehmer eher zur leichteren Kost als zu Kalorienbomben. Die Ergebnisse seien aber nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, sagte Shaw. Ob der Trick auch bei Älteren wirke, werde sie nun überprüfen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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